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       # taz.de -- Ex-Police-Schlagzeuger über gute Musik: „90 Prozent ist Quatsch“
       
       > Goethe lässt die Leute nicht mit den Hüften wackeln, dazu braucht es
       > Musik: Stewart Copeland erklärt den Unterschied zwischen Orchestern und
       > Rockbands.
       
   IMG Bild: „The Police“ mit Sting (v. l.), Stewart Copeland and Andy Summers im Jahr 2017
       
       taz am wochenende: Stewart Copeland, Sie kommen aus der Popmusik. Was
       fasziniert Sie an der Arbeit mit einem Orchester? 
       
       Stewart Copeland: Die Komplexität des Klangs. Rock-’n’-Roll-Instrumente
       können sehr effektiv sein, aber das Vokabular eines Orchesters ist einfach
       viel größer. Mir gefällt aber auch die Art des Musikers, die in einem
       Orchester spielt.
       
       Und welche Art ist das? 
       
       Ich unterteile Musiker in zwei Kategorien: Musiker des Ohres und Musiker
       des Auges. In die erste Kategorie fallen Rockmusiker – sie können keine
       Noten lesen und verlassen sich ganz auf ihr Gehör. Ich habe 20 Jahre als
       Rockmusiker gearbeitet, ohne jemals ein Notenblatt zu Gesicht bekommen zu
       haben. Rock-’n’-Roller improvisieren. Man kennt die Akkorde, aber wie
       spielst du dazu? Das beantwortet man letztlich selbst. Ganz anders im Fall
       der Orchestermusiker: Ihre Berufung – man könnte sogar sagen ihre Religion
       – besteht darin, dem Notenblatt zu gehorchen. Und sie wissen: Nur wenn sie
       exakt nach dem Blatt spielen, funktioniert das Orchester als mächtiges
       Ganzes.
       
       Welche Unterschiede gibt es noch? 
       
       Mit Popmusikern dauern die Proben sechs Wochen, weil alles verhandelt wird.
       Bei einem Orchester reichen drei Stunden.
       
       Gab es bestimmte Dinge, die Sie lernen mussten, als Sie anfingen, mit
       Orchestern zu arbeiten? 
       
       Ja, zum Beispiel, dass die Perkussionisten eines Orchesters nicht wie der
       Schlagzeuger in einer Rockband die Rhythmussektion bilden, die alles
       zusammenhält. Sie sind sozusagen für die Zeichensetzung verantwortlich.
       Nehmen wir eine Partie von Mahler oder Debussy. Kein eindeutiger Rhythmus
       ist erkennbar, aber dann: Bumm! Die Pauke – ein Ausrufezeichen! Es dauerte
       eine Weile, bis ich begriff, dass die Perkussionisten nicht wie ein
       Schlagzeuger in einer Band den Boss spielen, an dem sich alle orientieren.
       Das ist der Dirigent. Der Rest steht auf dem Blatt.
       
       Wenn Orchestermusiker sich so sehr nach dem Notenblatt richten, könnten Sie
       dann nicht irgendwann durch einen Computer ersetzt werden? 
       
       Das kann ein Computer schon jetzt.
       
       So gut, dass man keinen Unterschied hört? 
       
       Es kommt darauf an. Bei den Streichern etwa gibt es Schwächen, vor allem im
       Legato. Aber natürlich sind es noch immer die Musiker, die den Instrumenten
       Leben einhauchen.
       
       Könnte ein Computer in der Zukunft eine Form von musikalischer Schönheit
       produzieren, wie sie ein Orchester erreicht? 
       
       Damit habe ich in Hollywood meinen Lebensunterhalt verdient. Computer
       kommen schon lange zum Einsatz, um ein Faksimile zu erstellen, das man dem
       Regisseur oder Produzenten vorspielen kann. So wissen sie, wie das
       Endresultat in etwa klingen wird. Ich hatte allerdings auch schon mit einem
       Regisseur zu tun, der sich so sehr mit meinem falschen Sample-Orchester
       verbunden fühlte, dass ihm die Orchesteraufnahme, die später entstand,
       nicht gefiel. Aber das war ein Idiot.
       
       Wird ein Computer je in der Lage sein, dieselbe Art von Resonanz zu
       erzeugen, wie sie zwischen Musikern und Publikum entsteht? 
       
       Hier ist eine unangenehme Nachricht für alle, die glauben, dass Musiker nie
       durch Computer ersetzbar sein werden: Die Art von Musik, die Menschen am
       ehesten dazu bringt, sich in der Öffentlichkeit ihre Geschlechtsteile
       entgegenzuschwingen, wird von Maschinen produziert. Elektronische Tanzmusik
       ist nicht ohne Grund so populär.
       
       Das ist aber vielleicht auch ein etwas geringer Anspruch, oder? 
       
       Sicher, Sex – wie viel weniger anspruchsvoll kann etwas sein? Reiner
       Instinkt, mehr braucht es nicht. Weg vom menschlichen Intellekt und hin zum
       Tiergehirn. Darin liegt aber meiner Meinung nach auch das Wesen der Musik.
       Sie ist die einzige Kunstrichtung, die den Intellekt umgeht und die
       motorische Steuerung des Körpers an sich reißt. Musik bringt dich dazu, in
       der Öffentlichkeit eine offenkundig sexuelle Handlung zu vollziehen,
       sprich: zu tanzen. Was Musik mit Menschen anstellt, geht viel tiefer, als
       wir normalerweise annehmen. Wem glauben Sie eher: Ihren Augen oder dem
       Moll-Akkord? Ihre Augen sagen Ihnen, was Sie denken sollen. Aber was viel
       wichtiger ist: Musik sagt Ihnen, was Sie fühlen sollen.
       
