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       # taz.de -- Die Samstags-Mahnwachen in Berlin: In der Welt der Verschwörer
       
       > Die Hygienedemos am Rosa-Luxemburg-Platz verändern ihre Strategie: Jetzt
       > soll dezentral, an belebten Orten der Stadt verstreut demonstriert
       > werden.
       
   IMG Bild: Willkommen in der Welt der Verschwörer: Demo am Rosa-Luxemburg-Platz am 18. April 2020
       
       Berlin taz | Schon seit vier Wochen spielen sich jeden
       [1][Samstagnachmittag auf dem Rosa-Luxemburg-Platz und in den Seitenstraßen
       absurde Szene ab]. Menschen stehen nah beieinander, halten Grundgesetze in
       die Höhe, warnen auf Schildern vor der Coronadiktatur. Zu hören sind „Wir
       sind das Volk“-Rufe und Durchsagen aus einem Lautsprecherwagen der Polizei:
       „Ihre Versammlung stellt eine Straftat nach der Eindämmungsverordnung dar.“
       Nach einer Weile beginnen PolizistInnen damit einzelne DemonstrantInnen
       herauszugreifen und abzuführen. Die Menge buht – und fühlt sich bestätigt.
       
       Etwa 500 Menschen sind an den vergangenen beiden Wochenenden jeweils dem
       Aufruf des Vereins Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand
       gefolgt, gegen die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie
       und damit einhergehenden Grundrechtseinschränkungen zu demonstrieren. Doch
       den meisten TeilnehmerInnen und den OrganisatorInnen der sogenannten
       Hygienedemos geht es um mehr: Sie zweifeln die Grundlage für die Maßnahmen
       an, also die Gefährlichkeit des Virus. [2][Vereinsgründer Anselm Lenz], der
       bis vor Kurzem als freier Autor für die taz Berlin tätig war, spricht von
       „mindestens zwei wissenschaftlichen Meinungen“.
       
       In einem selbst produzierten Video, in dem er zusammen mit seinem
       Mitstreiter, dem Kulturwissenschaftler Hendrik Sodenkamp, Einblick in seine
       Gedankenwelt gewährt, referiert Lenz über die angeblichen Interessen hinter
       der Virusausbreitung. Demnach gehe es den Eliten aus Politik und Wirtschaft
       um eine „Rekalibrierung des kapitalistischen Herrschaftssystems“. Dafür
       werde die Zeit des Lockdowns genutzt, unterlegt durch eine „massive
       Betrugskampagne“ der „gleichgeschalteten Presse“. Regierung und
       Journalisten müssten „vor Gericht gestellt werden“. Willkommen in der Welt
       der Verschwörer.
       
       Die Szene derjenigen, die den etablierten Medien abgeschworen haben und
       stattdessen auf Blogs und Videokanälen von Verschwörungsideologen unterwegs
       sind, hat verstanden und folgt auf die Straßen, inzwischen auch in anderen
       Städten. Unter den Teilnehmenden finden sich vermeintliche
       Friedensaktivisten, Impfgegner, Anhänger der Qanon-Verschwörung, die an
       Geheiminformationen über Kinderhändlerringe glauben und vermehrt auch
       klassische Rechtsextreme. So war am vergangenen Samstag etwa der
       „Volkslehrer“ Nikolai Nerling vor Ort, ein verurteilter neonazistischer und
       antisemitische Volksverhetzer.
       
       ## „Alternative“ Wahrheiten
       
       Lenz und Sodenkamp, beide bislang in der politischen Linken zu verorten und
       einst beim kapitalismuskritischen Kunstprojekt Haus Bartleby aktiv, nehmen
       all das – eine Distanzierung von Nerling als einzige Ausnahme –
       unwidersprochen hin.
       
       Medial gefeatured werden sie von Kanälen wie Ken FM und anderen YouTubern
       mit „alternativen“ Wahrheiten. Aber auch 3sat stellte sie als
       Bürgerrechtler vor und die „Tagesschau“ sprach noch vergangenen Samstag
       kontextlos von Menschen, die gegen die „Einschränkung ihrer Rechte während
       der Coronapandemie demonstriert“ hätten. Auf Anfrage des Tagesspiegel
       folgte die journalistische Kapitulation der ARD: „Innerhalb von 25 Sekunden
       ist es leider nicht möglich, den Hintergrund, die Motive und die
       Zusammensetzung der Demonstrierenden umfassend darzustellen.“
       
       Vor der letzten Demo bekamen Lenz und Sodenkamp Besuch von der Polizei, die
       den vermeintlichen Veranstaltern der nicht genehmigten Demo
       Aufenthaltsverbote für den Bereich Rosa-Luxemburg-Platz aushändigen wollte.
       Lenz veröffentlichte ein Video der Szene, die zeigt, wie er sich hinter
       seiner Wohnungstür verschanzte und die Beamten immer panischer anbrüllte.
       Nun sucht er mit einem Foto nach den Zivilpolizisten, die, so mutmaßt er,
       womöglich gar keine Polizisten gewesen seien.
       
       Angesichts der versammlungsrechtlichen Probleme, haben Lenz und Partner
       ihre Strategie für diesen Samstag angepasst. Sie rufen nicht mehr zentral
       auf den Rosa-Luxemburg-Platz, sondern wollen, dass sich ihre Anhänger an
       belebten Orten der Stadt verstreuen und dort die zweite Auflage einer
       selbst produzierten Zeitung verteilen. „Das ist presserechtlich und
       grundgesetzlich noch stärker abgesichert“, heißt es im Newsletter des
       Vereins. Auch für den 1. Mai gibt auf der Website des Vereins
       nichtohneuns.de bereits einen ähnlichen Aufruf.
       
       25 Apr 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Erik Peter
       
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