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       # taz.de -- Checkpoint Charlie in Berlin: Erinnerung to go
       
       > Einst ein Ort der Weltgeschichte, heute ein Rummelplatz: Wie der
       > Checkpoint Charlie wurde, was er ist.
       
   IMG Bild: Rund 4 Millionen Menschen besuchen jährlich den ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie
       
       Berlin taz | Wie selbstverständlich steht sie plötzlich da, eine
       orangefarbene Hütte am Checkpoint Charlie, gerade groß genug für eine
       Person. „Sharepoint Charlie“ kann man auf ihrer Seite lesen. Aufgebaut ist
       sie vor der Nachbildung des U.S. Army Checkpoints und den aufgetürmten
       Sandsäcken, hinter denen jeden Tag Touristen aus aller Welt posieren. Ein
       Kameramann macht sich bereit, ein Mann in Soldatenuniform und einer mit
       Klemmbrett nehmen Positionen ein. Ein Werbespot für eine
       Autovermietungsfirma soll hier gedreht werden.
       
       Aber bevor die erste Einstellung aufgenommen wird, kommen zwei Polizisten
       und erklären den Männern, dass sie hier nicht drehen dürfen. Sie hätten
       eine Drehgenehmigung für ganz Berlin, behaupten die Werbefilmer, nur gerade
       nicht dabei. Allgemeine Genehmigungen hätten hier keine Gültigkeit, für den
       Checkpoint Charlie bräuchten sie eine Sondernutzungserlaubnis, referiert
       ein Polizist. Aus dem Dreh wird nichts.
       
       Die Szene erzählt von dem besonderen Status dieses Ortes – und seinen
       heutigen Problemen. Der Checkpoint Charlie ist ein Stück Weltgeschichte.
       Das Schwarzweißfoto, auf dem sich am 27. Oktober 1961 genau hier
       [1][gefechtsbereite Panzer der zwei Supermächte] gegenüberstanden, ihre
       Geschütze aufeinander gerichtet, gehört zum globalen Bildergedächtnis. Am
       Checkpoint Charlie trafen Ost und West aufeinander, Kapitalismus und
       Kommunismus, GIs und rote Armee, getrennt durch eine weiße Linie, die die
       Grenze zwischen den Berliner Bezirken Mitte und Kreuzberg markierte.
       
       Heute besuchen den Ort jedes Jahr rund 4 Millionen Menschen. Und viele
       versuchen den Mythos für sich auszuschlachten, ein Geschäft damit zu machen
       – da sind die Straßenhändler, die Sowjetuniformen, Pelzmützen und Gasmasken
       anbieten, daneben die vollgestopften Souvenirläden mit ihren bunten
       Mauerbröckchen, DDR-Fahnen und Miniatur-Trabis.
       
       Fastfoodketten und Würstchenbuden rangeln um Kundschaft, Sightseeingbusse
       rollen im Schritttempo über die einstige Grenzlinie, Hütchenspieler und
       Bettlergruppen tauchen plötzlich auf und verschwinden wieder. Das zügige
       Tempo, mit dem sich die Menschen sonst in dieser Gegend bewegen, kommt hier
       fast völlig zum Stillstand. Schulklassen blockieren die Gehwege, Touristen
       stehen auf der Straße herum.
       
       Wer heute nur einige Minuten am Checkpoint Charlie herumläuft, hat das
       Gefühl, über einen großen Rummelplatz zu gehen. Geboten wird historische
       Erinnerung to go, hier schnell ein Selfie, da schnell eine Bratwurst. Wie
       hat sich der Ort, an dem einmal Menschen bei Fluchtversuchen starben und
       die Angst vor einem Dritten Weltkrieg ständig präsent war, in eine schäbige
       Flaniermeile verwandelt? Wie wurde der Checkpoint Charlie, was er heute
       ist? Und was erzählt das über unseren Umgang mit historischer Erinnerung?
       
       Im Hinterzimmer des Cafés Einstein, direkt am ehemaligen Grenzverlauf,
       hängen Schwarzweißbilder aus den 60er Jahren, darauf Stacheldraht, Brachen
       und Soldaten in Wintermänteln. Darunter sitzt Smiley Baldwin und macht
       seinem Vornamen alle Ehre – er lächelt, während er sich zu erinnern
       versucht, wie das damals war, als er als amerikanischer Soldat Dienst am
       Checkpoint Charlie tat.
       
