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       # taz.de -- Sexismus im Alltag: Das kleine Unbehagen
       
       > Ein aufgesprühter Penis, ein anzüglicher Witz – es sind diese winzigen
       > Grenzverletzungen von Männern, die Frauen aus dem Tritt bringen sollen.
       
   IMG Bild: Die kleine Grenzverletzung: Muss es denn immer das Penis-Motiv sein?
       
       Neulich stand ich im Stau und fuhr eine halbe Stunde lang notgedrungen
       einem Container mit einem ejakulierenden Penis hinterher. Der Penis war
       aufgesprüht und gehörte vermutlich nicht zum Grunddesign des Containers
       (darüber dachte ich circa zwei Minuten gründlich nach); vermutlich wusste
       der Fahrer gar nicht, was seine Hintermänner beziehungsweise -frauen sahen
       (nochmals zwei Minuten), oder vielleicht wusste er es halt doch und fand es
       witzig (Meinungswechsel nach weiteren zwei Minuten). Der, der es
       aufgesprüht hatte, hatte vermutlich erst recht nicht darüber nachgedacht,
       wer diesen Penisumriss alles zu Gesicht bekommen würde. Andererseits:
       Sprüht man irgendwas irgendwohin, ohne implizit jemanden vor Augen zu
       haben, der das Gesprühte später sieht?
       
       Wer mitgerechnet hat, weiß, dass jetzt noch gut zwanzig Minuten Stauzeit
       übrig blieben; und in denen dachte ich, dass genau das auch Hauptmerkmal
       einer sexistischen Belästigung auf niedrigem Niveau ist: dass frau sich
       diffus „belästigt“ fühlt, es aber schwerfällt zu sagen, warum. Ich meine
       jetzt nicht Angrabschen oder eindeutig diskriminierende Witze. Ich meine
       kleine Anzüglichkeiten und Gesten, die bewirken können, dass frau sich
       unwohl fühlt in ihrer Haut, während der Verursacher sagen kann: „Weiß gar
       nicht, was du hast.“
       
       Elementar ist, dass es sich eben doch um einen bewussten Akt der
       Kommunikation handelt; der Witzemacher oder Grafittisprayer „redet“
       durchaus vor Publikum und braucht dieses auch. Denn das, was er sagt oder
       sprüht, SOLL eine kleine Grenzverletzung darstellen. Man bringt Sex oder
       Nacktheit dort ins Spiel, wo beides nicht hingehört beziehungsweise nicht
       von allen Beteiligten gewollt oder erwartet wird. Nun ist das mit den
       Erwartungen so eine Sache. Es kann ja sehr nett sein, irgendwo auf Sex zu
       treffen, wo frau keinen erwartet hätte. Berührungen, flirtive Tonlagen –
       sie alle können unvermutet und dennoch beziehungsweise gerade deswegen toll
       sein. Überall, wo Menschen aufeinandertreffen, gibt es Missverständnisse;
       so kann man und frau auch das, was der/die andere erfreut, kolossal falsch
       einschätzen. Jeder auf Beidseitigkeit abzielende Annäherungsversuch kann
       schiefgehen, und dann zieht man sich zurück und bittet eventuell um
       Entschuldigung.
       
       Ich glaube aber nicht, dass sich irgendwer beim Aufsprühen dieses Penis
       gedacht hat: Au ja, da mach ich mal einer Frau (oder einem Mann?) eine
       kleine Freude und bringe Sex in den Alltag, wo sonst keiner ist. Nein, die
       Person wird eher so im Schenkelklopfhumor gedacht haben: Höhö, seht ihn an,
       den von mir aufgesprühten Penis. Oder, falls Sie das Beispiel des Penis
       etwas überstrapaziert finden, denken Sie bitte an einen leicht anzüglichen
       Witz, den ein Kollege in einem beruflichen Kontext plötzlich erzählt. Es
       ist weniger der Scherz selbst, der bewirkt, dass sich die Kollegin leicht
       unbehaglich fühlt; sondern die Tatsache, dass der Kollege diese winzig
       kleine Grenzverletzung beabsichtigt hat. Er wollte sie aus dem Tritt
       bringen, und damit brachte er sie aus dem Tritt.
       
