# taz.de -- Thüringen als „China Deutschlands“: Keine Kolonie im nahen Osten
> Immer häufiger wird Ostdeutschland als Kolonie bezeichnet. Trotz
> Machtgefälle zwischen Ost und West ist der Vergleich gefährlich.
IMG Bild: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow in einem Autozulieferunternehmen in Thüringen, 2018
„Wir sind sehr, sehr gute Teilelieferanten, quasi das China des Westens“,
erklärte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) am
Donnerstag gegenüber der Abendzeitung München. Mit „Wir“ meint Ramelow den
Osten und [1][die ostdeutschen Bundesländer]. Jeder dritte Daimler kriege
seinen Motor aus Thüringen, sagte Ramelow weiter. Die Unternehmensteuer
fließe jedoch nach Stuttgart. „Wenn man den Osten wie eine Kolonie
betrachtet, baut sich ein risikoreiches Spannungsfeld auf“.
Da ist er, der Vorwurf, der sich rund um die Landtagswahlen in Brandenburg,
Sachsen und Thüringen wachsender Beliebtheit erfreut: Ostdeutschland als
Kolonie der Bundesrepublik Deutschland. Ostdeutschland als koloniales
Opfer.
Zugegeben, so ganz unähnlich sind sich der deutsche Osten und der fernere
Osten nicht. Die DDR und China, das waren mal [2][sozialistische
Bruderstaaten]. Hier teilten viele Ideen von einer gerechten Welt abseits
des Kapitalismus und vor allem hatte man gleiche Feinde. Und doch ist der
eine, der fernere Osten heute rot, während der ganz nahe Osten sich leider
zunehmend braun verfärbt.
Klar, Ramelows Bild hängt schief. Wegen der holprigen China-Referenz und
weil der Politiker zu Recht kritisiert, dass die wenigen Westdeutschen, die
in den Osten kämen, in Führungspositionen landen würden – er aber selbst
aus Niedersachsen stammt. Deutlich gefährlicher ist aber der
Kolonie-Vergleich.
[3][Beim ersten Blick nicht völlig abwegig]: Befremdlich, wie oft an
westdeutschen Küchentischen noch 30 Jahre nach der Wende über „die Ossis“
der Kopf geschüttelt wird, als spräche man von pubertierenden Teenagern.
„Die Ossis“, das sind innerhalb Deutschlands noch zu oft „die Anderen“, die
weniger Klugen, die weniger Wohlhabenden. Stigmen, mit denen oft auch
Menschen aus ehemaligen Kolonien konfrontiert sind.
Der Begriff der Kolonie ist ein Machtbegriff, der untrennbar mit Rassismus
verbunden ist. Die meist weißen Stimmen, die Parallelen zwischen
Ostdeutschen und Migrant*innen oder PoC in Deutschland aufzeigen, scheinen
selten auf der Suche nach einem solidarischen Bündnis mit
Mehrfachdiskriminierten zu sein. Genau deshalb ist das Bild vom Osten als
Kolonie gefährlich. Weil es die Erfahrungen derer in den Hintergrund rückt,
die tagtäglich unter den Folgen von kolonialer Herrschaft und Gewalt
leiden.
Einfacher: Wenn Ostdeutschland den Koloniebegriff für sich beansprucht,
dann wird in diesem Land eben zuerst über die weißen Ostdeutschen geredet.
Danach, mit Glück, sprechen wir vielleicht über nicht-weiße Ostdeutsche.
Und am Ende der Mitleidskette stehen die Menschen in den ehemaligen
Kolonien des Westens, die sich in Fabriken für „uns Deutsche“ (da sind wir
dann wiedervereinigt) die Finger wund nähen. Wenn Ostdeutschland zur
Kolonie herbeidiskutiert wird, werden Kolonisierte noch unsichtbarer.
Die Frage nach dem kolonialen Charakter der innerdeutschen
Ost-West-Beziehung ist also eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Es geht
nicht um einen Wettbewerb, wessen Schicksal nun das Schlimmste von allen
ist. Es geht um die Reflexion der eigenen Privilegien und um die
Anerkennung von Intersektionalität in Identitätsdebatten.
Das bedeutet nicht, dass es kein Machtgefälle zwischen West- und
Ostdeutschland gibt. Bis heute läuft vieles schief, was
Einkommensgerechtigkeit, gläserne Decken und Stigmatisierung betrifft.
Diese Probleme müssen benannt werden. Aber bitte mit den richtigen Worten
und nicht auf Kosten der Sichtbarkeit anderer Marginalisierter. Auch
innerhalb Ostdeutschlands gibt es Unterschiede, wie stark Menschen
Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt sind. Ganz besonders vor dem
Hintergrund der Erfolge der AfD muss hier eine Linie verlaufen.
Westdeutsche mögen Ostdeutschen gegenüber zwar koloniales Verhalten an den
Tag legen. Aber das macht Ostdeutschland nicht zur Kolonie und die Leiden
der Ostdeutschen nicht zu den Leiden Kolonialisierter.
5 Sep 2019
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## AUTOREN
DIR Lin Hierse
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