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       # taz.de -- Luftnummer CO2-Kompensation: Die Mär vom klimaneutralen Fliegen
       
       > Die Luftfahrtindustrie stellt Ideen für vermeintlich grüne Treibstoffe
       > vor. Aber die Wirkung der Klimakiller Kondensstreifen wird ignoriert.
       
   IMG Bild: Lufthansa-Maschine mit dem Kopf in den Wolken: Flugindustrie im klimapolitischen Blindflug
       
       Berlin taz | Wenn sich die Bundeskanzlerin am Mittwoch in Leipzig mit
       Ministern, Industrievertretern und Gewerkschaftlern zur ersten „nationalen
       Luftfahrtkonferenz“ trifft, stehen positive Nachrichten im Vordergrund: Der
       Flughafen Leipzig/Halle wächst, ist Logistik-Drehkreuz geworden und siedelt
       einen neuen Flugzeugbauer an.
       
       Und in der allgemeinen Klimadebatte legen die Airlines in diesen Tagen ihre
       Konzepte vor, wie in Zukunft mit grünem Gewissen geflogen werden kann. Eine
       neue Studie und altbekannte Tatsachen weisen allerdings darauf hin, dass
       Fliegen noch klimaschädlicher ist als bisher gedacht.
       
       Besonders die Protestbewegung Fridays for Future hat das Fliegen auf den
       Index gesetzt. Auf die Debatte über „Flugscham“ haben die Airlines
       reagiert: Anfang der Woche präsentierte die Lufthansa ihr neues Angebot
       „Compensaid“: Mit ihm kann ein Fluggast soviel CO2-neutrales „nachhaltiges
       Kerosin“ buchen, wie er anteilig für einen Flug verbraucht.
       
       Anfang August wiederum hat der Bundesverband der Deutschen
       Luftverkehrswirtschaft (BDL) ein Konzept vorgestellt, um in Zukunft
       „verantwortungsbewusst und nachhaltig“ zu fliegen. „CO2-neutrales Fliegen“
       sei möglich, „wenn das fossile Kerosin durch regenerative Kraftstoffe
       ersetzt wird“ hieß es in einer BDL-Erklärung. Der Staat solle beim Aufbau
       von Kapazitäten für Öko-Kerosin helfen.
       
       ## Wo soll das Bio-Kerosin herkommen?
       
       Doch diese Versprechen sind zum Teil Luftnummern. Einerseits ist bislang
       völlig unklar, wo die großen Mengen von Bio-Kerosin herkommen sollen, wie
       hoch der CO2-Ausstoß bei deren Produktion ist und welche Agrarflächen dafür
       beansprucht werden. Vor allem aber blenden bislang alle
       Kompensationsmechanismen der Airlines aus, dass der Klimaschaden aus der
       Flugzeugdüse nicht nur vom CO2 kommt. Wichtiger noch sind die
       Kondensstreifen, die sich hinter den Flugzeugen in großer Höhe bilden –
       ihre Klimawirksamkeit wird bislang häufig verdrängt.
       
       Eine aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik
       (DLR) schlägt jetzt Alarm: Bis 2050, so die Abschätzung, könne sich die
       Erwärmung der Atmosphäre, die durch Kondensstreifen verursacht wird,
       verdreifachen. Die DLR-ForscherInnen gehen davon aus, dass dann viermal so
       viel geflogen wird wie heute – und der Effekt aufs Klima etwa dreimal so
       groß wie derzeit ist.
       
       Die Auswirkungen der Kondensstreifen auf die Erderwärmung ignoriert die
       Flugindustrie schon seit Langem. Der Anteil des weltweiten Flugverkehrs an
       den CO2-Emissionen mache nur 2,8 Prozent aus, erklärt der BDL in seiner
       Klimaschutz-Erklärung. Doch weil sich in den Abgasen der Flieger auch
       Aerosole, Stickoxide und Wasserdampf befinden, die zur Erderwärmung
       beitragen, multiplizieren Wissenschaftler, das Umweltbundesamt und die
       Kompensationsplattform atmosfair diesen Wert mit dem Faktor 3: Demnach
       liegt der Anteil der Flieger an der Erwärmung schon bei etwa 8 Prozent –
       mehr als Indien zur Erderhitzung beiträgt.
       
       Wächst der Verkehr wie geplant, könnte der Anteil 2050 noch deutlich höher
       werden, vor allem wenn die anderen Sektoren Emissionen senken.
       „Klimaneutral zu fliegen ist theoretisch möglich“, sagt Ulrike Burkhardt,
       eine der Autorinnen der DLR-Studie, der taz, „in der Praxis müsste dafür
       aber viel mehr Ausgleich erbracht werden als bisher vorgesehen.“
       
       Weltweit hat sich der Flugverkehr nach dem Klimaabkommen von Kioto 19 Jahre
       lang um jede Regulierung und Reduzierung gedrückt. Erst 2016 einigten sich
       die Staaten in der UN-Luftfahrtorganisation ICAO auf das Programm Corsia.
       Mit ihm soll ab 2020 allerdings nur der Zuwachs im Flugverkehr
       „CO2-neutral“ gestaltet werden. Wo die Millionen von Tonnen CO2-Ausgleich
       dafür herkommen sollen, ist auf UN-Ebene derzeit genau so unklar wie die
       Herkunft „nachhaltigen Kerosins.“ Nur eines ist klar: Auch Corsia rechnet
       nur den CO2-Ausstoß – und ignoriert die gefährlicheren Kondensstreifen.
       
       21 Aug 2019
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Bernhard Pötter
       
       ## TAGS
       
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