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       # taz.de -- Zukunftsvision für Deutschland: Welt ohne Gefängnisse
       
       > Wäre die Gesellschaft eine bessere, wenn es keine Gefängnisse gäbe? Und
       > was müsste dafür getan werden, um diese Utopie zu ermöglichen?
       
   IMG Bild: Hier könnte bald was anderes stehen: JVA Tegel
       
       Wenn wir darüber reden, Sexismus, Rassismus und Kapitalismus abzuschaffen,
       gibt es etwas, was für mich wie eine mit Stacheldraht versehene
       Gefängnismauer der Utopie im Weg steht: Wie soll eine bessere Welt möglich
       sein, in der es Knäste gibt? Also Orte, in denen wir mit Menschen genau das
       machen, was wir gesamtgesellschaftlich abschaffen wollen: sie überwachen,
       ihnen Selbstbestimmung absprechen und sie hierarchischen Befehlsstrukturen
       unterwerfen.
       
       Warum die Sache also nicht von der anderen Seite angehen? Vielleicht liegt
       der Schlüssel zur sozialen Veränderung ja in der Abschaffung von
       Gefängnissen?
       
       Um dem auf den Grund zu gehen, treffe ich mich mit der Autorin und
       Anti-Knast-Aktivistin [1][Rehzi Malzahn]. Im Frühjahr ist ihr Sammelband
       [2][„Strafe und Gefängnis“] erschienen. Bei Kaffee und Ingwertee stelle ich
       ihr meine These vor: In Zukunft wäre alles besser, wenn es keine
       Gefängnisse gäbe.
       
       „Alles ist mir zu total, aber vieles wäre mit Sicherheit besser“, antwortet
       Malzahn. „Wobei man jetzt nicht einfach Gefängnisse abreißen und die
       Gesellschaft ansonsten so lassen kann, wie sie ist. Aber sogar in der Welt,
       wie sie ist, schaden Gefängnisse mehr, als sie nutzen.“
       
       ## Haft als Berufsrisiko
       
       Die vorgebliche Funktion von Gefängnissen ist, die Gesellschaft zu schützen
       und Straftäter zu bessern. Doch, so Malzahn: „Studien belegen, dass sie das
       alles nicht tun. Gefängnisse sind der gewalttätigste Ort der Gesellschaft.
       Die meisten Menschen kommen kaputter aus dem Gefängnis raus, als sie
       reingegangen sind.“ Außerdem wirke Angst vor Strafe nur auf bestimmte
       Bevölkerungsgruppen, hauptsächlich die gutsituierte Mittelschicht. Für
       Berufskriminelle sei Haft ein Berufsrisiko. Und dann gebe es eben
       Verbrechen, die vom Gesetz gar nicht als solche angesehen und deshalb auch
       nicht verfolgt würden, wie ein Teil dessen, was Banken oder
       Rüstungsindustrie machen.
       
       Eine meiner Lieblings-Panelshows ist die BBC-Radioserie [3][„Heresy“].
       Darin lässt die Moderatorin Victoria Coren-Mitchell Comedians gegen weit
       verbreitete Überzeugungen argumentieren, die vorher durch
       Publikumsbefragung erhoben werden. 94 Prozent der Zuschauer im Studio waren
       etwa der Ansicht, Gefängnisse seien zu Billighotels à la Holiday-Ins
       verkommen, und Haftstrafen müssten härter werden. Der sonst originelle und
       differenzierte Comedian Richard Osman witzelte: Holiday-Ins sind
       entsetzlich, das ist eine total harte Strafe, höhö.
       
       „Erstens ist es nicht so, und, zweitens, wo wäre das Problem, wenn es so
       wäre?“, entgegnet Malzahn. „Und jetzt können wir reden. Denn: Wieso müssen
       Inhaftierte leiden? Wie kommst du auf die Idee, dass sie das zu besseren
       Menschen macht?“ Ja, wo kommt diese Idee her?
       
       Tatsächlich war die Aufgabe der Justiz im europäischen Raum die längste
       Zeit Schadenswiedergutmachung, nach dem Motto: Du stiehlst mir meine Ziege
       und musst mir dafür 20 Hühner geben. Erst mit dem Christentum entstand die
       Vorstellung, dass ein Vergehen kein Schaden mehr ist, den man einer anderen
       Person zugefügt hat, sondern eine Sünde. Und für eine Sünde büßte man durch
       Leiden.
       
       Das führte über die Jahrhunderte dazu, dass ein Verbrechen nicht mehr als
       Verletzung einer anderen Person angesehen wurde, sondern als das Verletzen
       eines Gesetzes. „Die verletzte Person war nur noch Zeuge dieses
       Gesetzesbruchs“, erklärt Malzahn. „Damit verschwand die Wiedergutmachung
       für die Opfer aus dem öffentlichen Bewusstsein. Doch auch die Täter
       verschwanden – nämlich ins Gefängnis.“ Erst mit der Industrialisierung,
       also ab dem 18. Jahrhundert, tauchen Gefängnisse als Orte auf, wo
       Gesetzesbrecher dauerhaft untergebracht wurden. Vorher gab es zwar auch
       Kerker, um beispielsweise Menschen vor ihrer Hinrichtung festzuhalten. Doch
       lange Gefängnisstrafen waren sehr selten.
       
       Eine Welt ohne Gefängnisse würde also auch bedeuten, dass wir uns wieder
       mit den Straftätern auseinandersetzen müssten. Wir müssten uns der Frage
       der Wiedergutmachung stellen. Danach, wann ein Mensch angemessen
       Verantwortung für sein Verbrechen übernommen hätte. Und – die größte Hürde
       – wir müssten überlegen: Wie würden wir mit Menschen umgehen, deren
       Straftaten nicht nur die Grenzen des Gesetzes überschreiten, sondern auch
       dessen, was wir als menschlich erachten.
       