       Baldwin kam 1987 als Militärpolizist nach Berlin, zuvor war er zwei Jahre
       bei Frankfurt stationiert. „Dort war die Studentenszene in den
       Reagan-Jahren gegenüber US-Soldaten sehr ablehnend. In Westberlin waren die
       Leute so nett zu uns – sie waren dankbar, dass wir da waren.“ Als
       Militärpolizist fuhr er zusammen mit Berliner Polizisten Patrouille. Er
       interessierte sich für die Geschichte der Stadt, lernte Deutsch.
       Abwechselnd wurde er am Checkpoint Bravo an der Transitautobahn zur BRD und
       am Checkpoint Charlie eingesetzt.
       
       In dem Kontrollhäuschen arbeitete er als Assistent des Non-Commissioned
       Officer in Charge, des verantwortlichen Unteroffiziers. „Ich habe ihm beim
       Papierkram geholfen oder auch mal den Müll rausgebracht.“ Eigentlich sei
       das ein Bürojob gewesen. Die Russen wollten genau wissen, wer, wann, wieso
       in den Ostteil wollte, dafür galt es unzählige Formulare auszufüllen.
       
       Aber wichtiger als die Bürokratie sei etwas anderes gewesen: „Es ging um
       Ästhetik. Es musste alles gut aussehen. Vor allem große, sportliche Jungs
       wurden hier eingesetzt“, erzählt Baldwin. „Meine Uniform konnte allein
       stehen, so steif war sie, damit sie keine Falten warf. Die Schuhe blitzten.
       Das Häuschen roch ganz neu und nach Putzmittel.“
       
       Der Kontrollposten und die GIs gehörten zum „Schaufenster des Westens“, als
       das die Amerikaner Westberlin verstanden. „Wir mussten unserem Gegner
       zeigen, wie wir aussehen – und zwar tiptop“, sagt Baldwin.
       „Militärstrategisch waren wir ja tot.“ Es gab zwar Szenarien, wie sich die
       Soldaten der Westalliierten im Kriegsfall auf das Gebiet der BRD hätten
       zurückziehen sollen. „Aber jeder wusste, dass das bei der Übermacht der
       Sowjets und NVA-Soldaten völlig aussichtslos gewesen wäre.“
       
       ## Das Schaufenster des Westens
       
       Er erinnert sich an eine Situation am Checkpoint, die ihm gezeigt habe, was
       das eigentlich bedeutete: Kalter Krieg. „Ich stand hier und sah jemand, der
       von der anderen Seite auf uns zurannte. Fünf Meter vor der weißen Linie ist
       der Mann gestolpert. Wir durften ihm nicht helfen. Wenn einer von uns nur
       einen Schritt über diese Linie gemacht hätte, wäre die Welt in der nächsten
       Minute nicht mehr in Ordnung gewesen.“ In dem Moment war der Kalte Krieg
       kein abstraktes Konzept mehr, kein komischer Arbeitsplatz in einem fernen
       Land, sagt Baldwin. „Es war plötzlich sehr ernst. Wir haben zugeschaut, wie
       der Mann abgeführt wurde.“
       
       1992 scheidet er aus der Armee aus und bleibt in dem nun wiedervereinigten
       Berlin. Er arbeitet als Türsteher, wird feste Größe des Berliner
       Nachtlebens, 17 Jahre macht er die Tür des legendären Clubs „Cookies“. Er
       ist der Einzige aus seiner ehemaligen Einheit, der in Berlin geblieben ist.
       
