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       # taz.de -- Prekäre Tätigkeit der Clickworker: Gesichtslos, emotionslos, nie krank
       
       > Clickworker arbeiten meist einsam, anonym und prekär. Vom Versuch, sich
       > in diese angebliche Zukunft der Arbeit einzufügen.
       
   IMG Bild: Ratatatata: immer schön weiter tippen, Texte, Daten produzieren, am Besten SEO-optimiert
       
       Wenn beim Arztformular die Berufsbeschreibung fällig ist, schreibe ich –
       an guten Tagen – Autorin, und denke heimlich: Schriftstellerin. Vier Bücher
       in renommierten Verlagen, durchaus von der Leserschaft wie der
       Literaturkritik geschätzt, Beiträge in Anthologien und Sachbüchern,
       Filmkritiken, Interviews, Porträts, Reportagen. Und jetzt der
       Rechtschreibtest für clickworker.de: „Ich fühlte mein Herz höherschlagen.“
       Zusammengeschrieben? Ja.
       
       Es könnte aber auch einfach höher und höher schlagen, in der Frequenz von
       richtig schnellen beats per minute, bamm, bamm, bamm, hoch der Kreislauf,
       vor lauter Wut, schon die Anmeldung bei clickworker.de dauert und dauert:
       Durch internationale Zeitzonen scrollen, durch die grenzenlose Freiheit des
       globalen Arbeitsmarkts, „your virtual workforce“, wirbt clickworker.de. On
       demand. Worldwide anstelle von „unsere Autorin auf der Buchmesse“, anstelle
       von Schreibarbeit, Lektorat, Verlagsvorschau, Interviews, Lesereise. Die
       Liebe zum geschriebenen Wort – bildungsbürgerlicher Luxus, kann ich mir
       nicht mehr leisten. Denk an deine Jungs. Die wollen auch mal nach Mallorca.
       Und ins Hotel. So wie die anderen.
       
       Also werde ich eine von Tausenden [1][Clickworkern]. Das sind Menschen, die
       für Unternehmen kleine Aufgaben und Projekte übernehmen, ohne fest
       angestellt zu sein. Wir arbeiten von zu Hause, vor dem eigenen Computer
       oder Handybildschirm. Wir sind nicht Angestellte einer Firma, sondern
       Selbstständige. Ohne soziale Sicherung, ohne Urlaubsanspruch, ohne
       Krankengeld. Ohne Gewerkschaft oder feste Kollegen.
       
       Bezahlt werden wir mit einem Festpreis für jedes Einzelne dieser
       Miniprojekte, zum Beispiel eine nette Hotelbeschreibung: „Das Hotel ist 300
       m von dem langen und wunderschönen Strand von Alcudia entfernt, an der
       Nordostküste von Mallorca. Das Hotel bietet: Loungebar mit Terrasse,
       Snackbar, Poolbar, großes Schwimmbad mit separatem Kinderschwimmbecken …“
       Für den kleinen Text von etwa 400 Wörtern würde ich 2,84 Euro bekommen. Die
       eine Woche Herbstferien auf Mallorca kostet für mich und meine Kinder 2.053
       Euro.
       
       ## Erst mal Daten, Daten, Daten
       
       Organisiert wird meine Arbeit über eine sogenannte Crowdsourcing-Plattform.
       Clickworker.de heißt die in meinem Fall, und die bringt Unternehmen und uns
       Clickworker zusammen.
       
       Aber erst mal will clickworker.de meine Daten, Daten und noch mal Daten.
       Und zwar persönliche. Ob ich Haustiere habe. Verheiratet, geschieden,
       liiert, mit, ohne Kinder lebe, Alkohol trinke, diesen zu Hause oder eher in
       Kneipen konsumiere, wie oft, welche Beschwerden habe ich? Krankheiten,
       richtig schlimme? Derweil kräuseln sich einsame Gedankenwirbel: Du und dein
       Humankapital. Was bist du denn überhaupt noch wert in der anonymen Weite
       des digitalisierten Datenorkus, der SEO-optimierten Textschwälle? Nix mehr
       mit gewachsenen Geschäftsbeziehungen, von wegen persönlicher Eindruck,
       Vertrauen und Wertschätzung. Denk an die Zukunft.
       
