URI:
       # taz.de -- „Caligari“ im Berliner Filmmuseum: Berühmter deutscher Albtraum
       
       > „Du musst Caligari werden!“: Das Filmmuseum in Berlin widmet sich dem
       > legendären Stummfilm, der vor 100 Jahren Premiere hatte.
       
   IMG Bild: „Wohnzimmer Alan (Mordzimmer)“, ein Modell von Hermann Warm aus dem Jahr 1963
       
       Schon wieder Caligari? Warum nicht Caligari? Zwar stimmt es fraglos, dass
       es neben Fritz Langs „Metropolis“ und Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“
       [1][kaum einen deutschen Stummfilm] gibt, über den so viel gesagt und
       geschrieben wurde wie über Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“,
       doch anlässlich des 100. Geburtstages dieses Meisterwerks ist eine
       besondere Würdigung natürlich angebracht.
       
       Zu diesem Anlass stellte das Berliner Filmmuseum in Zusammenarbeit mit dem
       Goethe-Institut Warschau eine kleine Ausstellung zusammen, die nicht nur
       Entstehung und Rezeption des expressionistischen Films mit prägnanten
       Exponaten anreißt, sondern Caligari mittels einer
       Virtual-Reality-Installation in ein besonders modernes Medium
       transportiert.
       
       Am 26. Februar 1920 wurde Caligari im Marmorpalast am Ku’damm uraufgeführt,
       in einem jener prachtvollen Premierenkinos, die inzwischen umgebaut sind
       und weltlicheren Zwecken dienen: Eine Bekleidungskette verkauft dort heute
       ihre Waren, was man ohne große Volten als ebenso symbolisch für unsere Zeit
       verstehen kann, wie es Caligari für die noch jungen 20er Jahre sein sollte.
       
       Dass dem aus dem damaligen Breslau, dem heutigen Wrocław, stammenden Wiene
       ein stilprägendes Meisterwerk geglückt war, wurde schnell erkannt. Die
       deutsche Presse überschlug sich, ein Jahr später auch die amerikanische,
       die den Import aus Deutschland als Revolution bezeichnete, als Begründer
       des „kubistischen Kinos“.
       
       ## Zwischen Traum und Wirklichkeit
       
       Auf vielfältige Weise ließ sich die Geschichte des somnambulen Cesare
       interpretieren, der vom sinistren Dr. Caligari für seine Zwecke manipuliert
       wird. Zwischen Traum und Wirklichkeit bewegte sich die Handlung, deutlich
       geprägt von Ideen zur gerade aufkommenden Psychoanalyse. Geradezu
       prophetische Qualitäten wurden Wienes Film angesichts der zunehmend
       dunklen, ja, albtraumhaften deutschen Geschichte zugeschrieben.
       
       Besonders [2][Siegfried Kracauer wollte in seiner 1947 veröffentlichte
       Studie „Von Caligari zu Hitler: Eine psychologische Studie des deutschen
       Films“] im Verführer und Hypnotiseur Caligari die Prophezeiung Hitlers
       sehen, dem Verführer des deutsche Volkes.
       
       Auch die 1933 nach Paris emigrierte Lotte Eisner bezog sich in ihrem
       Standardwerk „Die dämonische Leinwand“ immer wieder auf den Caligari und
       machte ihn in ihrer Arbeit als Chefkonservatorin der Cinémathèque française
       zu einem wichtigen Teil der Sammlung. Womit der Bogen langsam wieder zurück
       nach Deutschland geschlagen werden kann, zur erst 1963 gegründeten
       Deutschen Kinemathek.
       
       Allzu viele authentische Materialien aus den 1920er Jahren hatten die
       Zeiten nicht überdauert, doch Hermann Warm, der einst für die Bauten des
       Caligari verantwortlich war, lebte noch. Aus der Erinnerung zeichnete er
       etliche Entwürfe neu, die neben den beiden einzigen Originalentwürfen, die
       in Deutschland erhalten sind, den Grundstock der Kinemathek bildeten und
       nun auch ausgestellt sind.
       