       Wie blickt er heute auf diesen geschichtsträchtigen Ort? „Was mit dem
       Checkpoint Charlie geschieht, ist allein Sache der Deutschen“, sagt
       Baldwin. „Mit dem Fall der Mauer und dem Abzug der Soldaten ist unsere
       Verantwortung dafür vorbei. Und das ist gut so.“
       
       Die Zeit nach 1989 bedeutet für den Checkpoint Charlie erst mal Rückbau.
       Die Mauer ist durchlässig geworden, jetzt soll sie ganz weg. Zwischen Juli
       1990 und November 1991 werden in Berlin 155 Kilometer Mauer abgerissen, 302
       Beobachtungstürme, 20 Bunkeranlagen, dazu die Grenzübergänge. Den Anfang
       macht der Checkpoint Charlie. In einer feierlichen Zeremonie mit den
       Außenministern beider deutscher Staaten, der USA, Frankreichs,
       Großbritanniens und der Sowjetunion [2][wird die Kontrollbaracke der
       Amerikaner am 22. Juni 1990 abtransportiert]. Die 298th U.S. Army Band
       spielt dazu „Berliner Luft“. Die taz, deren Redaktionsgebäude um die Ecke
       liegt, schreibt: „Letzte Vorstellung für Onkel Charlie“.
       
       Und zunächst gibt es keinen Plan, was mit dem ehemaligen Grenzübergang
       passieren soll. Von einem Ort des Geschehens zu einem Ort des Erinnerns –
       das geht nicht von heute auf morgen. Was eben noch Gegenwart war, ist nicht
       gleich Geschichte, und damit ist es auch nicht gleich erinnerungswürdig.
       
       ## Ganz nah am Unrecht
       
       Es gibt aber jemand, der am Checkpoint Charlie praktisch von Anfang an da
       ist. Jemand, der Räume füllt, die andere offen lassen. Rainer Hildebrandt,
       ein ehemaliger Widerstandskämpfer gegen die Nazis, eröffnet im Juni 1963 am
       Checkpoint sein Mauermuseum. Weil viele Geschäfte wegen der schlechten Lage
       nach dem Mauerbau 1961 wegzogen, kann er die Räume eines ehemaligen Cafés
       übernehmen. Axel Springer, der in der Nähe sein neues Verlagshaus baut,
       schickt einen Elektriker vorbei, der die Leitungen verlegt. Viele
       Redaktionen und Bildarchive stellen für die Ausstellung kostenlos Fotos zur
       Verfügung.
       
       „So nahe wie möglich am Unrecht sein, dort entfaltet sich die menschliche
       Größe am stärksten“, erklärt Hildebrandt zur Eröffnung mit dem Pathos eines
       Freiheitskämpfers die Ortswahl. Das letzte Haus vor der Mauer ist damals
       auch nicht nur Museum. Fluchthelfer beobachten durch ein kleines Fenster
       alle Bewegungen am Grenzübergang, Geflüchtete werden aufgenommen,
       Fluchtpläne entwickelt.
       
       Nach der Wende wollen Rainer Hildebrandt und seine Frau Alexandra den
       Checkpoint zu einem Denkmal für die Westalliierten machen, dafür soll auch
       die ehemalige Kontrollbaracke zurückkehren. Nicht die größere Baracke, die
       1990 feierlich abtransportiert wurde, sondern eine Nachbildung der ersten
       Alliiertenbaracke aus den 60er Jahren. Eine winzige Holzhütte mit einem
       Schild auf dem Dach: US Army Checkpoint. Die Hildebrandts lassen sie anhand
       von Fotos nachbauen, am 13. August 2000 wird sie enthüllt.
       
       2004 stirbt Rainer Hildebrandt. Im Inneren der nachgebauten Baracke
       erinnern ein Porträtfoto und ein Gedenktext an ihn, am Eingang des
       Mauermuseums steht eine eiserne Statue des Gründers. Das Museum selbst
       wirkt heute, als ob ein Messie mit Hang zur Zeitgeschichte sich mal so
       richtig austoben durfte.
       
       Es quillt über von Exponaten, in den verwinkelten Räumen stehen mehrere
       Fluchtautos, teils mit Einschusslöchern, daneben eine Vitrine mit einem
       Pullover von Hans-Dietrich Genscher, aber auch eine, in der Sandalen von
       Mahatma Ghandi zu besichtigen sind. In vielen Räumen laufen Videos von
       alten Nato-Treffen – und in einer Ecke findet sich auch ein ausgestopfter
       Dachs, erlegt von Stasi-Chef Erich Mielke.
       
