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       # taz.de -- Regeln und ihre Verbindlichkeit: Anleitung zum Regelverstoß
       
       > Die einen zahlen Bußgelder, wenn sie Abstandsregeln missachten, die
       > anderen nicht. Was lernt das jugendliche Kind daraus?
       
   IMG Bild: Einflussreich und deshalb über Abstandsregeln erhaben? Hamburgs SPD-Innensenator Andy Grote
       
       Es gibt Dinge, die man als jugendlicher Mensch irgendwann lernt. Wenn sich
       meine Kinder früher über ungerechte Zensuren beschwerten, antwortete ich
       ihnen: Das Leben ist ungerecht, gewöhn’ dich dran. Es gibt Dinge, gegen die
       man sich wehren kann, wenige Dinge, und es ist auch eine Frage
       verschiedenster eigener Ressourcen, ob es sinnvoll und möglicherweise
       erfolgreich ist, dieses Sich-wehren zu betreiben. Und diese vorhandenen
       oder nicht vorhandenen Ressourcen, also auch die eigene Wehrhaftigkeit,
       stellen eine weitere von vielen Ungerechtigkeiten dar.
       
       Die jugendlichen Kinder einer Bekannten wurden in der vergangenen Woche –
       zu viert, auf zwei Parkbänke verteilt – erwischt, was ihnen pro Kind 150
       Euro Bußgeld wegen Nichtgewährleistung der Einhaltung des Mindestabstandes
       einbrachte. Das Kind, dessen Eltern einen Nettolohn von 7.400 Euro nach
       Hause bringen, sieht der Sache möglicherweise etwas gelassener entgegen als
       das Kind, dessen Familie von 1.800 Euro monatlich lebt. Ungerecht? Aber
       damit hat es sich noch nicht, und das Kind, dessen Familie von Hartz IV
       lebt, ist solcherart Ungerechtigkeiten schon lange gewöhnt.
       
       Sehen wir uns die Hotspots der Party- und Jugendtrinkkultur an: Den Platz
       vor der „Tabakbörse“ am Pferdemarkt oder am Schulterblatt nebenan, wo die
       jungen Menschen sich traditionell dem stilvollen
       Auf-der-richtigen-Straße-herumstehen-und-Trinken hingeben. Dort wird ein
       Mindestabstand nicht im Mindesten eingehalten. Dort griff die Polizei dann
       jüngst durch, indem sie die Läden schloss und die Straße räumte. Folgen in
       Form von Bußgeldbescheiden hatte das für diese Trinkenden nicht.
       
       Es ist eben auch schwierig, einen betrunkenen Mob abzukassieren, sehr viel
       schwieriger, als vier Jugendliche auf zwei Parkbänken. Es ist vielleicht
       sehr viel vernünftiger, die Sache anders anzugehen, aus Polizistensicht.
       Was der jugendliche Mensch davon lernen kann: Wenn du etwas nicht Erlaubtes
       oder sogar Verbotenes meinst tun zu müssen, dann tu es mit vielen anderen
       Menschen gleichzeitig.
       
       Oder, und das ist die allerwichtigste Sache, die ein jugendlicher Mensch
       derzeit lernen kann: Sei ein wichtiger, einflussreicher Mensch. Sei ein
       Innensenator! Denn die Sache ist die, wenn du ein wichtiger, ein
       einflussreicher Mensch bist, dann kommen meistens keine Polizisten gelaufen
       und schreiben dir einen Zettel über ein Bußgeld aus. Sehr, sehr gering ist
       die Wahrscheinlichkeit, dass die Polizisten dies tun, wenn du Innensenator
       und also irgendwie Chef dieser Polizisten bist.
       
       Du könntest auch eine große Villa besitzen und ein parkähnliches Areal, wo
       du dich mit deinen Freunden auf eine deiner eigenen Parkbänke setzen
       könntest, das wäre auch eine recht sichere Möglichkeit, selbst größere
       Gruppen von Menschen ungestört die Gewährleistung der Einhaltung des
       Mindestabstandes missachten zu lassen. Aber das ist gar nicht nötig, und du
       kannst es auch öffentlich und vor den Augen der Polizisten tun, wenn du
       selbst das größte Vorbild in Sachen innerer Sicherheit bist.
       
       Nun ist es ja so, dass unser Hamburger Innensenator, Andy Grote, sich
       öffentlich dafür entschuldigt hat, dafür, dass er eine private Sause
       anlässlich der Wiederwahl unseres Bürgermeisters gegeben hat, einen
       Stehempfang, wie er betonte, bei dem doch relativ viele Leute, auch wenn
       sie sich die Tür in die Hand gegeben haben sollen, gleichzeitig in einem
       Raum beieinander gestanden haben. Aus mehr als zwei Haushalten, möchte ich
       meinen. Nicht mehr als fünfzehn gleichzeitig, sagt Herr Grote. Sie hätten
       sich alle „regelkonform“, also mit anderthalb Meter Abstand zueinander, in
       der Bar aufgehalten. Man weiß es nicht.
       
       Und vielleicht hat dies nun doch noch unangenehme Folgen für Herrn Grote,
       denn jetzt nutzt der politische Gegner die Stunde für sich, wie es halt so
       üblich ist.
       
       Das jugendliche Kind allerdings hat in diesen verwirrenden Zeiten,
       bezüglich der Folgen von Regelverstößen, fürs Leben gelernt: Sei nicht arm!
       Gehöre einer Gruppe oder Lobby an! Bekleide ein wichtiges Amt!
       
       24 Jun 2020
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Katrin Seddig
       
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