       ## Das Fantastische im Hologramm
       
       Wie revolutionär mögen diese Entwürfe mit ihren verkanteten Ecken, schiefen
       Wänden, harte Schatten werfenden Fenstern 1920 gewirkt haben? Einen
       Eindruck verschaffen Miniaturnachbauten, die wie Puppenstuben wirken, die
       dem Geist Edgar Allen Poes oder Tim Burtons entsprungen sind. Vor allem
       jedoch unterstützt das Zentrum der Ausstellung, der Virtual Reality Film
       „Der Traum des Cesare“, die Vorstellungskraft.
       
       Hier kommt Wienes Herkunft aus dem Gebiet des heutigen Polen ins Spiel, die
       zur Zusammenarbeit des deutschen Produktionshauses UFA X und des
       Goethe-Instituts Warschau führte. In dem fünfminütigen Film agieren die
       bekannten polnischen Schauspieler Arkadiusz Jakubik und Jakub Gierszał als
       Dr. Caligari bzw. Cesare. Weniger eine Version von Wienes Film darf man
       erwarten als ein Spiel mit Motiven und Szenen des Originals, von der
       Varietébühne, über die Litfaßsäule, von der Cesares Bild starrt, bis zur
       Schlafstätte des Somnambulen: ein Sarg.
       
       Als volumetrischer Film bezeichnet das in Babelsberg ansässige Studio diese
       Weiterentwicklung der Virtual Reality, die es dank Bildern, die auf
       Hologrammen basieren, ermöglicht, sich quasi im Raum des Films, also hier
       in der Welt von Caligari, zu bewegen. Gerade für einen Film, der so
       dezidiert mit Zwischenwelten spielt, in dem oft unklar ist, ob man sich im
       Reich der Träume oder doch in der Wirklichkeit befindet, wirkt die
       VR-Technik wie gemacht.
       
       Etwas bodenständiger endet schließlich die Ausstellung: Mit einer
       Projektion der 2014 restaurierten Fassung von „Das Cabinet des Dr.
       Caligari“, mit soweit bekannt wiederhergestellter Originalmusik und der
       ursprünglichen Farbgebung entsprechenden, viragierten Bildern.
       
       27 Feb 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Berliner-Filmgeschichte/!5659948
   DIR [2] http://www.hhprinzler.de/filmbuecher/von-caligari-zu-hitler/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Michael Meyns
       
       ## TAGS
       
   DIR Deutscher Film
   DIR Film
   DIR Stummfilm
   DIR Museum
   DIR Expressionismus
   DIR Spielfilm
   DIR Weimarer Republik
   DIR Film
   DIR Stummfilm
   DIR Kino
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Sowjet-Filmklassiker „Arsenal“: Wie man zum Lokführer wird
       
       Der ukrainische Regisseur Oleksandr Dowschenko zeigt in seinem sowjetischen
       Film „Arsenal“ eine umkämpfte Ukraine. Film und der Künstler sind komplex.
       
   DIR Okkultismus in der Weimarer Republik: Die merkwürdige Else
       
       Ihr Ruf als berühmte „Kriminaltelepathin“ reichte bis nach Berlin: Vor 150
       Jahren wurde Else Günther-Geffers geboren, die als Medium arbeitete.
       
   DIR Animationsfilm „Sohn der weißen Stute“: Blick ins Kaleidoskop
       
       Der selten gezeigte ungarische Zeichentrickfilm „Sohn der weißen Stute“
       kommt restauriert ins Kino und ist ein virtuoser Rausch abstrakter
       Bewegungen.
       
   DIR Cineastisches Experiment: Das Antiquariat des Grauens
       
       Vor 100 Jahren wurde der Horrorfilm „Unheimliche Geschichten“ von Richard
       Oswald in Berlin uraufgeführt. Nur ein Jahr später kam das „Jugendverbot“.
       
   DIR Kino in der Weimarer Republik: Fräulein Else ahnt den Kollaps
       
       Zeichnete sich der Nationalsozialismus im Kino der Weimarer Republik ab?
       Der Film „Von Caligari zu Hitler“ untersucht diese These.
       
   DIR Verschollener Stummfilm: Josef von Sternbergs Erbe
       
       Von "The Case of Lena Smith", Josef von Sternbergs berühmtem Stummfilm,
       existieren nur noch wenige Minuten. Eine Publikation geht ihrer Spur nach.