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       # taz.de -- Kolumne Lügenleser: O du himmlische Jahresrücksblickszeit
       
       > Bei Facebook gibt es wieder Jahresrückblick-Videos. Super. Nirgendwo
       > sonst gibt es so viele unqualifizierte Experten und schlechte Witzbolde.
       
   IMG Bild: Endlich wieder Jahresrüblick? Och nö
       
       Es ist die Zeit der Jahresrückblicke. Und falls sie sich schon mal gefragt
       haben, warum diese Kolumne eigentlich „Lügenleser“ heißt, ist hier die
       Antwort: Sie können sich bei Facebook bedanken. Nirgendwo sonst gibt es
       eine solche Masse an unqualifizierten Experten, moralinsauren Wichtigtuern,
       hobbymäßigen Juristen und „Durfte da der Praktikant mal wieder an die
       Tastatur“-Witzbolden wie in diesem Netzwerk, welches eigentlich nur noch
       dazu dient, nachzufragen ob einem jemand einen Bohrer leihen kann.
       
       Ansonsten tummeln sich auf der Plattform nur noch die Eltern von ehemaligen
       Klassenkameraden, Leute die sich ihre tägliche Dosis „4 Syrer attackieren
       100 blonde Polizistinnen in Oberammergau mit Messern“-Artikel abholen
       wollen und Menschen, die Gewinnspiele teilen. Und das ist auch gut so. Denn
       wer wirklich glaubt, dass Apple dreihundert Laptops verschenkt oder man
       eine Island-Reise gewinnen kann, wenn man das Bild eines fragwürdigen
       Accounts teilt, der hat es auch verdient, in den Kommentaren zwischen Marc
       Uwe Kling-Fans und Menschen, die sich drei Zitate aus [1][Sarrazins
       neuestem Schinken] raus gesucht haben, zerrieben zu werden.
       
       Sie alle bevölkern die Kommentarspalten lediglich, um irgendwem zu
       erzählen, dass er oder sie falsch läge. Dabei werfen sie sich wahlweise
       vor, es entweder mit der Rechtschreibung oder mit der Wahrhaftigkeit nicht
       so genau zu nehmen. Und so habe ich sie „Lügenleser“ getauft.
       
       ## Ein tägliches Trauerspiel
       
       2018 bestand meine Recherche für die Kolumne meist darin, mir diese
       Kommentare über Stunden durchzulesen und zu analysieren. Oder nach Dummheit
       zu sortieren. Wenn sie sich fragen, woher meine Wut kommt, wissen sie es
       nun.
       
       „Das ist Diskussionskultur“ höre ich Sie bereits wütend in die Tastatur
       hämmern. Einzig: Nein, ist es nicht. Denn da verbringen Gut- und
       Schlechtmenschen, Liberale und Konservative, Arme und angeblich Reiche ihre
       Zeit damit, sich im Internet die immer gleichen Schablonensätze um die
       Ohren zu hauen. Ziel ist es dabei, einen Kommentar zu verfassen, der
       möglichst weit oben landet.
       
       Es ist ermüdend und frustrierend zugleich, diesem täglichen Trauerspiel
       beizuwohnen. Und es war sogar noch wesentlich frustrierender, Teil davon zu
       sein. Denn wenn man erst mal angefangen hat, ist es schwer wieder
       aufzuhören. Das ist wie mit den Drogen. Nur noch einmal antworten, auf
       diesen vollkommen fremden Dummbatz da im world wide web, dann ist wirklich
       Schluss.
       
       ## Ein Streitverbot fürs Internet
       
       Alles veränderte sich als meine Freundin mir vor über einem Jahr ein
       Streitverbot fürs Internet erteilte. Erst fiel es mir schwer, doch dann
       wurde es mit jedem Tag besser. Und nun, wenige Tage vor dem Jahreswechsel,
       hatte Facebook eine persönliche Botschaft für mich: Man habe nicht genügend
       Content von mir, um mir ein persönliches 2018-Rückblick-Video zu erstellen.
       Ich soll doch bitte mehr posten.
       
       Einen Teufel werd ich tun. Stattdessen wünsche ich mir für all die
       „Lügenleser“, dass man ihre gesammelten Kommentare in ein solches Video
       packt und ihnen am Stück vorführt. Wem dieser Jahresrückblick dann nicht
       peinlich ist, der kann weiter Gewinnspiele teilen.
       
       18 Dec 2018
       
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