       Alexandra Hildebrandt, die Witwe des Gründers und heutige Chefin, empfängt
       im Vortragsraum zum Gespräch. Es ist ein kalter Tag im Oktober, Hildebrandt
       friert trotz dicken Schals. Aber sie schüttelt sich nicht nur deshalb. Sie
       ist nicht glücklich damit, was sich vor ihrer Haustür abspielt: „Das ist
       kein Ort zur Belustigung, sondern zum Erinnern und Gedenken.“
       
       Von ihrem Büro aus habe sie gerade verfolgt, wie die Werbefilmer die
       orangefarbene Hütte aufgestellt hätten. Sie habe gewusst, dass es nicht
       lange dauern werde, bis die Polizei einschreite. Endlich werde da genauer
       hingeschaut.
       
       Hildebrandt, die in der Ukraine geboren wurde und nach der Wende nach
       Berlin kam, wacht streng über das Erbe ihres Mannes. Mit dem Mauermuseum
       erhebt sie den Anspruch zu definieren, was der Checkpoint ist – und wer
       Teil seiner Geschichte sein darf, wer nicht.
       
       Nicht nur der Soldat der Werbefilmer hat hier Probleme mit der Polizei.
       Seit August patrouillieren auch keine Soldatenschauspieler mehr vor dem
       rekonstruierten Kontrollhäuschen. Die Männer in Retro-Uniformen waren dort
       jahrelang ein vertrauter Anblick. Morgens schoben sie, bereits in Uniform,
       mit einem Supermarkteinkaufswagen US-Fahnen und andere Utensilien zu ihrer
       Arbeitsstelle. Dort posierten sie den ganzen Tag für Geld mit Touristen vor
       den Sandsäcken.
       
       Immer mehr Menschen hätten sich aber beschwert, erklärt das Bezirksamt
       Friedrichshain-Kreuzberg. Die „unerlaubte Sondernutzung“ durch die Soldaten
       sei über Jahre geduldet worden. „Da die Beschwerden in den vergangenen
       Monaten wieder zunahmen, wurde nunmehr dem Betreiber mitgeteilt, dass es
       keine Duldung mehr geben wird.“ Die Touristen seien regelrecht genötigt
       worden, mit den Soldaten Fotos zu machen, für die diese drei bis vier Euro
       verlangt hätten.
       
       Dieses Spektakel all die Jahre, es habe sie angewidert, sagt Alexandra
       Hildebrandt. Die Schauspieler hätten diesen Ort zu einem Disneyland
       gemacht. Von Anfang an seien sie und ihr Mann dagegen vorgegangen. „Aber
       Herr Wowereit hat ja nicht reagiert, und da konnten wir nichts mehr
       machen.“ Sie zieht ihren Schal zurecht, sie friert noch immer. „Das gehört
       sich einfach nicht.“
       
       ## Der Chef der Soldatenschauspieler
       
       An dem Wochenende vor dem Mauerfall-Jubiläum [3][berichtet auch die
       Berliner Lokalpresse] von den verschwundenen Soldaten. Das Treffen zwischen
       der taz und Tom Luszeit, Chef der Soldatendarsteller, ist schon länger
       verabredet, aber an diesem Montag hat Luszeit nun viel zu tun. Kaum am
       Checkpoint Charlie angekommen, läuft er herum, spricht mit Touristen und
       anderen Journalisten, die sich freuen, ihn zufällig zu treffen.
       
       Er lädt mehrere von ihnen ins Café Einstein ein, es wird eine improvisierte
       Pressekonferenz. Luszeit rückt seine Mütze mit goldenem US-Air-Force-Emblem
       zurecht. 17 Jahre war er der Chef der Soldatenschauspieler, die Männer bei
       ihm angestellt, vier Jahre stand er selbst verkleidet am Checkpoint. All
       die Jahre hätten die Menschen sich an ihnen erfreut, niemand habe sich je
       beschwert, sagt er.
       
       Luszeit zeigt ein Schreiben der Stadt Berlin vom 28. Oktober 2003. Darin
       wird die Idee, als Soldaten verkleidete Schauspieler am Checkpoint
       patrouillieren zu lassen, begrüßt und als „erlaubnisfreier Gemeingebrauch“
       genehmigt.
       
