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       # taz.de -- Ann Petrys Roman „The Street“: Hürdenlauf in Harlem
       
       > Als 1946 der Roman „The Street“ über eine alleinerziehende schwarze
       > Mutter erschien, war es ein Megaerfolg. Nun kann man ihn wiederentdecken.
       
   IMG Bild: Keine Afroamerikanerin hatte vor ihr so viel Erfolg mit einem Buch: Ann Petry (1908-1997)
       
       Für gewöhnlich betrachten wir Straßen als Durchgangsorte. Irgendeine, hier
       oder dort, ist zufällig auch unser Wohnort. Selten aber sind Straßen von
       existenzieller Bedeutung. Anders für Lutie Johnson. Als sie in die 116th
       Street zieht, ist das für sie zugleich ein Triumph und eine Niederlage.
       
       Ein Triumph, weil sie endlich bei Pop ausziehen kann. Der war mit seinem
       heimlich gebrannten Schnaps und den wechselnden Damenbekanntschaften
       schlicht kein gutes Vorbild für ihren Sohn Bubb.
       
       Eine Niederlage ist der Umzug trotzdem, weil Lutie das bisschen Geld, das
       sie beiseitegelegt hat, für den Umzug in ein dunkles [1][Apartment in
       Harlem] zahlen muss. Trotzdem bleibt Lutie zuversichtlich. Sie wird Geld
       verdienen, sie wird diese Straße in Harlem verlassen, sie wird es zu etwas
       bringen.
       
       Lutie ist eine junge schwarze Frau. Die Beziehung zu Jim, dem Vater ihres
       Sohnes, ist zerbrochen. Monatelang arbeitete sie bei einer weißen Familie,
       weit weg von ihrer eigenen, in Connecticut. Versuchte Geld zu verdienen für
       den fälligen Hypothekenzins, für ein Auskommen ihrer Familie. Es kam, wie
       es kommen musste: Ihr Mann, arbeitslos und gelangweilt, suchte sich
       weibliche Abwechslung. Lutie nahm ihren Sohn und zog davon.
       
       Ann Petrys „The Street“ erzählt nicht einfach vom Schicksal einer jungen
       Schwarzen, die alles dafür tut, im Leben voranzukommen – neben ihren
       Putzjobs lernt sie Tippen und Stenografieren, um irgendwann in einem Büro
       arbeiten zu können. „The Street“ erzählt vom strukturellen Rassismus in
       einer tief gespaltenen Gesellschaft.
       
       Arbeite hart und spare klug, so lautet die magische Devise Benjamin
       Franklins, des großen Gründervaters der USA, zur Erfüllung des
       amerikanischen Traums. Im Text hat er einen Wiedergänger in Form des weißen
       Barbesitzers Junto, der Lutie ins Verhängnis führen wird.
       
       ## „There’s no fun, Darlin’ / There’s no sun, Darlin’“
       
       Bis dahin ist Luties Leben ein ständiger Hürdenlauf. So wie das der meisten
       schwarzen Frauen. Die Männer sind arbeitslos. Die Frauen schuften sich
       kaputt. Die Männer amüsieren sich mit anderen Frauen und Alkohol. Familien
       zerbrechen. Alleinerziehende Mütter müssen hart kämpfen. Ihre Kinder
       wachsen einsam und allein auf der Straße auf. Die Straße, diese Straße, ist
       ein Ort, an dem es keine Spielplätze gibt, nichts zu tun, außer in
       Schwierigkeiten zu geraten.
       
       Autorin Ann Petry erzählt diese Geschichte in einer eindringlichen Sprache.
       Dicht ist der Text, so dicht, dass man spürt, wie Lutie in den engen Wänden
       des Apartments fast erstickt. Grandios beklemmend, wie Petry von der ersten
       Begegnung von Lutie und dem Hausmeister Jones erzählt.
       
       Kapitel um Kapitel wird ihre Geschichte multiperspektivisch erweitert. Mal
       folgt der Text dem seltsamen Hausmeister Jones, der sich Lutie von Anfang
       an mit begehrlichen Blicken nähert, dann Miu, die mit Jones in einer
       eigenartigen Wohngemeinschaft zusammenlebt.
       
       Aber dann wendet sich das Blatt, ausgerechnet, als Lutie ihre kleine
       Haushaltskasse gefährdet, indem sie in Junto’s Bar einige Drinks einnimmt.
       Dort macht sie Bekanntschaft mit Boots Smith, der ihr eine Karriere als
       Sängerin verspricht. Lutie macht sich keine Illusionen, wenn sie in Boots’
       „skrupelloses Gesicht“ schaut. „There’s no fun, Darlin’ / There’s no sun,
       Darlin’“, singt Lutie, und wer immer ihr die große Gesangskarriere in
       Aussicht stellt, erwartet im Gegenzug Gefälligkeiten, für die sich Lutie
       nicht hergibt.
       
       ## 1,5 Millionen verkaufte Exemplare
       
       Gehört haben wir schon viel über Rassismus, aber in diesem Text scheint man
       ihn zu erleben. Da sind die Blicke der weißen Frauen auf die junge
       Schwarze, von der sie zu wissen glauben, dass sie ein Flittchen ist. Weil
       „die“ das doch alle sind. Überprivilegierte Weiße begreifen die
       Arbeitsverhältnisse, die sie Schwarzen offerieren, als Gnade und
       Freundschaftsdienst.
       
       In den Fleischereien in Harlem wird Gammelfleisch zu horrenden Preisen
       angeboten, auch die Kleidung, die es zu kaufen gibt, ist nur das, was
       anderswo niemals angeboten würde.
       
       Rassismus, Sexismus und soziale Benachteiligung bilden die Schlinge, aus
       der Lutie sich beim besten Willen nicht befreien kann. Ann Petry
       veröffentlichte ihren Roman 1946. Er wurde zum bis dato größten
       Verkaufserfolg einer afroamerikanischen Autorin mit über 1,5 Millionen
       verkauften Exemplaren.
       
       Im Deutschen war das Buch bis zuletzt unter dem Titel „Die Straße“
       angekündigt – wegen der gleichnamigen Erzählung von Cormac McCarthys
       entschied man sich am Ende doch für den Originaltitel. Die Neuübersetzung
       von Uda Strätling lädt dazu ein, die 1997 verstorbene Autorin und ihren
       Roman, der nichts von seiner Brisanz und Aktualität eingebüßt hat, neu oder
       erstmals zu entdecken.
       
       8 Feb 2020
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Gordon-Parks-Harlem-Bilder/!5070483
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Marlen Hobrack
       
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