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       # taz.de -- FC Liverpool in der Champions League: Der Unbekannte von der Bank
       
       > Das letzte Duell zwischen Liverpool und Bayern hatte der erste schwarze
       > Stürmer der Reds, Howard Gayle, geprägt. Der Durchbruch kam später.
       
   IMG Bild: Schwer aufzuhalten: Howard Gayle (vorne) bereitete der Abwehr des FC Bayern am 22. 4. 1981 viele Probleme
       
       Als der FC Liverpool am 4. Oktober 1980 bei Manchester City spielte,
       schickte in der 69. Minute Manager Bob Paisley den Stürmer Howard Gayle
       aufs Feld. Es war ein historischer Moment, denn der 22-Jährige war der
       erste schwarze Spieler in der 88-jährigen Geschichte der „Reds“. Andere
       englische Klubs waren schon weiter.
       
       Vielleicht lag es daran, dass die Hafenstadt einst die „Hauptstadt des
       Sklavenhandels“ gewesen war. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts betrug
       Liverpools Anteil am atlantischen Sklavenhandel 40 Prozent. Liverpool
       stellte sich erst spät diesem dunklen Kapitel seiner Geschichte. Am 23.
       August 2007 eröffnete in den Albert Docks das International Slavery Museum.
       
       Howard Gayle wurde in Toxtethm, auch Liverpool 8 genannt, geboren, dem
       „Schwarzengetto“ von Liverpool, dessen „Gründungsväter“ Seeleute aus der
       Karibik gewesen waren. Vom weißen Liverpool wurde Toxteth ignoriert. Vom FC
       Liverpool und seinem Lokalrivalen FC Everton ebenso. Bob Paisley bat Gayle
       wiederholt, Toxteth zu verlassen. Gayle: „Bob hatte in den Zeitungen über
       die sozialen Probleme in Liverpool 8 gelesen. Soweit ich weiß, hat er
       diesen Ort nie selbst besucht. Ich widerstand Bobs Bitten, solange ich
       konnte. Ich wollte nicht, dass die Menschen dort glaubten, ich würde ihnen
       den Rücken kehren. Schließlich hatten sie mich immer unterstützt.“
       
       In der Saison 1980/81 spielte der FC Liverpool im Halbfinale des
       europäischen Landesmeisterwettbewerbs gegen Bayern München. Die erste
       Begegnung an der Anfield Road endete torlos. Vor dem Rückspiel plagten das
       Team von Manager Bob Paisley zahlreiche Ausfälle, weshalb Paisley auch
       Gayle, der bis dahin fast ausschließlich in der Reserve auf Torejagd ging,
       für seinen München-Kader nominierte.
       
       ## Lauffreudig und mutig
       
       Das Hinspiel hatte Gayle noch vom Kop aus verfolgt hatte, der berühmten
       Stehtribüne im Stadion der „Reds“. Das Spiel im Olympiastadion war gerade
       neun Minuten alt, als Kenny Dalglish verletzt vom Platz musste. Für ihn kam
       Gayle. Ein bisschen auch dank des portugiesischen Schiedsrichter Antonió
       Garrido. Kurz vor dem Anpfiff hatte sich Garrido bei den Betreuern der
       „Reds“ nach „diesem Howard Gayle“ erkundigt. Der Mann in Schwarz zweifelte
       an seiner Spielberechtigung. Paisley dachte sich: Wenn der Schiedsrichter
       den Spieler nicht kennt, dann werden ihn die Bayern-Spieler auch nicht
       kennen.
       
       Gayles Einwechselung war letztlich spielentscheidend. Der schnelle,
       lauffreudige und mutige Stürmer bereitete Bayerns Abwehr Probleme.
       Augenthaler, Dremmler, Weiner und Co. wusste sich wiederholt nur mit Fouls
       zu helfen. Als Gayle von Dremmler im Strafraum zu Fall gebracht wurde,
       blieb Garridos Pfeife stumm. Gayle: „Wenn er gepfiffen hätte, hätten die
       Leute erzählt: ‚Howard Gayle holte für uns einen Elfer heraus! Howard half
       uns beim Einzug ins Finale!‘“
       
       Garridos Pfeife ertönte umso lauter, als Gayle in der 70. Minute ein
       harmloses Foul an Dremmler beging. Für Gayle handelte der Schiedsrichter
       auf Zuruf der Bayern-Fans, die ihn permanent rassistisch beleidigt hatten.
       Paisley erzählte später, er habe so etwas noch nie erlebt.
       
       Keine 60 Sekunden später holte Paisley Gayle vom Platz, weil er fürchtete,
       Gayle könne die Nerven verlieren. Seither wird immer wieder die Frage
       gestellt: Hätte Paisley Gayle auch vom Platz genommen, wenn der Spieler ein
       Weißer gewesen wäre? Bayern und Liverpool trennten sich 1:1, womit die
       Engländer im Finale standen. Am 27. Mai 1981 gewannen die „Reds“ zum
       dritten Mal den „Henkelpott“. Gayle drückte beim 1:0-Sieg über Real Madrid
       nur die Bank. Die 61 Minuten von München blieben seine einzigen mit den
       „Reds“ im Europapokal.
       
       ## Rassismus und Polizeibrutalität
       
       Einige Wochen nach dem Finale brachen in Toxteth schwere Unruhen aus. Die
       schwarze Jugend rebellierte gegen Rassismus und Polizeibrutalität.
       
       1982 verließ Howard Gayle den FC Liverpool. Fünf Jahre später verpflichtete
       der Klub den in Jamaika geborenen englischen Nationalspieler John Barnes.
       Bevor Barnes eintraf, wurde das Stadion von dem rassistischen Graffito der
       neofaschistischen National Front gereinigt. Die Fans des Lokalrivalen
       erdachten sich eine rassistische Bezeichnung für den FC Liverpool. Aber mit
       Barnes, der zu einem Idol des „Kops“ avancierte, [1][kam der verspätete
       Durchbruch für schwarze Spieler in Liverpool.]
       
       19 Feb 2019
       
       ## LINKS
       
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