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       # taz.de -- Ökonomin über Meinungsmanipulation: „Die Techniken sind atemberaubend“
       
       > Silja Graupe hat mitgewirkt an der Neuausgabe von Walter Lippmans „Die
       > öffentliche Meinung“. Warum ist der noch so brisant?
       
   IMG Bild: Das Ereignis kennen die allermeisten Menschen nur medial vermittelt: Zeitungstitel von der Mondlandung 1969
       
       taz: Frau Graupe, wer war Walter Lipmann – und warum lohnt es sich, sein
       [1][beinahe 100 Jahre altes Buch „Die öffentliche Meinung“] zu lesen? 
       
       Silja Graupe: Walter Ötsch, mein Kollege und Mitherausgeber, und ich sehen
       Walter Lippmann als einen der ersten Autoren, der die Frage der unbewussten
       Beeinflussung durch Bilder und ihre Bedeutung für Politik und Wirtschaft
       deutlich gemacht hat. Er selbst war Praktiker, nämlich Journalist und
       politischer Berater, und hat bedeutende politische Entscheidungen im
       Amerika des frühen 20. Jahrhunderts mitgestaltet – gerade auch mittels der
       Kraft von Bildern.
       
       Sie verorten ihn am Anfang einer bis heute relevanten Idee: Statt an der
       Wirklichkeit arbeiten sich die Menschen an Bildern davon ab; er schreibt
       von „Fiktionen“, deren Zustandekommen sie nicht selbst kontrollieren. 
       
       Genau. Ich würde in noch mit Edward Bernays in Beziehung setzen …
       
       … Neffe Sigmund Freuds und Urenkel des Hamburger Rabbiners Isaak Bernays,
       aber vor allem: Pionier der Anwendung von Erkenntnissen aus Psychologie und
       Sozialwissenschaften für PR-Zwecke. 
       
       [2][Bernays entwickelte ein neues Verständnis von „Demokratie“:] Die Masse
       der Menschen sei schlicht überfordert sich durch Überlegungen ein
       reflektiertes Bild von politischen Entscheidungen zu machen. Deswegen solle
       man sie zwar nicht vom Wählen abhalten. Eliten aber sollten ihnen
       (Schein-)Bilder von der Realität vermitteln, so dass Menschen sich
       vermeintlich frei in ihren Entscheidungen fühlten, unbewusst aber gar nicht
       anders könnten, als das zu tun, was diese Eliten als richtig erachten.
       Bernays sprach von einer „unsichtbaren Regierung“. Diese wirkt gleichsam
       durch die Köpfe der Menschen hindurch. Lippmann hielt für diese Form der
       Regierung den Journalismus besonders wichtig.
       
       Inwiefern? 
       
       Die Frage der Beeinflussung der Bilder ist nicht verständlich ohne die
       Frage der Zunahme moderner Kommunikationsmittel; damals vor allem Zeitung,
       aber zunehmend auch Ton und Film.
       
       Wie, genau, fasst Lippmann diese Fragen? 
       
       Er geht davon aus, dass unsere Entscheidungen auf „Pseudo-Umwelten“
       basieren, im Original „pseudo environments“: Diese treten zwischen uns
       Menschen und die reale Welt der Erfahrungen. Wir blicken etwa in die
       Zeitung und regen uns auf über Ereignisse, die wir niemals miterlebt haben.
       Wir kennen nur das, was uns Journalisten davon vermitteln. Gleichwohl aber
       treffen wir Entscheidungen auf der Grundlage dieser Informationen; in
       unserer modernen Welt müssen wir dies tun. Und diese Entscheidungen
       zeitigen dann reale Effekte. Sie wirken auf die Welt, in der wir
       tatsächlich leben. Das war auch früher schon so, ist aber durch die Medien
       – und zumal die „sozialen“ Medien – extrem verstärkt worden.
       
       Ist diese Verstärkung nur quantitativ, indem uns Medien also mehr
       potentiell Erregung bewirkende Themen nahe bringen? 
       
       Medien- und auch Werbungseinflüsse haben sich natürlich schon zahlenmäßig
       extrem vergrößert, ebenso die gesellschaftliche Aufgeregtheit anhand von
       medialen Ereignissen. Bereits Lippmann spricht davon, dass durch
       Beeinflussungstechniken ein „Gefühlshaushalt“ angesprochen werden kann,
       also der Mensch in seinen basalen Instinkten berührt wird – ohne dass er
       das merkt. Und in dieser Hinsicht sind heute ja die Techniken
       atemberaubend: einerseits aus wirtschaftlichen Gründen – man denke an die
       Werbung –, aber auch aus politischen Gründen. Und wie da gearbeitet wird,
       [3][die Möglichkeiten], wie Textoberflächen und mediale Welten gestaltet
       werden, um bestimmte Effekte zu erzielen, und das unterhalb der Schwelle
       des Bewusstseins der Nutzerinnen und Nutzer: Das hat sich seit Lippmann
       nicht nur zahlenmäßig vervielfacht. Das Wissen um mögliche Mittel und
       Formen der unbewussten Beeinflussung hat sich auch qualitativ vertieft. Was
       aber nicht zugenommen hat, ist die Bildung über diese Zusammenhänge, also
       in Schule, Universität und öffentlicher Debatte.
       
       Der Untertitel von „Die öffentlicher Meinung“ lautet: „Wie sie entsteht und
       manipuliert wird“. Und hinten auf Ihrer neuen Ausgabe ist, in
       Aufkleber-Optik, zu finden: „Der Klassiker zur Meinungs-Manipulation!“ Das
       lässt sich als Diagnose lesen, als Klage – oder aber als Anleitung für
       Manipulierende. 
       