       „Nun soll das alles vorbei sein?“, fragt er. „Wir sind längst eine
       Institution, ein Kulturgut gewissermaßen. Uns gibt es auf Memory-Karten und
       bei Monopoly. Tourist erwarten, dass wir dort stehen.“ Niemand sei genötigt
       worden, mit ihnen Fotos zu machen. „Wenn jemand ein Bild mit uns gemacht
       hat, haben wir im Anschluss ein Schild hingehalten, auf dem wir um eine
       Spende von drei Euro baten. Aber das hat längst nicht jeder bezahlt, manche
       haben 20 Cent gegeben, andere einen Euro.“
       
       Dass sie an guten Tagen bis zu 5.000 Euro verdient hätten, wie die
       Bild-Zeitung berichtet hatte, sei völlig aus der Luft gegriffen. Mehr als
       700 Euro seien es auch an den besten Sommertagen nicht gewesen. Die Jungs,
       die die Soldaten spielten, habe er zum Teil beim Arbeitsamt gefunden,
       manche seien auch zu ihm gekommen. Er habe Menschen mit Handicap
       beschäftigt, genauso Geflüchtete. „Und ich habe bei jedem Einzelnen darauf
       geachtet, dass er geschult ist. Dass er den Menschen sagen kann, was an
       diesem Ort passiert ist, wo Osten und wo Westen war.“
       
       Zugegeben, dass sie [4][anfangs als DDR-Volkspolizisten aufgetreten] sind,
       das sei vielleicht geschmacklos gewesen, räumt Luszeit ein. Opfer der
       DDR-Diktatur protestierten damals scharf. Luszeit sagt: „Da hat auch Frau
       Hildebrandt gesagt, dass sie solche Uniformen nicht am Checkpoint Charlie
       sehen möchte. Das habe ich verstanden. Als ich ihr angeboten habe, dass wir
       stattdessen Alliierten-Uniformen tragen, war sie zufrieden.“
       
       Er selbst habe auch eine persönliche Verbindung zum Checkpoint Charlie,
       sagt Luszeit. Sein Vater sei in Berlin als amerikanischer GI stationiert
       gewesen, er habe seine Kindheit hier verbracht. Er und seine Jungs seien
       „Geschichte zum Anfassen“ gewesen, sagt er. „Nur so kann Geschichte
       funktionieren. Wenn nichts da ist, worüber sich Menschen Gedanken machen
       können, bleibt der Kopf leer.“
       
       ## Kampf um die Erinnerung
       
       Wenn man Smiley Baldwin fragt, der als echter GI am Checkpoint stand,
       erzählt er, dass viele seiner ehemaligen Kameraden heute richtig sauer
       seien, wenn sie den Checkpoint besuchen würden. „Das sind Jungs, die dieses
       Berlin-Ding richtig ernst genommen haben. Für die ist das ein quasiheiliger
       Ort.“ Den ganzen Rummel empfänden sie als würdelos. „In unserer
       Facebookgruppe haben sie sich vor allem über die Typen in Uniform
       aufgeregt.“ In den USA ist es verboten, nur zum Spaß eine Uniform mit
       militärischen Abzeichen zu tragen, es gilt als Entwürdigung echter
       Soldaten.
       
       Die Veteranen waren fassungslos, dass man gerade am Checkpoint Charlie
       damit keine Probleme sah, sagt Baldwin. „Ich bin vielleicht etwas
       linksliberaler als der Durchschnittsamerikaner, deshalb hat mich das nicht
       so gestört.“
       
       Tom Luszeit ist überzeugt, dass die Soldaten zurückkehren müssen. Er ist
       zurzeit im Gespräch mit dem Bezirksamt. Das wiederum will mit Alexandra
       Hildebrandt reden. Luszeit und Hildebrandt sind zwei Privatleute, deren
       Geschichten seit Jahren eng mit dem Ort verwoben sind. Sie teilen das
       Anliegen, dass er etwas Besonderes bleiben muss und sind doch zutiefst
       miteinander verfeindet. Sie kämpfen um die erinnerungspolitischen
       Leerstellen, die die öffentliche Hand hier lässt.
       
