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       # taz.de -- Wege aus der Thüringen-Krise: Spitzt den Konflikt im Osten zu!
       
       > Die rechte Entwicklung im Osten kann nur durch eines aufgehalten werden:
       > die Jungen stärken. Auch wenn das zulasten der Älteren geht.
       
   IMG Bild: Jugend im Osten als es noch den Osten gab: Dorfgasthaus in Brandenburg, 1984
       
       Ist ja noch mal alles gut gegangen in Thüringen, mögen gerade viele denken.
       Noch ist sie sichtbar, die rote Linie, die bei einer Zusammenarbeit mit der
       AfD überschritten wird, noch hat das Überschreiten Konsequenzen.
       
       Das stimmt. Düster aber sieht es trotzdem aus. Denn Thüringen war erst der
       Anfang. Die Strategie der AfD und der hinter ihr stehenden politischen
       Kräfte ist nicht darauf ausgelegt, diese rote Linie an einem Tag
       abzuschaffen, sondern sie Stück für Stück zu verschieben. Oft nur um ein
       paar Millimeter, häufig mit zwei Schritten nach vorne und einem zurück.
       
       Dafür finden die Neuen Rechten im Osten beste Bedingungen vor, und zwar
       weit über die eigentliche Wählerschaft der AfD hinaus. Sie finden dort das,
       was der [1][Magdeburger Soziologe David Begrich] in seinem [2][„Brief an
       meine westdeutschen Freund/innen“] als „regressiv-autoritäre
       gesellschaftliche Unterströmung“ benannte, die sich quer durch die
       ostdeutschen Milieus ziehe.
       
       ## Vielschichtiger Ressentimentmix
       
       Gekennzeichnet, so Begrich, sei diese Unterströmung von einem
       „vielschichtigen Ressentimentmix“, der sich auch daraus speise, dass sich
       „Menschen der älteren und mittleren Generation“ einer Art kultureller
       Fremdherrschaft unterworfen sähen, in der sie mit ihren Erfahrungen nicht
       vorkommen.
       
       Genau so ist es, und für dieses Gefühl gibt es gute Gründe. Und deswegen
       wird sich diese regressiv-autoritäre Formierung mit den Menschen der
       älteren und mittleren Generation auch nicht aufhalten lassen. Die
       biografischen, politischen und gesellschaftlichen Erfahrungen weiter Teile
       der Ostdeutschen, die heute älter als 40 sind, bieten einen solchen
       Nährboden für ein reaktionär-rassistisches politisches Programm, dass dem
       nur mit einem immensen Kraftaufwand beizukommen wäre.
       
       Allenfalls kann man hier noch Schadensbegrenzung betreiben – eine
       tatsächliche Richtungsänderung wird es mit diesen Generationen nicht mehr
       geben.
       
       Worin diese ostdeutschen Post-89-Erfahrungen bestehen, muss hier nicht
       weiter ausgeführt werden, spätestens seit dem Gedenkjahr 2019 ist an Texten
       dazu kein Mangel. Nachdem sich jahrelang niemand für sie interessierte,
       wird die ostdeutsche Seele nun allenthalben auf die Couch gelegt, werden
       die Traumata der Vergangenheit seziert.
       
       Dass daraus nun endlich Erkenntnisse über die Versäumnisse der
       Nachwendezeit gewonnen werden, mag einen freuen, allein: Wer sich nur mit
       der Vergangenheit beschäftigt, macht sich schuldig an der Gegenwart. Wer
       seinen Blick nur auf die Älteren richtet, verrät die Jungen.
       
       Denn die bittere Wahrheit ist: Die Fehler der Vergangenheit sind nicht mehr
       rückgängig zu machen. Und deswegen braucht es den Bruch. Es braucht den
       Bruch mit der Verlierererzählung, egal wie viel Wahrheit und Berechtigung
       in dieser Erzählung steckt. Der Generationenkonflikt im Osten muss nicht
       befriedet, sondern zugespitzt werden, und die Jungen müssen ihn gewinnen.
       
       Denn was es braucht, sind Ostdeutsche, die sich als handelnde Subjekte des
       eigenen Lebens und treibende Kräfte einer zukunftsgewandten
       gesellschaftlichen Entwicklung verstehen. Das wird mit einem Großteil der
       über 40-Jährigen im Osten, die die geschehenen Kränkungen und
       Abwertungserfahrungen nicht überwinden können, nicht zu machen sein – egal,
       wie berechtigt diese Kränkungen sind.
       