       Das hier, das ist die Zukunft. Die deregulierte Arbeitswelt, Millionen von
       Menschen, weltweit, die aus den gewohnten Beschäftigungsverhältnissen
       fallen: Bademeister, fürs deutsche Schwimmbad aus Osteuropa rekrutiert,
       Schlachtarbeiter aus Rumänien, die im Wald schlafen, es ist ja Sommer, die
       14, 16 Stunden am Tag arbeiten für „eines der modernsten Unternehmen für
       Qualitätsfleisch innerhalb Europas“. Oder die Erntehelfer in Spanien,
       Italien, die Vorsteher abends noch befriedigen müssen, oder sie können
       sehen, wo sie bleiben. Für diese Menschen interessiert sich einfach
       niemand, keine Gewerkschaft. Da kann das mit der Textarbeit ja nicht so
       schlimm werden.
       
       Selbst vorm Einschlafen linse ich noch mal aufs Smartphone: Es könnte ja
       einen lukrativen Auftrag geben, schnell erledigt, dass mir den keiner
       meiner unsichtbaren Mitbewerber noch heute Nacht vor der Nase wegschnappt?!
       Neuformulierungen, Umformulierungen, in den Sprachen DE, ES, EN, NL, NO,
       SE, DK! Compelling Content! Die richtige Kundenansprache finden, die
       Aufmerksamkeit garantiert! Klicks, Klicks, und noch mal: Klicks generieren!
       Egal, von woher, wie’s dir geht, wie du entlohnt wirst, ohne jede
       Unterstützung. Dafür: freie Zeiteinteilung, gerade mit Kindern!
       
       ## So kommen meine Kinder nie nach Mallorca
       
       Tristesse vor dem heimischen Laptopbildschirm, dunkles Spiegelbild des
       Ichs, mit glühenden Pupillen: Ob Supermarktbon-Sortieren oder für
       Suchmaschinen optimierte Texte schreiben, für Clickworker.de, workgenius.de
       und Co. sind wir alle gleich, gesichtslose, emotionslose, nie kranke oder
       müde Datenlieferanten. Grenzenloser Marktplatz Internet, grenzenlose
       Konkurrenz. So kommen meine Kinder nie nach Mallorca.
       
       Freiheit, Gleichheit und Solidarität? Pustekuchen im
       Höher-Schneller-Weiter-Rennen, mehr, mehr, mehr: Für wen? Die Clickworker
       werden freundlich per E-Mail aufgefordert: „Besitzen Sie ein iPhone oder
       iPad mit mindestens iOS 8.0 und haben noch nicht an unserem Projekt ‚Nehmen
       Sie 250 kurze gesprochene Phrasen auf‘ teilgenommen?
       
       Dann freuen wir uns auf Ihre Mitarbeit! Lassen Sie sich das Honorar in Höhe
       von 15 Euro nicht entgehen!“ Die Eigenwerbung von clickworker.de bezeugt:
       „Tausende von Clickworkern formulieren zu vorgegebenen
       IT-Anwender-Problemfällen mögliche Anfragen an einen IT-Support. Damit
       entsteht eine Vielzahl von Anfrageformulierungen, die demonstrieren, wie
       reale Anwender über einen IT-Support-Chat kommunizieren könnten.“
       
       ## Eine Art Tinder für Unternehmen
       
       Wir Clickworker helfen zum Beispiel VentureRadar, einem Kunden von
       clickworker.de, indem wir anhand von Firmen-URLs offizielle Namen, Sitze
       und Kurzbeschreibungen der Unternehmen recherchieren. Also los: Sogenannte
       Telefonrecherche, anrufen, einen Eintrag ins wie auch immer geartetes
       Telefonbuch vereinbaren und bestenfalls noch vertraglich absichern lassen.
       VentureRadar Ltd mit Sitz in London agiert als eine Art Tinder für
       Unternehmen, Selbstbezeichnung „dating for businesses in the form of a huge
       database“.
       
