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       # taz.de -- Proteste in Mexiko: Jeden Tag zehn tote Frauen
       
       > In Mexiko gehen Tausende gegen Feminizide und sexuelle Gewalt auf die
       > Straßen. Der Druck auf Präsident López Obrador wächst weiter.
       
   IMG Bild: 180 getötete Frauen allein 2019: Demonstrantinnen in der Grenzstadt Ciudad Juarez am 15. Februar
       
       MEXIKO-STADT taz | Eine Leiche am Straßenrand, der Körper brutal
       zugerichtet, die Haut blutig und aufgerissen – das letzte Foto von Ingrid
       Escamilla wurde an jedem Kiosk Mexikos zur Schau gestellt. Sie ist 25 Jahre
       alt geworden, hatte Tourismusmanagement studiert und lebte in einem Viertel
       nahe des Zentrums von Mexiko-Stadt. Dort fand man sie, von ihrem Freund
       ermordet.
       
       Wenig später erschienen Bilder, die Ermittler von Escamillas Leiche
       aufgenommen hatten, auf den Titelseiten mehrerer großer Zeitungen. „Es ging
       nur darum, die Sensationsgier der Gesellschaft zu nähren“, kritisierte die
       Anwältin Verónica Bérber.
       
       Für Feministinnen und Angehörige von Opfern sexualisierter Gewalt war die
       Veröffentlichung der Fotos dagegen ein weiterer sexistischer Angriff in
       einem Land, in dem täglich zehn Frauen ermordet werden. 2019 starben
       offiziellen Angaben zufolge 3.825 Frauen eines gewaltsamen Todes, 976 der
       Fälle gelten als Feminizide, also als Morde aus geschlechtsspezifischen
       Gründen. Mehrere tausend Frauen gingen deshalb Freitag und Samstag in
       zahlreichen Städten Mexikos gegen die Publikation der Bilder Escamillas und
       die zunehmenden Feminizide auf die Straße.
       
       In Mexiko-Stadt zogen die Demonstrantinnen zur Redaktion der
       Boulevardzeitung La Prensa, forderten eine Entschuldigung und demolierten
       Auslieferungsfahrzeuge des Blattes. Vor dem Kunstpalast Bellas Artes
       stellten sie ein großes, rosafarbenes Kreuz mit Blumen und Bildern der
       Ermordeten auf. Vermummte sprühten Parolen wie „Gerechtigkeit für Ingrid“
       und „Keine weitere Ermordete mehr“.
       
       ## Protest gegen López Obrador
       
       Polizistinnen – die Stadtregierung hatte versprochen, nur weibliche Beamte
       einzusetzen – gingen massiv mit Pfefferspray gegen die Frauen vor. Die
       Leiterin der Menschenrechtskommission von Mexiko-Stadt, Nashieli Ramírez,
       sprach zudem von einem exzessiven Gebrauch von Tränengas, das den
       Aktivistinnen direkt ins Gesicht gesprüht worden sei.
       
       Für die linke Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum sind solche Vorwürfe
       heikel. Feministische Gruppen und ihre Stadtregierung hatten sich in den
       letzten Monaten mühsam angenähert, nachdem Sicherheitskräfte vorher scharf
       gegen militante Demonstrantinnen vorgegangen waren. „Wir hatten festgelegt,
       dass es keine Repression geben wird, wir uns aber auch nicht provozieren
       lassen“, rechtfertigte Sheinbaum von der Morena-Partei am Samstag die
       Vorwürfe von Ramírez.
       
       Tags zuvor waren Feministinnen und Angehörige vor den Nationalpalast
       gezogen, um gegen den [1][mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López
       Obrador], ebenfalls Morena, zu protestieren.
       
       Nach dem Tod Escamillas hatte sich der Staatschef vor Journalisten über die
       vielen Fragen zu Feminiziden beschwert. „Es ist doch klar, dass die Medien
       diese Angelegenheit sehr manipulieren“ erklärte er. Später entschuldigte er
       sich, dennoch forderten die Aktivistinnen „Weg mit Amlo“, wie der Präsident
       genannt wird. Einige legten Feuer am Tor des Regierungsgebäudes.
       
       ## Grenzstadt mit traurigem Rekord
       
       Immer wieder kündigt López Obrador ein konsequentes Vorgehen gegen die
       Täter an. Doch die Zahl der Feminizide hat unter seiner Regierung noch
       zugenommen. Derzeit ist sie doppelt so hoch wie 2015. [2][Allein in
       Mexiko-Stadt wurden vergangenes Jahr 68 Frauen] aufgrund ihres Geschlechts
       ermordet, in Ciudad Juárez waren es 180.
       
       [3][Die Grenzstadt zu den USA] hat bereits in den Neunzigerjahren wegen der
       vielen Feminizide traurige Berühmtheit erlangt. Vor wenigen Wochen sorgte
       sie erneut für schockierende Nachrichten. Mitte Januar wurde dort die
       Künstlerin und Aktivistin Isabel Canabillas erschossen. Die 26-Jährige
       hatte sich unter anderem für ein Ende der Frauenmorde eingesetzt.
       Freundinnen und Mitstreiter kämpfen seither für die Aufklärung des Falls.
       
       Auch an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) in der
       Hauptstadt wehren sich Studentinnen mit Aufsehen erregenden Protesten gegen
       Feminizide und sexuelle Übergriffe. Seit im Mai 2017 die Studentin Lesvy
       Berlín auf dem Universitätsgelände von ihrem Freund ermordet wurde, kommt
       die Hochschule nicht zur Ruhe. Seit November halten Feministinnen die
       Philosophische und Geisteswissenschaftliche Fakultät besetzt.
       
       Sie fordern ein Ende der sexuellen Übergriffe durch Dozenten und
       administratives Personal. Studierende 16 weiterer UNAM-Institute und an die
       Hochschule angebundener Einrichtungen schlossen sich mit Streiks an.
       
       ## Reform ohne Sanktionen
       
       Nachdem sich die Universitätsleitung vergangenen Mittwoch bereit erklärte,
       geschlechtsspezifische Gewalt in ihren Statuten als „besonders gravierende
       Rechtssache“ festzuschreiben, hoben Studierende einiger Institutionen ihren
       Streik auf. Die Mehrheit hält jedoch an ihren Aktionen fest, da mit der
       Reform keine Sanktionen gegen die Täter verbunden seien.
       
       Auch im UNAM-Konflikt sorgte Präsident López Obrador für Empörung. Hinter
       der Bewegung steckten dunkle Mächte, die andere Interessen verfolgten,
       erklärte er. Dafür spräche, dass viele Feministinnen vermummt auftreten
       würden. Ein Vorwurf, den die UNAM-Professorin Sayuri Herrera nicht
       nachvollziehen kann: „Wenn Frauen die Gewalt anklagen, sind sie sehr
       gefährdet. Es gibt Fälle, in denen sie oder auch Opferangehörige selbst
       gewaltsam angegriffen wurden.“
       
       16 Feb 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Wolf-Dieter Vogel
       
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