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       # taz.de -- Thüringen-Wirrwarr: Das große Dilemma der CDU
       
       > Schon wieder Katastrophenstimmung bei der Bundes-CDU: Die Parteifreunde
       > in Thüringen wollen Bodo Ramelow doch zum Ministerpräsidenten wählen.
       
   IMG Bild: Thüringer Rätsel: Wie nah dürfen sich Linke (Bodo Ramelow) und CDU (Mike Mohring) kommen?
       
       Berlin taz | Die Aufregung ist groß, der Ausgang ungewiss, aber Bodo
       Ramelow gibt sich demonstrativ gelassen. „Ich bin nach vielen Gesprächen in
       den vergangenen Tagen emotional zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mit
       einer ausreichenden Mehrheit aus dem demokratischen Spektrum im ersten
       Wahlgang rechnen kann“, sagte der Vielleicht-bald-wieder-Ministerpräsident
       Thüringens der FAZ. Er sei „da völlig zuversichtlich“.
       
       Am 4. März, [1][darauf haben sich Linkspartei, SPD, Grüne und CDU am
       Freitagabend in Erfurt verständigt], soll Ramelow erneut zum Regierungschef
       in dem östlichen Bundesland gewählt werden – und zwar mit einer absoluten
       Mehrheit der demokratisch gesinnten Abgeordneten. Seine Wahl ist einer von
       mehreren verabredeten Eckpunkten, um einen Ausweg aus der Thüringer
       Regierungskrise zu finden.
       
       Dazu gehört ferner, dass vorgezogene Neuwahlen am 25. April 2021
       stattfinden sollen. Bis dahin haben sich die vier Parteien zugesichert,
       dass bei Anträgen die AfD nicht das Zünglein an der Waage sein darf. Zudem
       soll bis Dezember der Landeshaushalt für das Jahr 2021 gemeinsam
       verabschiedet werden. Auch über Personalfragen soll gemeinsam entschieden
       werden.
       
       Doch noch ist unklar, ob die rot-rot-grün-schwarze
       „Stabilitätsvereinbarung“ tatsächlich hält. Der Knackpunkt ist die Wahl
       Ramelows. Linkspartei, SPD und Grüne verfügen im Landtag nur über 42 der 90
       Stimmen. Lässt man die AfD außen vor, müssen für die Wahl des
       Linksparteilers Ramelow im ersten Wahlgang mindestens vier Stimmen aus den
       Reihen der CDU oder der FDP kommen.
       
       Da die Liberalen nicht an den Verhandlungen beteiligt waren, bedeutet das
       in der Konsequenz, dass die fehlenden Kreuze von christdemokratischen
       Abgeordneten zu kommen haben. Und genau das versetzt die
       christdemokratische Bundesspitze in Katastrophenstimmung.
       
       „Es geht hier um nicht weniger als um die Glaubwürdigkeit der CDU
       Deutschlands insgesamt“, empörte sich am Samstag CDU-Generalsekretär Paul
       Ziemiak und verwies auf den Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU, nachdem eine
       Zusammenarbeit weder mit der AfD noch mit der Linkspartei möglich sei.
       Niemand aus seiner Partei könne daher für Ramelow als Ministerpräsidenten
       stimmen. Wer ihn wähle, „verstößt gegen die Beschlüsse der CDU“, so
       Ziemiak. Es gehe hier „um Grundüberzeugungen und um Grundwerte und nicht um
       politische Spielchen“.
       
       ## Merz-Getwitter
       
       Noch drastischer formulierte es CDU-Bundesvorstandsmitglied Jens Spahn: „Es
       geht jetzt um die Substanz unserer Partei – nicht nur in Thüringen“,
       twitterte er. Auch von Friedrich Merz, einem weiteren Aspiranten auf den
       Parteivorsitz, kam harsche Kritik. „Die Entscheidung der CDU Thüringen,
       Herrn Ramelow auf Zeit mitzuwählen, beschädigt die Glaubwürdigkeit der CDU
       in ganz Deutschland“, [2][twitterte er].
       
       Die Thüringer CDU-Landtagsfraktion reagierte mit einer feinziselierten
       Erklärung auf die Anwürfe. Einerseits bekräftigte sie, dass sie gemäß ihrer
       Vereinbarung mit der CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer von
       Anfang Februar Ramelow „nicht aktiv“ als Ministerpräsidenten mitwählen
       werde.
       
       Andererseits nehme die CDU-Fraktion aber das Verhandlungsergebnis mit
       Rot-Rot-Grün „mehrheitlich zustimmend zur Kenntnis“. Sie werde sich
       „stabilen Verhältnissen nicht verweigern“. Verklausuliert bedeutet das die
       Bereitschaft, Ramelow die erforderliche Mehrheit zu sichern. Welche
       CDU-Abgeordneten auch immer ihn „aus staatspolitischer Verantwortung“
       wählen werden, ist unklar, die Wahl ist ja geheim.
       
