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       # taz.de -- Nach dem rassistischen Attentat in Hanau: Vergebliches Erinnern
       
       > Deutschland braucht eine Debatte über Rechtsterrorismus. Stattdessen
       > reden Konservative seit Wochen darüber, wie linksextrem Bodo Ramelow sei.
       
   IMG Bild: Wer oder was bedroht unsere Gesellschaft tatsächlich?
       
       Das [1][rassistische Massaker von Hanau] hat gezeigt, dass es in
       Deutschland eine riesengroße Kluft gibt: zwischen Realität und Diskurs,
       Problem und Projektion, Bedrohung und Wahrnehmung. Kassel, Halle, Hanau.
       Orte, an denen sich diese Realität in jüngster Vergangenheit blutig
       manifestiert hat. Die Liste, und das wissen alle, ist noch viel länger.
       Nach jedem Anschlag zählen wir diese Orte auf, erzählen die Geschichten der
       Opfer, erinnern an sie. Aber wofür?
       
       Zuallererst natürlich für die Opfer und für nichts und niemand anderen
       sonst. Dann dafür, dass sich Taten wie diese nicht wiederholen,
       Verantwortungsträger dafür alles in ihrer Macht Stehende unternehmen. Wir
       tun das, um die Gesellschaft – vor allem jene, die selbst nicht bedroht
       sind – für die allgegenwärtige Möglichkeit des Massakers zu
       sensibilisieren, für die Worte, die dem Massaker vorgelagert sind.
       
       Wir tun das, damit diese Gesellschaft, ihre Öffentlichkeit, ihre gewählten
       Vertreter und Behörden dementsprechend Prioritäten setzen: Wer oder was
       bedroht unsere Gesellschaft tatsächlich? Und was können wir dagegen tun?
       
       Hanau zeigt nun aber, wie vergeblich dieses Zählen, Erzählen und Erinnern
       ist. Viereinhalb Monate sind seit Halle vergangen, nur wenige Tage seitdem
       zwölf mutmaßliche Rechtsterroristen festgenommen wurden, die mit Anschlägen
       auf muslimische Einrichtungen einen Bürgerkrieg entfachen wollten.
       Eigentlich sollte eine breite Debatte über Rechtsterrorismus den endlichen
       Raum des öffentlichen Diskurses füllen. Die deutsche Gesellschaft, ihre
       Journalisten und Politiker setzen aber andere Prioritäten: Seit Wochen
       diskutiert das Land [2][über eine Regierungskrise], die eigentlich keine
       Regierungskrise sein dürfte.
       
       Konservative zerbrechen sich den Kopf darüber, [3][wie linksextrem ein
       staatsmännischer Bodo Ramelow] denn sei. Sie schaffen es nicht, die
       Ungewissheit gemeinsam mit ihm zu beenden. Sie halten an ihrem Hufeisen
       fest. Auch der große Aufschrei darüber, dass Konservative und Liberale mit
       rechtsextremen Stimmen den Kandidaten der FDP zum kurzzeitigen
       Ministerpräsidenten gewählt haben, führte bisher nicht zur Klärung.
       
       Diese Parteien und jene, die ihre Diskussionen priorisieren, sind das beste
       Beispiel für die oben genannte Kluft. Es ist diese Gleichzeitigkeit von
       Thüringen und Hanau, die den rassistischen Anschlag besonders unerträglich
       und sprachlos macht. Wir werden trotzdem weiter zählen, erzählen,
       erinnern. Was anderes bleibt uns nicht übrig.
       
       21 Feb 2020
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Volkan Ağar
       
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