       Die falschen Soldaten nennt Hildebrandt ein „Mickymaus-theater“ – aber hat
       sie nicht mit der nachgebauten Baracke entscheidend zur Disneysierung des
       Ortes beigetragen? Und was ist mit der nachvollziehbaren Kritik an ihrem
       Mauermuseum, das den Charme einer Rumpelkammer versprüht? Der Historiker
       Hanno Hochmuth, der sich am Zentrum für Zeithistorische Forschung in
       Potsdam mit Erinnerungskultur beschäftigt, urteilte, das Museum lasse
       „keinen sinnvollen Aufbau“ erkennen. Es verstoße „an allen Ecken und Enden
       gegen heutige museale Standards“.
       
       Hildebrandt scheint es sich abgewöhnt zu haben, Zweifel zuzulassen. „Das
       war nun einmal der Stil meines Mannes, und der wird beibehalten“, sagt sie.
       Kritik an dem Museum lese sie gar nicht mehr. „Ich weiß, was ich tue, ich
       mache alles richtig, und die anderen sind schlecht.“ Es klingt nicht
       ironisch.
       
       Der Checkpoint Charlie wird aber nicht nur von der Verkitschung des Kalten
       Kriegs und Leuten geprägt, die dort Bratwürste oder Erinnerungsfotos
       verkaufen wollen, sondern auch von jenen, die mit Grundstücken in der
       besonderen Lage das ganz große Geschäft wittern.
       
       Nach dem Mauerfall sollen die Brachen an der Kreuzung schnell bebaut
       werden. Schließlich hat der Kapitalismus gerade den Wettstreit der Systeme
       gewonnen. Ronald Lauder, Erbe des Kosmetikkonzerns Estée Lauder und
       Milliardär, will die Gegend zum „American Business Center“ machen. Der
       damalige Bürgermeister Eberhard Diepgen preist das Projekt 1992 als
       „wichtiges Signal der Hoffnung“. Hunderte von Firmen will Lauder in fünf
       Gebäuden ansiedeln, 3.500 neue Arbeitsplätze sollen entstehen.
       
       Aber das Projekt kommt nicht in Gang. Jüdische Alteigentümer erheben
       Ansprüche auf ein zentrales Grundstück, zwei Jahre ziehen sich die
       Verhandlungen hin, das Grundstück muss für viel Geld erworben werden, erst
       dann beginnen die Bauarbeiten.
       
       1997 steigt Lauder aus dem Projekt aus, nur drei Grundstücke werden bebaut,
       der Rest bleibt Brache. Spötter sagen heute, der Kapitalismus habe sich
       ausgerechnet an der Stelle, die symbolisch für seinen größten Sieg steht,
       verhoben.
       
       2003 schlittert die Checkpoint Charlie KG als Nachfolgerin des
       American-Business-Center-Investors in die Insolvenz, die beiden Grundstücke
       direkt am ehemaligen Mauerstreifen bleiben unbebaut. Sie fallen an die
       Insolvenzverwalterin BAG Hamm, eine Bad Bank für Problemfälle der Volks-
       und Raiffeisenbanken.
       
       Große Träume platzen, Neues entsteht, im März 2003 errichtet eine Firma auf
       den Brachen ein paar Bretterbuden und ein Veranstaltungszelt. Das Projekt
       nennt sich „Drehorgelgasse“ und verströmt den Charme einer tristen
       Vorstadtkirmes. Der Veranstalter wirbt damals mit einer „nostalgischen
       Gasse, die mit historischen Wandbildern historische Straßenzüge“
       nachstellt, mit „Altberliner Flair“. Die damals zuständige
       Bezirksstadträtin findet das zwar furchtbar, sagt aber auch: „Mit der
       Kirmes dort ist jetzt die Toilettenversorgung gesichert, die öffentliche
       Hand hatte dafür nämlich kein Geld.“
       
       ## Städtebaulicher Stillstand
       
       [5][Nachdem auch die „Drehorgelgasse“ scheitert], pachtet 2004 Alexandra
       Hildebrandt die unbebauten Grundstücke. Auf den zwei Brachen lässt sie auf
       weißem Kies 1.065 schwarze Holzkreuze aufstellen. Jedes einzelne soll ein
       Todesopfer an der deutsch-deutschen Grenze symbolisieren. Die Aktion sei
       aber auch ein „Protest gegen die Trivialisierung dieses Ortes durch die
       Stadt Berlin“.
       
