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       # taz.de -- Löw bleibt Bundestrainer: All you need is Löw
       
       > Er hat gezeigt, dass radikale Reformen das einzige Mittel sind, um den
       > Problemen der Realität beizukommen. Nur hat Jogi Löw sie 2016
       > unterbrochen.
       
   IMG Bild: Ein Bild aus besseren Tagen: Löw überreichte 2010 Kanzlerin Merkel ein Nationaltrikot
       
       Was war das für ein Moment, als Antoine Griezman in ein Interview seines
       Kollegen Kylian Mbappé stürmte und „Vive la France“ rief! FAZ-Herausgeber
       Jürgen Kaube war hin und weg von diesen Franzosen, der Leichtigkeit und
       Freiheit ihres Spiels und ihres Patriotismus.
       
       Bei uns, das ist der Tenor, ginge das ja alles gar nicht. Außerdem haben
       wir nur Özil. Allerdings sollte man nicht unterschlagen, dass Griezman auch
       „Vive la République“ brüllte, also ein Verfassungspatriot wäre, wenn man
       solche Ekstase-Geräusche von glücklichen Siegern wirklich ernst nehmen
       wollte.
       
       Grundsätzlich haben wir aber schlechte Laune. Alles schlimm. Und jetzt auch
       noch die Nationalmannschaft. Diverse Leute und Medien huldigen gerade
       wieder dem Irrglauben, es gebe einen kausalen Zusammenhang zwischen der
       Lage eines Staates und dem Erfolg oder Misserfolg seines
       Verbandsfußballteams bei einem Sommerfußballturnier namens WM. Hier die
       Bundeskanzlerin, dort der Bundestrainer, bei beiden läuft’s nicht mehr, da
       haben wir’s doch.
       
       Das ist Quatsch. Es gibt Gleichzeitigkeiten, und Frankreich ist die
       europäische Gesellschaft des Aufbruchs – Deutschland nicht. Aber selbst
       Daniel Cohn-Bendit würde sich hüten, zu behaupten, Macrons politisches
       Projekt und Deschamps’Fußballprojekt stünden in einem inhaltlichen
       Zusammenhang. Obwohl: Sicher bin ich nicht.
       
       Die Analogie zwischen Merkel und Löw soll jedenfalls darin bestehen, dass
       beide „selbstherrlich“ geworden seien, sich für unersetzbar“ hielten und
       ihren alten Stiefel für das Nonplusultra. Stimmt halt auch nicht. Löw, 58,
       ist ein radikaler Realist im Sinne des Grünen-Bundesvorsitzenden Robert
       Habeck. Er hat die Mythen abgeschafft, die Wirklichkeit des
       internationalisierten Fußballs durchdrungen, um in dieser Wirklichkeit
       erfolgreich zu sein, und das ist ihm bei sechs von sieben Turnieren
       gelungen.
       
       Einige Jahre hat er auch noch Fußball spielen lassen, der schön war und
       sich emotional großartig anfühlte. Sehr viel mehr geht echt nicht.
       
       ## Leben und leben lassen
       
       Die Kanzlerin Merkel dagegen hat die Deutschen in deren Auftrag möglichst
       umfassend von der Wirklichkeit abgeschirmt und verschwiegen, dass es nicht
       die tollen deutschen Tugenden oder gar humanistischen Werte sind, die für
       Wohlstand und Tralala sorgten, sondern die infrastrukturellen,
       geografischen und globalpolitischen Konstellationen. Die Autokonzerne, als
       sichtbarste Branche, und die Politik haben zusammen dafür gesorgt, dass das
       Heute verlängert wurde auf Kosten des Morgen, aber das kann man Jogi Löw
       nicht anlasten, weil die deutschen Fußballschulen die nähere Zukunft
       bereits produziert haben.
       
       Es hat schon auch etwas Bizarres, Löw vorzuwerfen, die hochqualifizierten
       älteren Mitarbeiter nicht längst rausgeschmissen zu haben. Oder seine
       Rechte als Arbeitnehmer in Anspruch zu nehmen, wenn man es schon nicht als
       Tugend sehen will, dass er zu seinem laufenden Vertrag steht. Und: Satt,
       selbstzufrieden, routiniert, unkreativ, nur den alten Stiefel
       herunterreißend, aber mit Sonnenbrille schön aussehen wollen?
       
       Nehmen wir nur mal testhalber an, was Löw vorgeworfen wird, sei in Wahrheit
       das Spiegelbild der Leute, die ihm das vorwerfen. Und die nun auch
       reflexhaft verlangen, der Bundestrainer müsse sich „neu erfinden“, wenn er
       schon nicht den Anstand habe, abzuhauen. Erfindet euch doch selbst neu,
       kann man da nur sagen. Da habt ihr gut zu tun.
       
       Es gibt in der Sportgeschichte andere ganz Große, die tatsächlich ihren
       Stil radikal geändert haben, um in einer neuen Phase weiter erfolgreich zu
       sein. Muhammad Ali in Zaire etwa. Man kann aber auch mit guten Argumenten
       eine Amtszeitbegrenzung für solche Topjobs befürworten, schon weil die
       große Innovationsphase eines Fußballtrainers auf etwa acht Jahre begrenzt
       ist. Jürgen Klopp ist auch schon drüber. Dennoch kann man weiter
       erfolgreich sein.
       
       [1][Wenn Joachim Löw ein Symbol für etwas ist], dann ist er das Symbol
       eines liberalen, emanzipierten, weichen Deutschlands – eher unpolitisch,
       aber auf eine angenehme Art. Leben und leben lassen.
       
       ## Kein Totalsanierungsbedarf
       
       Er ist aber auch der Beweis, dass radikale Reformen das einzige Mittel
       sind, um den Problemen der Realität beizukommen. Dieses Projekt hat der
       Bundestrainer 2016 unterbrochen. Vermutlich, weil er damals dachte, die
       Entwicklung sei bis auf Weiteres tragfähig. Und dieses Projekt könnte er
       nun wieder aufnehmen auf der Grundlage von Voraussetzungen, die in
       Deutschland immer noch deutlich besser sind als in anderen Ländern.
       
       Wir sprechen hier nicht im Entferntesten von einem Totalsanierungsbedarf
       wie 2004, als Klinsmann und Löw kamen. Es ist schon viel gewonnen, wenn der
       Trainer den zentralen Irrtum der WM behebt, einen starken Sechser einbaut
       und damit den Raum zwischen den Weltklassespielern Mats Hummels und Toni
       Kroos strukturell dicht bekommt.
       
       Dringlicher aber ist die zeitgleiche Neuerfindung der demokratischen
       Parteien, der sozialökologischen Wende und der Verteidigung der offenen
       europäischen Gesellschaft.
       
       Das kann aber nicht Jogi Löw, das müssen wir schon selbst angehen.
       
       5 Jul 2018
       
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