       Ein Phänomen, das beim Film ausgiebig genutzt wird. 
       
       Genau, manchmal negiert die Musik sogar den Dialog. Wenn der gut aussehende
       Kerl sagt: „Ich liebe dich“, die Zuschauer das aber bezweifeln sollen,
       kommt der Filmkomponist ins Spiel. Wir glauben der Musik, nicht Tom Cruise.
       
       Was sagt uns das über Musik? 
       
       Hier ist meine Theorie: Musik ist ein Federkleid – wie bei einem Vogel. Sie
       bringt Menschen dazu, ihre Hemmungen abzulegen. Musik sagt einem: Es ist
       okay, mich sexuell zur Schau zu stellen. Wenn wir uns zur Musik bewegen,
       ist es in Ordnung, körperlichen Kontakt in einer Art zu haben, die
       eindeutig sexuell ist. Musik enthemmt. Dabei öffnet sie uns aber
       gleichzeitig auch für andere Dinge und lässt uns glauben, dass diese der
       eigentliche Grund dafür sind, warum wir sie mögen. Nehmen wir die Religion:
       Gott liebt die Musik, weil sie uns das Gefühl von Transzendenz gibt.
       
       Einige Religionen verbieten die Musik. 
       
       Aber selbst der IS spielt Musik in seinen Propagandavideos. Einerseits
       verbieten die Islamisten Musik, aber wenn man sie beim Trainieren sieht,
       wollen sie doch nicht darauf verzichten. Musik ist ein sehr wichtiges
       Merkmal des Menschen. Als Kunst ist sie einzigartig. Rembrandt bringt dich
       nicht dazu, mit den Hüften zu wackeln. Auch Goethe schafft es nicht, deine
       motorischen Funktionen an sich zu reißen. Es kann sogar ein sozialer
       Nachteil sein, sich da zu verweigern. Wenn dein Fuß bei guter Musik nicht
       mitwippt, wirst du vielleicht sogar schief angeguckt. Wir haben diesen
       fundamentalen Instinkt genommen und erweitert. In ganz andere Bereiche: um
       Menschen zu überzeugen, um Produkte zu verkaufen und so weiter.
       
       Wenn Musik einen Instinkt in uns anspricht, kann es dann Musik geben, die
       objektiv besser ist als andere? 
       
       Ich denke nicht. Dafür sind wir zu unterschiedlich gestrickt. Wir sind
       keine Geparden, bei denen jedes Individuum der Spezies mit jedem anderen
       fast identisch ist. Geparden haben eine der geringsten genetischen
       Varianzen in der Tierwelt. Menschen sind da viel mannigfaltiger.
       
       Peter Shaffer scheint in seinem Bühnenstück „Amadeus“, das vom Miloš Forman
       verfilmt wurde, etwas anderes ausdrücken zu wollen. Er lässt dort Salieri
       über Mozarts Musik sagen: „Verändert man nur eine Note, dann mindert man
       die Qualität, verändert man eine Phrase, bricht die gesamte Struktur
       zusammen.“ 
       
       Wie gesagt, da spricht Salieri. Mozart hätte gesagt: Ich kann es so
       spielen, aber auch so. Oder so oder so. Dieses Zitat ist die Art von Satz,
       den ein nichtkünstlerisches Genie sagen würde. Musikalisches Talent ist
       vielschichtig. Meine Brüder haben zum Beispiel ein besseres Gehör für Musik
       als ich, aber ihnen fehlt die Fingerfertigkeit.
       
       Aber wie viel kann man verändern, ohne dass die Qualität gemindert wird? In
       einem Genre wie dem Jazz zum Beispiel, der stark durch die Improvisation
       geprägt ist, scheint die Antwort zu sein: So gut wie alles. 
       
       Eines vorweg: Ich liebe Jazzfans, auch wenn ich gern über ihre Musik
       lästere. Sie kommen zum Konzert und wollen sehen, was du drauf hast. Das
       Jazz-Publikum möchte erleben, wie man sich gehen lässt. Das meiste im Jazz
       ist Fingergewackel. Es gibt aber Ausnahmen: Miles Davis, John Coltrane,
       Stanley Clarke … Die haben Musik gemacht, und der Umstand, dass sich dabei
       ihre Finger bewegten, war nur ein Nebeneffekt. Ansonsten gilt allerdings:
       Wenn du unbedingt Musiker werden willst, aber kein Talent hast, dann ist
       Jazz genau das Richtige für dich. Du musst nur 12 Stunden am Tag üben und
       lernen, deine Finger schnell zu bewegen.
       
       Ein harsches Urteil. 
       
       Genau genommen sind 90 Prozent der Musik in jedem Genre Quatsch. Außer beim
       Blues, wo es sich exakt umgekehrt verhält. Ich kann mir jeden Idioten
       anhören, der Blues spielt, und es gefällt mir. Jazzfans wollen nicht, dass
       du den Song respektierst, dich zurücklehnst und den Sänger sein Ding machen
       lässt. Sie wollen, dass alle auf der Bühne zu jeder Zeit alles zeigen, was
       sie können – und bitte noch ein bisschen mehr davon!
       
       Ganz anders sieht es im Pop aus. 
       
       Mein Leben als Popmusiker hat mir die Disziplin gegeben, immer dem Song zu
       dienen. Das Stück steht im Mittelpunkt, ich am Rande. Und damit bin ich
       glücklich. Dasselbe gilt für Orchestermusiker: Ein Orchester klingt nur
       deshalb so wunderbar, weil jeder Musiker seinen Teil beiträgt.
       
       1 Jul 2019
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Florian Friedman
       
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