       Hildebrandt eröffnet das Mahnmal am 31. Oktober 2004, ihre auf Tafeln
       gedruckte Erklärung liest sich unmissverständlich: Berlin hat es versäumt,
       diesen Ort würdevoll zu behandeln und die Erinnerung an die deutsche
       Teilung wachzuhalten, das mache nun eben sie.
       
       Die Aktion löst eine heftige Kontroverse aus, „geschäftstüchtige
       Geschichtsklitterung“ wird Hildebrandt vorgeworfen – unter anderem, weil
       die Zahlen und Namen der Todesopfer nicht ausreichend historisch belegt
       sind. Das Mahnmal wird bald wieder abgebaut, die Aktion aber gibt den
       Impuls für einen echten Fortschritt. Die genaue Zahl der Mauertoten wird in
       einem historischen Forschungsprojekt ermittelt, und der Berliner Senat
       sieht sich veranlasst, ein Gedenkkonzept für die Berliner Mauer zu
       entwickeln.
       
       2006 verabschiedet der Senat das Konzept des damaligen Kultursenators
       Thomas Flierl, die Bernauer Straße wird zu einem pädagogisch fundierten
       Erinnerungsort ausgebaut, das Brandenburger Tor steht eh da, die bemalte
       Mauer der East-Side-Gallery auch. Schwierig wird es wieder am Checkpoint
       Charlie. Dort herrscht erinnerungsmäßig Chaos. Dazu der städtebauliche
       Stillstand mit den Brachen. Es gibt aber auch Stimmen, die die Brachen als
       solche erhalten wollen, als Erinnerung an eine Wunde in einer Stadt, die an
       der Friedrichstraße im ehemaligen Ostteil gar nicht genug gleichförmige
       Häuserklötze hinstellen kann.
       
       Wenn man heute von dem Kontrollhäuschen in Richtung des ehemaligen Ostteils
       geht fallen einem die Brachen vielleicht gar nicht als solche auf, weil auf
       ihnen temporäre Bauten, Buden und Schautafeln stehen. Auf der linken Seite
       gibt es ein 360-Grad-Panorama, in dem man das Überwältigende des Mauerbaus
       nachempfinden soll. Rechts hat der Senat eine „Blackbox Kalter Krieg“
       aufgestellt, die einen Eindruck davon vermitteln soll, wie
       museumspädagogisch fundierte Erinnerung aussehen könnte.
       
       2016 tritt dann ein neuer Investor namens Trockland auf. Er will die Brache
       bebauen. Ein Hardrock-Hotel mit 400 Betten, dazu Wohnungen, Büros, ein
       neues Museum. Der Senat verhandelt mit Trockland, unterzeichnet eine
       Absichtserklärung, der Inhalt ist geheim. Gegen das Verfahren gibt es wegen
       mangelnder Transparenz Widerstand, die Hotelpläne stoßen auf Kritik, weil
       das Gebäude den ganzen Ort bestimmen und das Museum in den Schatten stellen
       würde, dann lassen Recherchen von Tagesspiegel und Berliner Zeitung
       Trockland auch noch als dubiosen Partner mit obskuren Hintermännern und
       Geld in Steueroasen erscheinen.
       
       Der rot-rot-grüne Senat wird skeptisch und beginnt zu streiten. Im Dezember
       2018 kündigt der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) die
       Verabredung mit Trockland auf. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher
       (Linke) kündigt eine Änderung der Planungsziele an: weniger bebaute Fläche,
       dort, wo Trockland das Hotel plant, soll das neue Museum gebaut werden. Die
       Zeit drängt, denn sobald eine Sperre im Frühjahr 2020 für das Areal
       ausläuft, könnte der Investor eine Bebauung beantragen, die sich in die
       Umgebung einfügt. Eine Formulierung, die viel Spielraum für den Investor
       bietet.
       
