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       # taz.de -- Rückzug von Wolfgang Tiefensee: Der herzenswarme Aristokrat
       
       > Als thüringischer SPD-Landesparteichef tritt Tiefensee im November nicht
       > mehr an; bei den Neuwahlen im April will er nicht mehr kandidieren.
       
   IMG Bild: Wolfgang Tiefensee weiß, wann es Zeit ist zu gehen
       
       In Thüringen und zumindest im Ossiland wird man bald einen charismatischen
       Typen vermissen. [1][Wolfgang Tiefensee, SPD-Landesvorsitzender und
       Minister für Wirtschaft und Wissenschaft], zieht sich rechtzeitig [2][vor
       dem nächsten Gemetzel] zurück. Als Landesparteichef tritt er nicht wieder
       an und will auch bei den Neuwahlen in Thüringen im April nicht mehr
       kandidieren.
       
       Offiziell gibt der 65-Jährige Altersgründe an, obschon er nach wie vor
       drahtig wirkt. Aber ein Politiker seines Formats weiß, wann es Zeit für das
       Ein- und Aussteigen ist. So wie er sich 2002 nicht als Verkehrsminister
       unter Gerhard Schröder und zwei Jahre später nicht als sächsischer
       SPD-Spitzenkandidat verschleißen lassen wollte. Als Leipziger
       Oberbürgermeister aber hat er es ab 1998 zu einiger Popularität gebracht.
       Als es nach dem schwierigen Wahlergebnis vom Oktober 2019 in Thüringen um
       eine rot-rot-grüne Minderheitsregierung ging, schnipste Tiefensee nur mit
       dem Finger. Alles schon erfolgreich praktiziert im Leipziger Stadtrat.
       
       2005 hätte er dann den Verkehrsministerposten in der ersten Merkel-GroKo
       und später den Ostbeauftragten besser ausschlagen sollen.
       Führungsschwäche und mangelnde Akzeptanz wurden ihm vorgeworfen. In
       Thüringen lief es ab 2014 besser. Hinter Ministerpräsident Bodo Ramelow
       hielt er den zweiten Platz auf der Beliebtheitsskala.
       
       Bei wem auch sonst findet man eine solche Mischung aus rationaler Brillanz
       des ehemaligen Ingenieurs, aristokratischer Erscheinung und wärmster
       Verbindlichkeit? Den scheinbaren Widerspruch zwischen Nah- und Unnahbarkeit
       vereint? Der wohlerzogene, aber DDR-renitente Katholik konnte
       philosophierend wirklich auf den Grund des tiefen Sees schauen. Er konnte
       kämpferisch argumentieren, zuletzt auch gegen vorgezogene
       Corona-Lockerungsabsichten bei seinem Regierungschef. Und der ehemalige
       Leipziger Bachpreisträger eroberte bei der [3][Olympiabewerbung seiner
       Stadt für 2012 mit dem Cello] und der Intonation von „Dona nobis pacem“
       noch einmal die Herzen.
       
       Mit Instinkt ahnt Wolfgang Tiefensee nun, wie die Spannungen in der
       Quasiviererkoalition vor der Thüringen-Wahl 2021 wieder aufbrechen
       werden. Außerdem ist da noch seine jüngere Lebensgefährtin Sibylle Müller.
       Ihr gemeinsames jugendliches Auftreten wirkt keinesfalls inszeniert.
       
       29 May 2020
       
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