       Bei ihnen kann die AfD besser als jede andere politische Kraft andocken,
       weil sie verspricht, dass die Welt wieder so werden wird, wie sie niemals
       war, dass es möglich wäre, das System zu stürzen, ohne auf eine einzige
       Zukunftsfrage eine Antwort zu haben.
       
       ## Die Alten bremsen die Jungen aus
       
       Es sind bei Weitem nicht nur die organisierten Rechten, die den
       engagierten, zukunftsorientierten Menschen in weiten Teilen Ostdeutschlands
       Steine in den Weg legen. Es sind auch all diejenigen, die die Erfahrung
       gemacht haben, das eigene Schicksal nicht in der Hand zu haben. Die Alten
       bremsen die Jungen aus – schon allein, weil sie sich dadurch angegriffen
       fühlen, dass die ihr Leben in die Hand nehmen können.
       
       Wer in den ostdeutschen Klein- und Mittelstädten oder auf dem Land als
       solche treibende Kraft einer zukunfts- statt vergangenheitsorientierten
       gesellschaftlichen Entwicklung auftritt, dem wird von der Mehrheit nur
       allzu oft vermittelt, ein Störenfried zu sein, der selbst, wenn hier
       geboren, so richtig von hier nicht sein könne, sonst wäre er ja ganz
       anders.
       
       Die tatsächlich organisierte Rechte muss diese engagierten Menschen oft gar
       nicht selbst vertreiben, sie kann warten, bis sie genervt aufgeben, um dann
       das so entstandene Vakuum zu füllen.
       
       Und dieses Vakuum wird immer größer. Denn im Moment besteht der Bruch
       zwischen den Jüngeren und den Älteren, zwischen denen, die was bewegen
       wollen und denen, die sich dadurch angegriffen fühlen, in den meisten
       Fällen darin, dass erstere ihre Sachen packen.
       
       Sie gehen, um so viel Abstand wie möglich zwischen sich und dieses
       regressiv-autoritäre Klima, das jede Bemühung um Zukunft ersticken will, zu
       bringen. Weil es „den Osten“ so natürlich nicht gibt, muss es kein Umzug
       nach Köln sein, und selbst zu Berlin und Leipzig gibt es noch Alternativen
       in Jena, Greifswald oder Halle, doch das sind Inseln, oft auf einzelne
       Stadtteile begrenzt.
       
       Wenn alle gehen, die was können und vor allem was wollen, kann man sich
       ausmalen, was übrig bleibt, weshalb es auch nicht verwunderlich ist, warum
       die AfD bei den ostdeutschen Landtagswahlen auch unter den Jüngeren gut
       abschnitt. Der genaue Blick auf die Daten zeigt: Wo die Bevölkerung
       schrumpft, ist die AfD stark, quer durch alle Altersgruppen.
       
       Um diese Entwicklung aufzuhalten, gibt es nur eine Möglichkeit: Den
       Zukunftszugewandten, denjenigen, die sich nicht in einer Verliereridentität
       einrichten wollen, muss der Rücken gestärkt werden, soweit es nur irgend
       geht. Und zwar auch dann, wenn das zulasten der Älteren geht, so
       schmerzhaft diese Erkenntnis auch sein mag.
       
       So übel denjenigen mitgespielt wurde, denen das Lausitzer Braunkohlerevier
       einst nicht nur Arbeit, sondern auch Identität bot und die dessen Ende
       deswegen nicht überwinden können – die Zukunft liegt nicht bei ihnen,
       sondern bei Fridays for Future Cottbus, und im Zweifel müssen die einen
       gegen die anderen in Stellung gebracht werden.
       
       Wie man jungen, zukunftsorientierten Menschen im Osten den Rücken stärkt?
       Es gibt unzählige Möglichkeiten. Indem man ihnen zuhört und sie zu Wort
       kommen lässt, indem man die sie betreffenden Themen auf die politische
       Agenda setzt, indem man die von ihnen organisierten Demonstrationen oder
       Theaterstücke besucht, dem Jugendclub nicht die Förderung streicht, indem
       man sie und ihre Erfahrungen weder exotisiert noch abwertet.
       
       Man könnte auch sagen: Indem man versucht, die Post-89-Fehler nicht zu
       wiederholen und wenigstens diese Generation endlich ernst nimmt.
       
       15 Feb 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Baseballschlaegerjahre-in-Ostdeutschland/!5642847
   DIR [2] https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/liebe-westdeutsche
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Malene Gürgen
       
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