       Mittlerweile hat Katrin Lompscher den Bebauungsplan für die Brachen
       vorgestellt. Östlich der Friedrichstraße soll das Museum für den Kalten
       Krieg mit 3.000 Quadratmetern Fläche entstehen, außerdem soll dort Platz
       für Wohnungen und Gewerbe sein, ein Drittel der Wohnungen sollen
       Sozialwohnungen sein. Auf dem gegenüberliegenden Grundstück sieht der Plan
       einen Stadtplatz vor, außerdem 28.000 Quadratmeter für Büros und Wohnungen.
       
       Noch ein letztes Treffen im Café Einstein am Checkpoint, diesmal mit Thomas
       Flierl. Er war 2002 bis 2006 Senator für Wissenschaft, Forschung und
       Kultur, seine Partei hieß damals noch PDS. Flierl trägt Schwarz und
       verschickt noch ein paar Nachrichten vom Smartphone. 2011 ist er aus dem
       Abgeordnetenhaus ausgeschieden, seitdem widmet er sich wieder seiner
       Leidenschaft und macht sich Gedanken über Städtebau, auch in die Diskussion
       um den Checkpoint Charlie hat er sich eingemischt.
       
       Er sagt dazu: „Die Topografie des Stadtraums ist das eigentliche Medium“,
       sie müsse erhalten bleiben. Was er damit meint: Die Lücke, die am
       Checkpoint im Stadtraum entstanden ist, um nach dem Mauerbau Platz für die
       Grenzanlagen der DDR zu schaffen, sei das, was den Ort präge. Gerade die
       Lücke erinnere daran, was dort war.
       
       ## Geschichte aus Sicht der Sieger
       
       Flierl nennt den Checkpoint Charlie „ein Dokument der Nichtbearbeitung“,
       und er teilt das Unbehagen vieler Berliner, die über diesen Ort die Nase
       rümpfen. Immerhin habe der Senat gegen die Pläne des privaten Investors
       gegengesteuert, sagt er. Berlin tue sich aber auch deshalb so schwer mit
       dem Checkpoint Charlie, weil hier die Geschichte nur aus Sicht der Sieger
       erzählt werde. Vorschnell sei nach der Wende der Anschluss an die
       amerikanische Führungsmacht gesucht worden, die Aktionen Hildebrandts
       hätten den Senat unter Druck gesetzt, kritisiert Flierl.
       
       Aber was schlägt er selbst vor? Er ist dafür, dass Berlin die Flächen
       übernimmt und dann genau überlegt, wie viel Museum und in welcher Form es
       dort geben müsse. „Nüchterne, aufgeklärte sachorientierte Informationen,
       keine Musealisierung des Grusels, ein Ort, an den auch die Berliner gehen.“
       Leider habe sich die Koalition dagegen entschieden, die Fläche
       zurückzukaufen. „Vielleicht erkennt man ja, dass die Privatisierungsorgie
       der Nachwendezeit ein Fehler war.“
       
       Die Idealvorstellungen von Thomas Flierl werden sich nicht verwirklichen.
       Unklar ist im Moment, ob es gelingt, den jetzigen Bebauungsplan der
       Bausenatorin rechtzeitig vom Abgeordnetenhaus verabschieden zu lassen.
       Sollte das nicht bis zum Februar 2020 gelingen, hätte der Investor auf den
       zwei Grundstücken weitgehend freie Hand – Erinnerungen an die einstige
       Leere an diesem Ort mitten in der Stadt könnten hinter Betonfassaden
       verschwinden.
       
       Es ist die letzte Chance für den Checkpoint Charlie.
       
       9 Nov 2019
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.welt.de/kultur/history/gallery13678758/Unbekannte-Bilder-der-Panzerkonfrontation.html
   DIR [2] https://berlin.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=49668
   DIR [3] https://www.bz-berlin.de/berlin/mitte/abmarsch-aus-fuer-die-%C2%ADabzock-soldaten-vom-checkpoint-charlie
   DIR [4] https://www.tagesspiegel.de/berlin/echter-streit-um-falschen-checkpoint-charlie/521658.html
   DIR [5] /!814615/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jan Pfaff
   DIR Hanna Voß
   DIR Felix Zimmermann
       
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