       ## Es geht um Macht
       
       Warum aber wählte er dazu das Thema Sex? Der Kollege hätte ja auch ganz
       plötzlich anfangen können, an den Völkermord in Ruanda zu erinnern; bei
       einem Gespräch über, sagen wir, Marketingmaßnahmen zum Verkauf von
       Jalousien und Markisen hätte dies sicher für Irritationen gesorgt. Oder der
       Sprayer hätte statt des Penis einen fliegenden Pinguin sprühen können, auch
       darüber hätte ich sicher nachgedacht. Es gibt sehr viele Möglichkeiten,
       Mitmenschen zu irritieren; was ist der Unterschied zu einer sexuellen
       Belästigung?
       
       Sorry, wenn ich jetzt das Offensichtliche schreibe, aber: [1][Es geht um
       Macht.] Ich muss immer wieder an einen gewissen Politiker denken, der sich
       mit einer Journalistin zu einem Interview traf und „wie nebenbei“ etwas
       über Brüste sagte. Worin liegt der Kick bei so was? Jemand macht so etwas
       schlicht, weil er es kann. Man fasst dabei keine Brüste an, man kriegt
       nicht mal welche zu sehen; aber immerhin kann man der Frau, die einem nie
       im Leben ihre Brüste anfassen oder sehen lassen würde, kurz signalisieren:
       „Zwischen uns ist diese Grenze, die mich von deinen Brüsten trennt, und die
       übertrete ich mal rasch, ohne dass du es verhindern kannst.“
       
       Aber warum funktioniert das nicht umgekehrt? Auch das liegt an der
       Verteilung von Macht. Wir leben in einer Gesellschaft, die die sexuellen
       Wünsche von Männern ungleich ernster nimmt und sichtbarer werden lässt als
       die von Frauen; in der traditionell viel mehr Frauen von Männern sexuell
       benutzt wurden als umgekehrt; in der fast jede Fernseh- oder Kinoszene, in
       der Menschen zweierlei Geschlechts Sex haben, diesen dann als „geglückt“
       zeigt, wenn ER bei der Penetration gekommen ist und SIE gleichzeitig wie
       durch ein Wunder aufjauchzt; und in deren Kulturgeschichte es von
       Vergewaltigungen, die als „Verführungen“ geschönt werden, nur so wimmelt.
       
       ## Und die Grenzen von Männern?
       
       Allerdings, das haben auch viele Beiträge zur [2][MeToo-Debatte]
       angesprochen, stärken wir Frauen und Mädchen nicht automatisch, indem wir
       einander ständig als verletzbare Opfer ansehen, die beschützt gehören, wo
       sie gehen und stehen. Was hilft einem heranwachsenden Mädchen mehr, ein
       gutes Körpergefühl und sexuelle Sicherheit zu entwickeln: Wenn die Eltern
       sie nicht allein im Wald spielen lassen, weil jemand sie dort überfallen
       könnte – oder sie zu ermutigen, allein in die Welt hinaus und auch in solch
       einen Wald zu gehen? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Die ständige
       Mahnung, dass wir vergewaltigt werden könnten, lähmt uns; aber eine erlebte
       Vergewaltigung lähmt eben auch.
       
       Und noch etwas ganz anderes weiß ich nicht: ob heterosexuelle Frauen
       bisweilen die Grenzen von Männern in unseren Annäherungs- und
       Flirtversuchen nicht hinreichend respektieren. Aber das ist ein heikles,
       selten angesprochenes Thema, und ich bin ausnahmsweise einmal froh, dass
       mein heutiger Kolumnenplatz zu Ende ist.
       
       13 Aug 2019
       
       ## LINKS
       
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