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       # taz.de -- Zulage an Brennpunkt-Schulen in Berlin: An der Realität vorbei
       
       > Lehrer*innen in Neukölln-Britz protestieren gegen die Brennpunktzulage
       > des Senats, weil ihre Schule trotz vieler Gewaltvorfälle leer ausgeht
       
   IMG Bild: Am der sportbetonten Oberschule Otto-Hahn lernte etwa Fußballnationalspieler Antonio Rüdiger
       
       Berlin taz | Ab dem 1. März bekommen Lehrer*innen und Erzieher*innen an
       sogenannten Brennpunktschulen erstmals mehr Geld. 300 Euro monatlich
       rückwirkend bis August 2018 gibt der Senat zusätzlich aus – auch damit mehr
       voll ausgebildete Lehrkräfte sich für Jobs an Schulen mit vielfältigen
       Problemen entscheiden. Nur leider erreicht die Senatsverwaltung für Bildung
       von Sandra Scheeres (SPD) in der jetzigen Ausgestaltung der
       „Brennpunktzulage“ teilweise das Gegenteil. Das wird deutlich, wenn man
       sich anschaut, wie die Zulage in der Neuköllner Realität ankommt.
       
       Die Otto-Hahn-Schule in Britz, an der viel befahrenen Buschkrugallee, passt
       eigentlich ins Anforderungsprofil: Es ist eine Sekundarschule, an der
       Schüler*innen alle Abschlüsse machen können. In der Realität klappt das
       nicht immer so gut: Im vergangenen Schuljahr haben dort laut Kollegium 15
       von 135 Schüler*innen die Berufsschulreife (den qualifizierten
       Hauptschulabschluss) geschafft – eine Quote von elf Prozent.
       
       Lehrer*innen berichten von überdurchschnittlich vielen Gewaltvorfällen, die
       regelmäßig Jahrgangskonferenzen und Disziplinarmaßnahmen nach sich ziehen.
       Vor Kurzem sei einer Lehrerin zweimal ins Gesicht geschlagen worden,
       nachdem sie ein Handy einkassieren wollte. Der Definition nach ist die
       Otto-Hahn also eine Schule, die in jedem Fall von der Zulage profitieren
       muss. Oder?
       
       Tut sie aber nicht. Denn ob eine Schule die Zulage bekommt, hängt nicht von
       der [1][öffentlich einsehbaren Abschlussquote] ab oder der Anzahl der
       Gewaltvorfälle, sondern allein von der Berlin-Pass-Quote – also der Anzahl
       der Schüler*innen, die eine Lernmittelbefreiung haben und alle drei Monate
       ihre Karten dafür beim Jobcenter verlängern und sie dann brav in der Schule
       vorzeigen. Erst bei einer Schülerschaft, die zu über 80 Prozent von
       Zuzahlungen bei Lernmaterialien befreit ist, zahlt der Senat.
       
       ## Doppelbestrafung für Otto-Hahn
       
       Gerade an Schulen wie der Otto-Hahn ist das aber nicht so einfach mit dem
       Berlin-Pass. Einige Eltern seien nicht zu erreichen und erschienen nicht
       mal zum Elternsprechtag, wie Lehrer*innen berichten. Die Quote sei also für
       die Otto-Hahn nicht unbedingt aussagekräftig. Schüler brächten auch nach
       der fünften und sechsten Aufforderung den Berlin-Pass nicht in die Schule
       mit. Kurzum kommt die Otto-Hahn-Schule „nur“ auf eine Quote von etwa 75
       Prozent.
       
       So wird die eigentlich gut gemeinte Zulage zur Doppelbestrafung für die
       Otto-Hahn. Denn das nahe gelegene Ernst-Abbe-Gymnasium mit einer höheren
       Berlin-Pass-Quote, aber deutlich besseren Abschlussstatistiken ([2][96
       Prozent haben 2018 ihr Abitur dort geschafft]) bekommt sie. Das heißt für
       das Kollegium der Otto-Hahn zum einen, dass neue engagierte Lehrer*innen,
       die sich bewusst entscheiden, an einer herausfordernden Schule in Neukölln
       zu arbeiten, sich im Zweifel wohl für 300 Euro mehr und das Gymnasium
       entscheiden als für die Otto-Hahn-Schule.
       
       Im Kollegium der Otto-Hahn rumort es, seitdem die geplante Umsetzung
       bekannt ist. Einen Brief des Kollegiums ließ die Behörde unbeantwortet.
       Daraufhin haben nun große Teile des Kollegiums [3][aus Protest ihre
       Versetzung beantragt] – an ein richtiges „Brennpunktgymnasium“.
       
