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       # taz.de -- Dokumentartheater zur Selbstfindung: Graffito und Kontrollverlust
       
       > Die Schauspielerin Paula Knüpling wurde wegen eines Graffitos
       > festgenommen und hat dieses Erlebnis an der Schaubude zu einem Stück
       > verarbeitet.
       
   IMG Bild: Veranstaltung anlässlich des Beginns der Bauarbeiten für die Garnisonkirche am 18.2.2019
       
       Eine Frau mit Kittelschürze kniet vor den zwölf Sternen der Europa-Flagge
       und hat bereits drei davon weggewischt. Über ihr ein blauer Schriftzug:
       SINGLE LIVES AS SINGLE WANTS. Der Einzelne lebt, wie der Einzelne mag.
       
       „Ich finde, dieses Graffito kann genauso linksradikal wie rechtsradikal
       ausgelegt werden, es ist sehr schillernd“, sagt Paula Knüpling bei einem
       Treffen in der [1][Schaubude] in Prenzlauer Berg, wo am nächsten Tag ihr
       Stück „Single lives as Single wants“ Premiere feiern wird. „Es ging mir
       darum, die Kontrolle zurückzubekommen“, sagt Knüpling.
       
       Der 24-jährigen Schauspielerin und Theatermacherin wird vorgeworfen, am 27.
       Februar eine Portalfassade hinter der Baustelle, wo zurzeit die Potsdamer
       [2][Garnisonkirche] wiederaufgebaut wird, mit diesem Graffito bemalt zu
       haben.
       
       Sie wurde wegen „Hausfriedensbruchs“ und „Zerstörung öffentlichen
       Eigentums“ festgenommen – der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Der
       Wiederaufbau der Garnisonkirche ist in der Stadt umstritten, doch Knüpling
       hatte bislang weder mit der Kirche etwas zu schaffen noch ist sie nach
       eigener Aussage verantwortlich für das Graffito.
       
       ## Symbol für Militarismus
       
       In der Garnisonkirche hatten sich 1933 Reichskanzler Adolf Hitler und
       Reichspräsident Paul von Hindenburg die Hand gereicht, sie ist das Symbol
       für die Vermählung der preußischen Eliten mit der braunen Revolution. Auch
       deshalb ließ die Führung der DDR die Ruinen, die nach dem Luftangriff auf
       Potsdam 1945 übrig geblieben waren, sprengen.
       
       Der Streit über den Wiederaufbau erzählt von einer Zweiklassengesellschaft
       in Potsdam: von den Alten, den DDR-sozialisierten und oft nicht übermäßig
       wohlhabenden einerseits – und den Neuen andererseits, die teils viel Geld
       zu verschenken haben.
       
       Zwischen diese Fronten ist nun Paula Knüpling geraten, ganz unfreiwillig,
       wie sie sagt. Darum ist es spannend, dass sie mit ihrer Koregisseurin
       Marina Prados ein Stück aus ihrem Erlebnis macht, das heute und morgen noch
       einmal in der Berliner Schaubude läuft. Das, was ihr geschehen ist: Es ist
       so vielschichtig wie das Graffito selbst, um das es geht.
       
       Da sind zum Beispiel zahlreiche Versuche, Knüpling in den sozialen Medien
       zu vereinnahmen, von links und rechts. Knüpling war Teil der queeren
       Graffitiszene Berlins, „hatte aber an diesem Abend nicht vor zu malen“, wie
       sie sagt. Dann ist da die Darstellung der ondulierten Frau auf dem
       Graffiti, die so gar nicht dem Rollenverständnis der Theatermacherin
       entspricht. Oder auch Knüplings Suche nach dem wahren Urheber des
       Graffitos.
       
       All das bringt Knüpling nun in dokumentarischer Form auf die Bühne „Wir
       werden dem Publikum aber keine Ergebnisse vor die Füße legen.“ Eher soll
       diskutiert werden, was eigentlich Kunst ist und was Vandalismus – und was
       es mit einem macht, wenn man die eigene Stimme verliert.
       
       31 May 2019
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Susanne Messmer
       
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