URI:
       # taz.de -- Die Wahrheit: Museum ohne Maori
       
       > Neues aus Neuseeland: Nicht nur Denkmäler werden gestürzt, jetzt wird das
       > Wachsfigurenkabinett der Eingeborenen eingemottet.
       
   IMG Bild: Feuerwerk zur Begrüßung von Matariki in der Region von Nelson, 18. Juli 2020
       
       Die Denkmäler des Kolonialismus stürzen. Doch was ist mit den Figuren, die
       nicht Sklaventreiber und Eroberer verkörpern, sondern ihre Opfer? Während
       in Christchurch nach wie vor die Marmorstatue des umstrittenen Seefahrers
       James Cook im Victoria Park thront – auch so ein überfälliger
       königlich-kolonialer Name –, werden dort im Museum demnächst
       Maori-Plastiken eingemottet.
       
       Als Neuseeland in den Lockdown ging, wurde auch eine berühmte Familie für
       immer abgeschottet: eine Gruppe von drei lebensgroßen Maori-Figuren im
       Canterbury-Museum, die vorkoloniale Zeiten darstellen sollen. Der Mann
       kratzt mit einem Stein am Fels, die Frau im Federumhang macht Feuer, das
       Kind trinkt aus einer Kalabasse. Alltag in Aotearoa, bevor die Briten
       kamen. Schulkinder und Touristen lieben diese Museumshalle.
       
       1993 wurde das Diorama mit einem Tourismus-Preis für den „besten Beitrag
       für kulturelle Verständigung“ geehrt. Manche finden das
       Wachsfigurenkabinett der Eingeborenen jedoch gruselig. Und einige
       beleidigend. Jetzt ist das Glasfenster, durch das die neolithische Familie
       seit 28 Jahren neben Moa-Jägern und Sammlern bestaunt wurde, verhängt. Dazu
       eine gedruckte Entschuldigung für diese Fehlpräsentation.
       
       Schon lange gab es Proteste. Dave Brennan repräsentierte bis 2005 die
       Stämme Ngāi Tūāhuriri Rūnanga und Ngāi Tahu im Museumsvorstand. Er
       beschwerte sich darüber, dass seine Vorfahren nur als Höhlenmenschen mit
       Neandertaler-Zügen dargestellt wurden, ohne ihre Tätowierungen und das
       Kunsthandwerk, das sie mit ihren Vorfahren verbindet. „So sind sie
       niemand“, sagte Brennan. Es dauerte fünfzehn Jahre, bis er gehört wurde.
       
       Kontrovers ist auch ein altes Ölgemälde in Wellington, für das das
       Nationalmuseum Te Papa 1,5 Millionen Dollar zahlte. Das Werk aus dem Jahr
       1861 heißt „View of Mt Egmont, Taranaki, New Zealand, taken from New
       Plymouth, with Maoris driving off settlers“ (Blick vom Mount Egmont … mit
       Maoris, die Siedler vertreiben). Es zeigt wilde Krieger, die friedliche
       Pioniere bedrohen, Vieh stehlen und Häuser anzünden.
       
       Abgesehen davon, dass der Plural von „Maori“ auch „Maori“ heißen muss, ist
       das Kunstwerk eine Falschdarstellung der blutigen Kolonialgeschichte –
       besonders in der Region Taranaki, wo britische Soldaten das Friedensdorf
       Parihaka stürmten, niederbrannten und Frauen vergewaltigten. Ein
       Maori-Ältester aus Taranaki sagte, dass das Ölbild „aufs Feuer und
       verbrannt“ gehöre.
       
       Kurz vorm Abfackeln steht auch der „Time Tunnel“ der Gondelbahn in
       Christchurch. Besucher werden durch einen Gang geführt, in der vom Band die
       Geschichte der Region erklärt wird. „Total anstößig“ sei das
       Touri-Erlebnis, da es Kolonialisten verherrliche und Maori-Wörter falsch
       ausspreche, so die Kritik. Das Gruselkabinett wurde jedoch 2006 bei der
       Eröffnung von Stammesseite aus abgesegnet. Jetzt werden die Kommentare auf
       Tripadvisor zur Waffe.
       
       23 Jul 2020
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Anke Richter
       
       ## TAGS
       
   DIR Kolumne Die Wahrheit
   DIR Neuseeland
   DIR Maori
   DIR Denkmäler
   DIR Kolumne Die Wahrheit
   DIR Neuseeland
   DIR Neuseeland
   DIR Lesestück Recherche und Reportage
   DIR Neuseeland
   DIR Neuseeland
   DIR Neuseeland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Die Wahrheit: Terror-Rap im Irrsinn
       
       Neues aus Neuseeland: In Aotearoa lassen sich Menschen vor den
       Verschwörungstheoretikerkarren spannen, die zum Teil Besseres verdient
       hätten.
       
   DIR Die Wahrheit: Corona auf der Südhalbkugel, Teil 2
       
       Neues aus Neuseeland: In Aotearoa versucht nicht nur Regierungschefin
       „Jacman“ Jacinda Ardern tapfer gegen Corona-Social-Media-Legenden
       vorzugehen.
       
   DIR Die Wahrheit: Langzeithochzeitsreise
       
       Neues aus Neuseeland: Aotearoa gilt als coronafrei. Wer würde da nicht um
       die halbe Welt schippern, um ins Paradies zu gelangen?
       
   DIR Neujahr nach dem Maori-Kalender: Silvester mit Siebengestirn
       
       Neuseeland feiert das Maori-Neujahr mit Blick auf die Sterne. Matariki ist
       keine Böllerparty, sondern Rückbesinnung auf die indigene Kultur.
       
   DIR Die Wahrheit: Coronaparadise closed
       
       Neues aus Neuseeland: Im fernen Aotearoa ist nur noch willkommen, wer einen
       landestypischen Pass sein Eigen nennt. Das hat gar tragische Folgen.
       
   DIR Die Wahrheit: Absturz statt Denkmal
       
       Neues aus Neuseeland: Auch am Ende der Welt bläst die Jugend zum
       Bildersturm. Stürzt die Eroberer, versenkt die Pioniere tief in der Südsee!
       
   DIR Die Wahrheit: Blumen für Bloomfield
       
       Neues aus Neuseeland: Der führende Virologe Aotearoas gilt als Sexsymbol
       und wird hymnisch besungen. Jetzt verschwindet er aus der Öffentlichkeit.