       Wie umstritten die Entscheidung zur Zusammenarbeit mit Rot-Rot-Grün
       allerdings auch in der Thüringer CDU ist, zeigt die Mitteilung des
       bisherigen Landespartei- und Fraktionschefs Mike Mohring: am 2. März – also
       noch vor der anvisierten Wahl Ramelows – will er seine beiden Posten
       aufgeben. Eigentlich hatte er als Parteichef erst im Mai abtreten wollen.
       
       „Ich bin mit dem klaren Versprechen angetreten, Rot-Rot-Grün in Thüringen
       zu beenden und nicht zu verlängern“, begründete Mohring gegenüber der Bild
       am Sonntag seinen Entschluss. „Jetzt steht eine wie auch immer geartete
       vertragliche Vereinbarung für eine Tolerierung einer rot-rot-grünen
       Regierung durch die CDU im Raum.“ Das sei „das Gegenteil unseres
       Wahlversprechens“. Deswegen gebe er „parallel zur Wahl des neuen
       Fraktionsvorstands auch mein Amt als Parteivorsitzender der CDU Thüringen
       zurück“.
       
       ## Mohring-Abgang
       
       Mohring gehörte nicht zu der vierköpfigen Verhandlungsgruppe, die den Deal
       mit Linkspartei, SPD und Grünen ausgehandelt hatte. Die wurde vielmehr
       angeführt von Landesparteivize Mario Voigt. „Es ist eine
       Ausnahmesituation“, rechtfertigte der sich. Die „Stabilitätsvereinbarung“
       bedeute keine Koalition, keine Tolerierung und keine Duldung von
       Rot-Rot-Grün, sondern eine zeitlich eng begrenzte, projektorientierte
       Zusammenarbeit zum Wohle Thüringens. „Wir verstehen uns als konstruktive
       Opposition“, versicherte Voigt.
       
       Die Thüringer CDU befindet sich in einem selbst verschuldeten Dilemma: Denn
       eigentlich bestünde keine Notwendigkeit für sie, mit den
       Parteitagsbeschlüssen der CDU zur Nichtzusammenarbeit mit der Linkspartei
       in Konflikt zu geraten – wenn sie denn bereit wäre, umgehenden Neuwahlen
       zuzustimmen. Doch das lehnt sie mit Blick auf ihre desaströsen derzeitigen
       Umfragewerte vehement ab.
       
       Deswegen verweigerte sie sich sogar [3][dem Vorschlag Ramelows], dessen
       christdemokratische Vorgängerin Christine Lieberknecht für eine
       Übergangszeit zur Interimsministerpräsidentin zu machen. Hauptsache, kein
       schneller Urnengang, lautet die Devise. Davon sind die Thüringer
       Christdemokrat:innen auch nicht durch die Parteioberen in Berlin
       abzubringen. Aber was bleibt dann noch – außer einer wie auch immer
       gearteten Kooperation mit der vermaledeiten Linkspartei?
       
       ## Ramelow-Brücke
       
       Ramelow jedenfalls versucht weiter, der Thüringer CDU eine Brücke zu bauen.
       Natürlich gebe es keine Vereinbarung mit der CDU-Fraktion, ihn zu wählen,
       sagte er. Das sei auch gar nicht nötig. „Da wird von Berlin etwas
       hineininterpretiert, was es nicht gibt.“ Es seien keine Vereinbarungen
       getroffen worden, „die den CDU-Parteibeschlüssen widersprechen“. Auch nicht
       in Bezug auf die Ministerpräsidentenwahl.
       
       Gleichwohl gehe er davon aus, am 4. März gewählt zu werden – und
       AfD-Stimmen dabei keine Rolle spielen. „Deswegen bin ich auch sehr gelassen
       in Bezug auf das Getöse in Berlin“, so Ramelow. „Dass der Kalte Krieg
       beendet ist, dass wird auch dort hoffentlich bald begriffen.“ Seit Hanau
       sollte auch dem Letzten klar sein, worum es in Deutschland geht: „Es geht
       darum, unsere Demokratie zu verteidigen, und das geht nur, wenn
       Demokratinnen und Demokraten auch zusammenstehen und zwar über
       Parteigrenzen hinweg.“
       
       23 Feb 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Einigung-in-Thueringen/!5665535
   DIR [2] https://twitter.com/jensspahn/status/1231154309255090178
   DIR [3] /Regierungskrise-in-Thueringen/!5661397
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Pascal Beucker
       
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