       „Marshall B. Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation, einem
       Handlungskonzept, das bei friedlicher Konfliktlösung hilfreich ist, hat
       gesagt: ‚Ich glaube mir meine eigene Herangehensweise erst, wenn ich mich
       auch in Hitler einfühlen kann.‘“ Okay, verloren. Interview beendet! „Ich
       habe viel Kritik an der mangelnden Herrschaftskritik von Rosenberg“, stimmt
       mir Malzahn zu. „Aber man kann von ihm verdammt viel lernen, warum Menschen
       Dinge tun oder sagen oder denken. Vor allem Menschen, die eine Menge Hass
       verbreiten.“
       
       Zurzeit führt fast jedes Gespräch über die deutsche Gesellschaft zur
       gleichen Frage: Was machen wir mit der [4][AfD]? Also, Frau Malzahn?
       
       „Natürlich macht mir die Auseinandersetzung mit Rechten Angst, und ich habe
       Widerstände dagegen. Aber es hilft mir, mir ins Gedächtnis zu rufen, dass
       auch diese Menschen einmal Babys waren, die voller Offenheit und Liebe auf
       die Welt gekommen sind. Und was ist passiert, dass aus diesen Kindern so
       hasserfüllte Erwachsene geworden sind? Es ist sehr schwierig, hier richtig
       verstanden zu werden. Wenn ich davon spreche, dass es doch interessant
       wäre, diesen Leuten zuzuhören, dann ist das nicht nur nicht das Gleiche,
       sondern das genaue Gegenteil von dem, was Politiker meinen, wenn sie sagen,
       sie müssen auch die Sorgen der Rechten hören.“
       
       Denn das bedeutet zurzeit in der Regel, die Forderungen der Rechten in
       abgeschwächter Form zu erfüllen. Doch genau darum geht es Malzahn eben
       nicht, sondern: „Sich hinzusetzen und zu schauen: Was ist es, das diese
       Person so verletzt hat, welche Not spricht daraus?“ Und ich muss zugeben,
       dass mir das schwerfällt.
       
       Zum Glück gibt es Leute, die das nicht nur können, sondern es beruflich
       machen, wie der Verein Violence Prevention Network, der beeindruckende
       Erfolge im Bereich der Deradikalisierung verzeichnet. „Schließlich findet
       ein Umdenken nicht durch Strafe statt, sondern durch Einsicht. Aber
       Gefängnisse haben nichts anderes anzubieten als Strafe.“
       
       Das ist richtig, nur haben wir als Gesellschaft als Reaktion auf Verbrechen
       wenig anderes anzubieten als Gefängnisse. Deshalb fordert Malzahn: Um
       Verbrechen zu bekämpfen, sollten wir nicht Verbrecher bekämpfen, sondern
       Verbrechensursachen. Etwa Armut, unsichere Lebensgrundlagen, zu hohe
       Mieten, Gewalt, oder … die Liste ist so lang, dass ich verstehen kann, dass
       Gefängnisse zwar nicht der bessere Weg sind, aber auf jeden Fall der
       einfachere.
       
       ## Haft für Schwarzfahrer
       
       Was können wir bis dahin tun? „Alle Leute freilassen, die Ersatzzeitstrafen
       absitzen.“ Ersatzzeitstrafe heißt: Menschen kommen ins Gefängnis, weil sie
       eine Geldstrafe nicht bezahlen können. „Und davon gibt es eine Menge. Dann
       sollten wir Drogen entkriminalisieren.
       
       Viele Knäste sind randvoll mit Leuten, die da nur wegen ihrer
       Suchtproblematik sitzen. Ebenso: kostenloser öffentlicher Nahverkehr – ein
       Berliner Gefängnis ist zu 70 Prozent mit Schwarzfahrern voll.“ Wie bitte?
       „Ja, die Leute machen sich nicht klar, für was für einen Schwachsinn die
       Menschen im Gefängnis sitzen.“
       
       Doch was machen wir mit den Menschen, die tatsächlich etwas begangen haben,
       das wir als Unrecht wahrnehmen? Für den Umgang mit ihnen brauchen wir
       andere Möglichkeiten zur Unrechtsbewältigung, respektive mehr Wissen über
       diese anderen Möglichkeiten. Denn es gibt ja bereits einige.
       
       „Außerdem sollte man bei jedem Strafverfahren, bei dem eine Person und
       nicht etwa eine Institution das Opfer ist, das Angebot von Mediation oder
       Restorative Justice machen.“ Also Konflikttransformation durch ein
       Wiedergutmachungsverfahren, sprich, dass Opfer und Täter mit Hilfe einer
       Mediation aushandeln, was eine angemessene Wiedergutmachung sein könnte,
       und dass das in den Gerichtsprozess mit einfließt.
       
       Ein Verfahren, auf das Opfer in Deutschland eigentlich bereits ein Anrecht
       haben – nur wird ihnen das in der Regel nicht mitgeteilt. Deshalb sagt
       Malzahn: „Das würde aber auch bedeuten, dass
       Restorative-Justice-Möglichkeiten massiv ausgebaut werden müssten.“
       
       7 Dec 2019
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] http://rehzimalzahn.blogsport.eu/
   DIR [2] http://www.schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-088-9.htm
   DIR [3] https://www.bbc.co.uk/programmes/b007mjjg
   DIR [4] /AfD-Parteitag-in-Braunschweig/!5645685
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Mithu Sanyal
       
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