       Er ist merkwürdig in der Mitte: Der Text hat keinen manipulativen Gehalt,
       anders etwa Werke von [4][Milton Friedman] oder [5][Friedrich Hayek] …
       
       … den Säulenheiligen des [6][(Neo-)Liberalismus] also … 
       
       … dazu hat Lippmann viel zu unsortiert geschrieben; dazu präsentiert und
       reflektiert er viel zu viele unterschiedliche Meinungen und Perspektiven.
       Aber er ist fasziniert von den Möglichkeiten, die er beschreibt. Es ist
       eine Analyse, aber an vielen Stellen keine Kritik. Er beschreibt es schon
       so, dass sich daraus auch lernen lässt – auch im Sinne eines Missbrauchs.
       Als wir mit der neuen Herausgabe anfingen, kannten wir Lippmans Werk auch
       eher nur in Auszügen, und sahen ihn eher auf der Seite der
       Meinungsmanipulierer. Aber der Fall ist nicht so eindeutig wie etwa bei
       Bernays. Bei Lippmann gibt es dafür zu viele kritische Anteile: Er sagt
       etwa, dass die Bildung über Manipulation aufklären müsse. Er spricht sich
       auch aus für eine Verstaatlichung von Informationsdiensten, die die
       Produktion der neuen Bilder zum Wohle aller lenken sollten. Aber er bleibt
       dennoch einer der Großen, die auch manipuliert haben. Mit einem
       Unterschied: Er reflektiert kritisch, was er tut, auch moralisch. Und genau
       dies fehlt in der heutige PR zu oft, meine ich.
       
       Wer die erwähnten„Fiktionen“ beeinflusst, der kontrolliert für Lippmann
       „Die öffentliche Meinung“. Woraus er aber nicht schließt, dass es den
       Menschen zu befreien gilt. 
       
       Stereotype, Fiktionen, „pseudo environments“, Framing: Das alles ist alles
       nicht synonym, aber für den Moment würde ich es auch nicht allzu strikt
       unterscheiden wollen. Lippmann spricht von einer Dreiecksbeziehung: Unsere
       Wahrnehmung ist auf diese Fiktionen gerichtet, es entstehen daraus aber
       Handlungen, die sich in der realen Welt äußern. Als Beispiel nennt er eine
       Werbung für eine karitative Einrichtung: Sie zeigt ein verhungerndes Kind
       und spricht damit direkt das teifsitzende Gefühl von Mitleid in einem
       Menschen ein. Dieser weiß nicht, warum das Kind hungert, was genau dessen
       Lebenslage ist. Auch über die Art, wie und ob ihm tatsächlich geholfen
       wird, weiß er nichts. Real ist nur sein Gefühl. Und sein Wunsch, dieses
       loszuwerden, führt zu einer Spende, von der er auch nicht weiß, was sie
       wirklich bewirkt.
       
       Und in der Politik? 
       
       Wenn sich Stereotype verfestigen, wie es [7][heute bei besonders gut bei
       den Rechten zu beobachten] ist, dann schlägt kann keine Handlungsrealität
       nmehr die Wahrnehmung relativeren. Wenn jemand etwa in ausländerfeindlichen
       Stereotypen gefangen ist, dann sitzt die Angst so tief, dass sie alle
       wirkliche Begegnung verhindert, und die Stereotype können durch mediale
       Bilder immer weiter verfestigt werden. Alternative Wahrnehmungen dringen
       nicht mehr durch. Natürlich ist richtig, dass wir nicht bei jeder Begegnung
       komplett auf vorgefertigte Wahrnehmungsbilder verzichten könnten. Schon
       Lippmann meinte, dass unsere Umwelt zu komplex sei, um immer alles zu
       durchdenken. Doch bei Manipulation geht es nicht um Bilder, die aus der
       Erfahrung des Einzelnen oder einer ganzen Gesellschaft stammen. Es sind
       Bilder, die andere Menschen bewusst und gezielt anfertigen, um ihre
       Interessen durchzusetzen.
       
       Wie kommen die zustande? 
       
       Kommen wir auf das Beispiel des verhungernden Kindes zurück. Das Ziel steht
       hier vorab fest: Es soll der Spendenfluss gesteigert werden. Dann gibt man
       keine Informationen etwa über den Zustand in einem Krisengebiet, sondern
       man appelliert direkt eben an das basale Gefühl von Mitleid und nutzt so
       den eher unbewussten Fürsorgeinstinkt bewusst für die eigenen Zwecke aus.
       In der Politik schürt man für die eigenen Zwecke beispielweise Gefühle von
       Angst und Unsicherheit, die bekanntermaßen das reflektierte Denken eher
       aussetzen lassen.
       
       Lippmann formuliert, als Gegenmittel geradezu, die Idee einer „gelenkten
       Demokratie“. 
       
       Es ist sicher nicht unser Verständnis von Demokratie, sondern eines im
       Sinne, wie ich es bei Bernays geschildert habe. Die wahren Herrscher sollen
       unsichtbare Eliten sein – mit der Folge, dass auch die bekannten Politiker
       zu den Manipulierten gehören sollen. Lippmann hoffte zumindest an einigen
       Stellen, dass diese unsichtbare Elite aus selbstlos Handelnden bestehen
       könnten. Um es mal ganz ehrlich zu sagen: Viel Hoffnung bestand bereits zu
       seiner Zeit diesbezüglich nicht. Und heute wird es kaum besser sein.
       
       6 Apr 2019
       
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