       Clickworker-Kunden sind unter anderem die Deutsche Telekom, Groupon und
       Honda. Finanziert wird Clickworker zudem international: Hinter Wecken & CIE
       stecken die Großaktionäre der Demire Deutsche Mittelstand Real Estate, die
       beschreiben, wie’s aufwärts geht: „Im Zuge des starken Wachstums hat sich
       der Immobilienbestand der Demire seit 2014 nahezu verdreifacht“, auf über
       eine Milliarde Euro, so Demire.
       
       Weitere Investoren von clickworker.de sind venturecapital.de und andere
       international geprägte Zusammenschlüsse, die sogenanntes Seed Capital –
       Wachstumsspritzen für sich als innovativ begreifende Start-ups –
       finanzieren: die KfW Bankengruppe sowie 17 Wirtschaftsunternehmen, darunter
       BASF, Daimler, Deutsche Telekom, RWE Innogy, SAP, Tengelmann und Carl
       Zeiss.
       
       ## Eine niedliche Website
       
       Anstatt wie in der Phase des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert dem noch
       neuen, radikal alles und jeden umwälzenden Kapitalismus eine Haltung
       entgegenzusetzen, die etwa zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei
       führte, hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales eine niedliche
       Website namens www.arbeitenviernull.de aufgesetzt.
       
       Jahre ist das her, 2015 hatte Andrea Nahles zum Dialogprozess eingeladen,
       seit 2016 steht das Weißbuch „Arbeiten 4.0“ zum Download bereit, dort weiß
       man, „individuelle Arbeitszeitbedarfe können zum Beispiel in Phasen, in
       denen Erziehungs-, Pflegeaufgaben oder private Projekte viel Zeit in
       Anspruch nehmen“. Wie die Politik sich konkret für die internationalen
       HeimarbeiterInnen einsetzen will, steht an keiner Stelle.
       
       Will ich mich mal beschweren, darf ich mich an eine ehrenamtliche
       Ombudsstelle wenden, paritätisch besetzt vom deutschen Crowdsourcing
       Verband, Vertretern der IG Metall und Crowdworkern. Clickworker.de bietet
       auf der Site gleich ein Formular, denn, lässt Thomas Andersen, Vorstand im
       Deutschen Crowdsourcing Verband, über die Clickworker-Website wissen:
       „Sollte es mal zu Konflikten kommen, ist es besser, sie von Profis lösen zu
       lassen, nicht durch Gesetze. Daher haben Lösungen auf und mit der Plattform
       immer Vorrang.“ Heißt also: Ab in die Tonne mit Gesetzen und Arbeitsschutz.
       
       ## Wo sich die digitalen Hyänen fetzen
       
       2005 gründete Amazon den „Mechanical Turk“, eine Crowdsourcingplattform,
       auf der sich Firmen tummeln, die sogenannte HITs (Human Intelligence Tasks)
       in Auftrag geben. Websites Korrektur lesen zum Beispiel, oder Tonaufnahmen
       transkribieren. Seitdem galoppiert im turbokapitalistischen Tempo das große
       Outsourcen via Crowdsourcen. „Co-creation challenge“ nennt sich das dann:
       Ein Preisgeld wird ausgelobt, und Designer, Ingenieure, Kreative aus der
       ganzen Welt steigen in die digitale Arena.
       
       Ob architektonische Entwürfe oder Filmschnitt, alles, was kreativ und
       digital ist: Raus damit, in die Crowd, wo sich die digitalen Hyänen fetzen
       und die internationalen Konsortien mit den Heimwerkermühen die Taschen
       füllen.
       
       Den ewigen Revoluzzergeist kann und will ich mir in diesen Zeiten nicht
       mehr leisten, etwa, engagierte Texte für die taz zu schreiben – aber
       Online-Datenhändlern zuarbeiten und letztlich aus nichts mehr zu bestehen
       als der Summe meiner Daten? „Mama, deine Tastatur rattert so laut, wenn du
       so schnell schreibst! Schreibst du wieder ein Buch?“ Lass rattern. Aber
       nicht klicken.
       
       25 Jul 2018
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Debatte-Arbeiten-im-Internet/!5213240
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Silke Kettelhake
       
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