       Im Gespräch nach einem langen Schultag und einer Jahrgangskonferenz nach
       dem jüngsten Gewaltvorfall bis in die Abendstunden finden drei Lehrer*innen
       um halb sechs Uhr abends trotzdem noch Zeit für ein Treffen. „Die Umsetzung
       der Brennpunktzulage ist wie ein Schlag ins Gesicht für alle, die an
       unserer und anderen Schulen arbeiten, die kurz unter der Grenze liegen“,
       sagt Rebecca Holewa, die Englisch und Französisch unterrichtet. Die
       Festlegung auf die 80 Prozent sei willkürlich.
       
       „Darüber hinaus finde ich es auch schwierig, Leute mit Berlin-Pass weiter
       zu stigmatisieren“, sagt Holewa. „Die Schüler*innen wissen ohnehin um den
       Ruf ihrer Schule, die kommen hier schon mit einem Päckchen an. Ich finde es
       politisch problematisch, arme mit schwierigen Schüler*innen
       gleichzusetzen.“ Eine Sozialstrukturanalyse oder zumindest mehrere
       Variablen für eine Bedarfsprüfung wie Abschlussstatistiken oder
       Gewaltvorfälle wären sinnvoll gewesen, so Holewa.
       
       Trotz aller Schwierigkeiten unterrichten alle drei gerne hier: „Das
       Arbeiten hier kann auch richtig schön sein. Wir kriechen jetzt nicht jeden
       Morgen her, aber wir haben auch einzelne Schüler, die einem das Leben
       schwermachen und besondere Herausforderungen an uns stellen“, sagt Deutsch-
       und Politiklehrer Paul Kirschmann.
       
       Obwohl sich die meisten Kolleg*innen zur Entlastung weniger
       Unterrichtsstunden wünschten, hätten sie dennoch gerne die 300-Euro-Zulage
       bekommen. Man könnte für das gleiche Gehalt zumindest zwei, drei
       Unterrichtstunden reduzieren. „Dass ausgerechnet wir jetzt nicht von der
       Zulage profitieren, fühlt sich an wie eine Bestrafung“, sagt auch Jakob
       Köbner, Mathe- und Physiklehrer.
       
       Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) [4][kritisiert die
       Zulage]. Problematisch sei vor allem die Schaffung neuer Ungerechtigkeiten,
       weil Quereinsteiger, die häufig an diesen Schulen arbeiteten, nicht
       profitierten und auch bei Erzieher*innen die Zulage tariflich problematisch
       sei. Laut GEW ist die Regelung nicht zu Ende gedacht – die Senatsverwaltung
       scheine sich über die praktischen Konsequenzen dieser Zulage völlig unklar
       gewesen zu sein.
       
       ## Harsche Antwort des Senats
       
       Die Antworten der Senatsverwaltung für Bildung auf die Kritik klingen
       harsch. „Egal für welche Grenze man sich entscheidet, es wird vermutlich
       immer jemanden geben, der damit nicht einverstanden ist“, teilte die
       Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), Iris Brennberger,
       mit.
       
       Warum man überhaupt diese Quote zum Maßstab mache und nicht zusätzlich
       genauere Kriterien heranziehe? „Man geht bei einem hohen Anteil von
       Lernmittelbefreiten davon aus, dass diese Schülerinnen und Schüler
       herausfordernder zu unterrichten und zu betreuen sind als andere.“ Ob man
       die Grenze dann bei 75, 80 oder 85 ziehe, sei letztlich eine politische
       Festsetzung.
       
       Geld für eine niedrigere Quote sei zudem ohnehin nicht da: Weil die
       „bereitgestellten Mittel nur für Lehrkräfte an Schulen mit dieser Quote
       auskömmlich sind“, habe man die „Lernmittelbefreiungsquote bei ,mindestens
       80 Prozent'“ angelegt.
       
       20 Feb 2019
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.berlin.de/sen/bildung/schule/berliner-schulen/schulverzeichnis/PruefErgebnisse.aspx
   DIR [2] https://www.berlin.de/sen/bildung/schule/berliner-schulen/schulverzeichnis/DokLoader.aspx?Abiturdaten=08Y04_A_2018.pdf
   DIR [3] /Neukoellner-Otto-Hahn-Schule-wehrt-sich/!5567562
   DIR [4] https://www.gew-berlin.de/20310_22067.php
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Gareth Joswig
       
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