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       # taz.de -- Fifa schafft Korruption ab: Die Sprachgenies des Weltfußballs
       
       > Die Fifa hat das Wort „Korruption“ aus ihrem überarbeiteten Ethikkodex
       > gestrichen. Wenn es doch immer so einfach wäre.
       
   IMG Bild: Fifa-Präsident Gianni Infantino hatte eine Idee: Nach zahlreichen Korruptionsskandalen sollte er den Weltfußballverband reformieren
       
       In der Entwicklung eines Kindes passiert, wenn alles einigermaßen gut
       läuft, irgendwann zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahr Folgendes: Es
       begreift, dass etwas da ist, auch wenn es das soeben noch Betrachtete nicht
       mehr sieht. Das können unter einen Becher gerollte Würfel sein, oder im
       Schrank versteckte Karamellbonbons. Bis dahin halten Kinder sich schon mal
       beide Hände vors Gesicht und rufen, man möge sie nun suchen, weil sie
       annehmen, sie seien hervorragend versteckt. Das legt sich irgendwann, die
       Verstecke werden besser. Das Leben wird interessanter und komplexer, aber
       auch komplizierter.
       
       Nicht so beim Weltfußballverband Fifa, der es gerade geschafft hat: das,
       was Dutzende Nichtregierungsorganisationen, Thinktanks, Beiräte und
       Kommissionen schon vor ihm versucht haben: Er hat die Korruption
       abgeschafft. Auf schlichte, geniale Weise: Er hat das Wort „Korruption“
       einfach aus der neusten Auflage seines Ethikkodex … gestrichen!
       
       Auf 58 erstmals seit 2012 wieder überarbeiteten Seiten des „Fifa Ethikkodex
       2018“ findet sich kein einziges Mal mehr das Wort „Korruption“. Und das
       macht, mit Blick auf die Vergangenheit, natürlich total Sinn. Eingeführt
       2004 unter Sepp Blatter, mutierte der Kodex ja unaufhaltsam mehr zu einer
       To-do-Liste (auf der das meiste längst abgehakt war) denn zu einem Maßstab
       für Moralisten.
       
       Auch wegen der zahllosen Korruptionsvorwürfe und Ermittlungsverfahren gegen
       Blatter liegt die Reputation der Fifa nun heute vollends danieder. Sein
       Nachfolger, der zwinkernde, balzende, poussierend dauergrinsende Gianni
       Infantino, hat nun, ohne Korruption, viel bessere Chancen, die blütenweiße
       Weste anzubehalten.
       
       Außerdem ist der Kodex so korruptionslos auch gleich viel einfacher zu
       verstehen, wie die Sprachgenies der Fifa erkannt haben. Und verbreiteten am
       Dienstagabend eine Pressemitteilung, in der sie verklugfiedeln, das Wort
       Korruption sei der Verständlichkeit halber aus den deutsch-, englisch- und
       spanischsprachigen Versionen des Kodex gestrichen worden, aus dem
       französischen unterdessen nicht.
       
       ## Sprachliche Transferleistung
       
       Und ja, wenn man denn mal genau hinsieht: Aus der deutschen Korruption
       macht die englische Sprache ein wenig einleuchtendes „corruption“, die
       spanische ein gar irrlichterndes „corrupción“, die französische hingegen
       ein wieder gut verständliches „corruption“. Diese sprachliche
       Transferleistung konnte man ja wohl niemandem mehr zumuten.
       
       In der Version von 2012 stand überdies noch geschrieben, dass die
       Verfolgung von „Bestechung und Korruption“ keiner Verjährungsfrist
       unterliege. Aber da das Wort Korruption ja jetzt gestrichen ist, hat man
       frischweg den ganzen Teil einigermaßen sinngemäß angepasst. Nun können
       „Bestechung, die Veruntreuung von Geldern und die Manipulation von Spielen
       oder Meisterschaften“ nur sanktioniert werden, wenn sie nicht mehr als zehn
       Jahre zurückliegen.
       
       Bestraft wird neuerdings auch, wer sich öffentlich „in diffamierender
       Weise gegenüber der Fifa und/oder jeder anderen Person, die an diesen Kodex
       gebunden ist, im Kontext von Fifa-Veranstaltungen äußert“. Schließlich sei
       „die Welt des Fußballs nicht immun gegen Verhaltensweisen, die darauf
       abzielen, den Ruf anderer zu beschädigen“.
       
       „Die Welt des Fußballs“, die selbstlose Fifa schützt sie und nicht sich
       selbst. Und wenn das mit der gestrichenen Korruption so läuft wie erhofft,
       wird die Fifa wohl bald auch zu noch drastischeren Streichaktionen
       übergehen – und eben auch rufschädigendes Verhalten einfach löschen, aus
       ihrem Dokument und von dieser Welt.
       
       Ein großes Vorbild hat der Verband allemal: In der DDR florierte 40 Jahre
       verordneter Antifaschismus, von Nazis keine Spur, von rechtem Gedankengut
       auch nicht, und das alles qua Gesetz. Das hat, blicken wir nach Sachsen,
       Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, ja auch ganz wunderbar
       funktioniert.
       
       16 Aug 2018
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Hanna Voß
       
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