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       # taz.de -- „Babylon“ in der Berliner Staatsoper: Männer, die sich wichtig nehmen
       
       > Premiere in der Berliner Staatsoper: Jörg Widmann und Peter Sloterdijk
       > haben ihr Stück „Babylon“ überarbeitet. Andreas Kriegenburg hat es
       > inszeniert.
       
   IMG Bild: Traurig! Schlimm! Das schreit nach Musik! Susanne Elmark (Inanna) und Charles Workman (Tammu)
       
       Der Euphrat, um mit der guten Nachricht anzufangen, singt. Marina
       Prudenskaya gibt ihm ihre Stimme. Sehr leise zuerst, dann anschwellend,
       gewaltig ausufernd und laut hinaufrauschend. Die Russin ist festes Mitglied
       im Ensemble der Staatsoper und wird mit ihrer Marie in Bergs „Wozzek“ für
       immer in Erinnerung bleiben. Sie kann auch alleine einen ganzen Fluss
       singen, wenn es denn sein muss.
       
       Es muss sein. Mojca Erdmann, Gast im Haus, singt die Seele. Nicht mit
       Seele, sondern die Seele und sie klingt genau so wie Mojca Erdmann nun mal
       klingt, klar und schneidend bis in Tonlagen hinauf, die nicht mehr irdisch
       sind. Das ist sehr traurig für die arme Seele, die plötzlich ganz alleine
       auf der Welt ist, weil Tammu sie verlassen hat. Schlimm ist das, deshalb
       muss die gute Mojca Erdmann singen, dass ihr guter Mann im sündigen Babylon
       Inanna, der dort amtierenden Priesterin der Wohllust, in die Arme fiel „wie
       in den Rachen eines Löwen“. So steht es im Textbuch von Peter Sloterdijk.
       
       Auch Susanne Elmark singt sehr gut, variabel angepasst an das Leben einer
       religiösen Sexarbeiterin, das sicher auch nicht leicht ist. Vom Tod mal
       ganz zu schweigen, aber selbst den schafft Otto Katzameier mit seinem
       gereiften Bariton ganz wunderbar. Die schlechte Nachricht ist halt nur,
       dass Peter Sloterdijk mit diesen schönen Stimmen macht, was er immer macht:
       Er plaudert gewichtig über alles mögliche, was ihm so eingefallen ist. Das
       ist in Talkrunden manchmal recht unterhaltend, öfter aber eher rätselhaft.
       Dass ein junger Mann schon mal sexuell aufgeregt ist, wie hier jetzt
       brühwarm erzählt wird, kann eigentlich niemanden verwundern.
       
       In der Philosophie, die Sloterdijk bekanntlich studiert hat, ist das
       Problem notorisch ungelöst, wie sich Seele und Körper zueinander verhalten.
       Neu ist nur, dass die eine jetzt auch ganz alleine singen kann, während der
       andere offenbar ohne sie rumvögelt und trotzdem mit seiner Unterleibsgöttin
       zusammen in Versen schwelgt wie diesem: „Wo du hingehst, dahin gehe auch
       ich. Wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ Das ist doch schön, oder etwa
       nicht?
       
       ## Was soll ein Regisseur damit anfangen? Gar nichts?
       
       In Babylon nicht, meint Sloterdijk, weil ihm dazu die Götter eingefallen
       sind, die mit Feuerbränden und Wasserfluten so sehr zürnen, dass sogar der
       dort erfundene Kalender durcheinandergerät. Womit wir bei den Aufgaben des
       Staates sind, worüber sich Sloterdijk immer gerne Gedanken macht. In
       Babylon schafft der Königsbass John Tomlinson Ordnung mit Menschenopfern,
       damit die Götter brav bleiben. Dramaturgisch wohl geformt trifft es gleich
       beim ersten Mal den ausländischen Juden, was glücklicherweise die
       vereinsamte Seele mit der wegen des staatlichen Todesopfers frustrierten
       Priesterin des Körpers zusammenbringt zu einem orphischen Ausflug in die
       altgriechische Unterwelt. Sie schaffen es tatsächlich, die babylonischen
       Frauen, und holen den Tammu heim ins Reich, wo nun sogleich ein neuer
       Regenbogen über einem neuen Bund mit dem Gott der Bibel aufgeht.
       
       Das schreit nach Musik, und Jörg Widmann hat sie geliefert, 45 Jahre alt
       und mit einer langen Liste gerne und oft gespielter Werke ohnehin eine
       feste Größe des bundesdeutschen Musiklebens. Er kann alles, hat alles schon
       gehört und als Klarinettist das meiste davon wohl auch selbst gespielt,
       Puccini, Wagner, Schönberg sowieso, aber auch wüste Darmstädter Avantgarde
       mit Clustern und Elektronik. Operettenschlager und Militärmärsche sind ihm
       auch nicht fremd. Für den redseligen Sloterdijk hat er nun wirklich alles
       ausgepackt und lässt es gerne so extrem laut spielen, dass absolut niemand
       überhören kann, wie furchtbar wichtig ihm dieser Allerweltsuntergang ist.
       
       Was soll ein Regisseur mit diesem Gerede und Getöne wichtiger Männer
       anfangen? Gar nichts, hat sich Andreas Kriegenburg gedacht, und stellte die
       Figuren an die Rampe. Dort können sie wenigstens ordentlich singen. Sein
       Bühnenbildner Harald Thor hat ihm für den Hintergrund eine Art
       Paternoster-Aufzug mit verschachtelten, düstereren Kammern gebaut. Sie
       fahren auf und ab, meistens gefüllt mit den Mitgliedern des Chores, die
       sich ängstlich an die Mauern drücken, aber auch mal in transparenten
       Überzügen für die obligatorische Orgie posieren. Es sieht immer
       stimmungsvoll aus und ist doch nur Dekoration für ein Stück, das so gerne
       eine große Oper wäre. Als es zu Ende war, hat es vor der Staatsoper auch
       noch geregnet.
       
       10 Mar 2019
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Niklaus Hablützel
       
       ## TAGS
       
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