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       # taz.de -- Großstadtspiele während Corona: „Hinterhofhopping“ als Freizeitspaß
       
       > Lasset die Spiele beginnen: Alles, was ihr dafür braucht, sind Freunde,
       > selbstgemixte Drinks, etwa sechs Stunden Zeit und was zu schreiben.
       
   IMG Bild: Lieber Hinterhof statt Kneipe
       
       Die Covid-19-Zeit ist die Zeit der Großstadtspiele. Familien spielen
       Wikingerschach in Parks, Pärchen Boule am Paul-Lincke-Ufer. Um die neue
       Freizeit rumzukriegen, habe selbst ich Tischtennisspielen gelernt und mit
       Freunden ein Unterhaltungsformat erfunden.
       
       Das Format funktioniert so: Ein paar Freunde treffen sich, die
       Kontaktbeschränkungen lassen gerade fünf Leute aus verschiedenen Haushalten
       im Hinterhof eines Beteiligten zu. Die GastgeberIn serviert ihren Hausdrink
       – mit Abstand, versteht sich. Die Hinterhofmöbel dürfen spartanisch sein,
       zur Not tut es selbst der Betonboden, wenn die Getränkequalität den Mangel
       an Komfort aufwiegen kann.
       
       Die Gäste bewerten die Atmosphäre des Zusammenkommens sowie Aussehen und
       Geschmack des Drinks auf einem Zettel, ähnlich dem TV-Format „Das perfekte
       Dinner“. Doch anders als bei diesem trifft man sich nicht am Folgetag
       erneut, sondern zieht als Gruppe direkt weiter zur nächsten GastgeberIn.
       
       Den Spaß haben meine FreundInnen und ich „Hinterhofhopping“ getauft. Das
       Spielprinzip funktioniert aber nur gut, wenn alle in der Nähe wohnen und
       Zeit mitbringen: Bei unserer Premiere brauchen wir, um vier Hinterhöfe zu
       besuchen, ganze sechs Stunden.
       
       ## Drinks zur Herausforderung der Geschmacksnerven
       
       Dafür trinken wir vorzüglich: Gin Basil Smash, Margarita und
       Erdbeer-Daiquiri, wir geben uns Mühe. Trotzdem ist der Zuckermischmasch
       eine Herausforderung für den Magen, der dicke Salzrand am Margarita-Glas
       eine für die Geschmacksnerven. Deswegen gibt es dazu noch viel Wasser und
       ein schnelles Abendessen, um durchzuhalten.
       
       Ende des Spiels: Nach dem letzten Drink des Hinterhofhopping zählen wir die
       Punkte zusammen. Ich gewinne mit nur einem halben Punkt Vorsprung in der
       Gesamtwertung mit meinem [1][Cranberry Rosmarin Bennett] – wegen der Optik.
       Ich habe mit Faden einen frischen Rosmarinzweig an den Strohhalm gebunden
       und ihn mit roten Eiswürfel aus Cranberrysaft dekoriert.
       
       Der Abend war insgesamt sehr schön, aber die Planung war anstrengend.
       Zuerst muss man sich als Gruppe koordinieren, einkaufen, Drinks
       vorbereiten, Küchenfähigkeiten erweitern (ich habe zum ersten Mal im Leben
       Sirup gekocht) und alle andere Verabredungen an diesem Abend absagen, denn
       durch die Wege und Wartezeiten zieht sich das Spiel in die Länge.
       
       Mein anderes neues Großstadtspiel, Tischtennis, ist im Vergleich dazu sehr
       viel weniger aufwendig. Man braucht nur eine SpielpartnerIn, Schläger, Ball
       und eine der öffentlichen Outdoorplatten. Meine Stammplatte ist gleich bei
       mir im Hinterhof, ruhig gelegen und immer frei. Doch für einen Freund
       verlasse ich diese Komfortzone und treffe mich mit ihm für ein Match in
       Kreuzberg.
       
       ## Unfreiwilliges Tischtennisplattenhopping
       
       Die ersten Tischtennisplatten finden wir in der Nähe des Görlitzer Parks,
       die eine ist komplett übersät mit Vogelkacke, die zweite besetzt. Auf der
       Seite [2][pingpongmap.net] sind Dutzend weitere Platten in der Umgebung auf
       einer Karte mit Adresse und Foto eingezeichnet. Wir folgen der Karte und
       biegen in jede Straße ein, in der eine Tischtennisplatte stehen soll.
       
       Zuerst laufen wir im Kreis, dann über den Landwehrkanal rüber in Richtung
       Süden nach Neukölln. Und am Ende schlurfen wir wieder zurück. Denn jede
       einzelne Tischtennisplatte ist besetzt. Oder die eingezeichnete Platte gibt
       es nicht. Oder wir finden sie einfach nicht.
       
       Auch dieser Tag zieht sich, doch konsumieren wir auf unserer
       Tischtennisplattensuche nicht ganz so vorzüglich wie im Hinterhof: zunächst
       ein Eis, dann Kaffee, Spezi aus dem Späti und wieder ein Eis. Als wir nach
       fast zwei Stunden noch immer keine freie Platte gefunden haben, geben wir
       das unfreiwillige Tischtennisplattenhopping auf. Nicht alle Großstadtspiele
       kann man eben gewinnen.
       
       23 Jun 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.eat-this.org/cranberry-rosmarin-bennet/
   DIR [2] https://pingpongmap.net/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Svenja Bednarczyk
       
       ## TAGS
       
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