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       # taz.de -- Debatte Familientrennungen in den USA: Der Zivilisationsbruch der Anderen
       
       > Weinende Kinder in Internierungslagern: Die Empörung über Trumps
       > Migrationspolitik ist groß. Dabei ist Europa dem näher, als wir glauben
       > möchten.
       
   IMG Bild: Fast 2.500 Kinder wurden von ihren Familien getrennt, weil diese versucht hatten, in die USA einzureisen
       
       Kinderhände, die an Maschendrahtzaun rütteln. Kinderstimmen, [1][die
       weinend darum betteln], ihre Eltern wiedersehen zu dürfen. Die Aufnahmen
       aus den US-amerikanischen Internierungslagern haben in dieser Woche viele
       Menschen erschüttert. Fast 2.500 Kinder wurden von ihren Familien getrennt,
       weil diese versucht hatten, von Mexiko in die Vereinigten Staaten
       einzureisen.
       
       Die Migrationspolitik des US-Präsidenten Donald Trump ist nicht nur dort
       ein Problem, [2][wo sie zu weinenden Kindern führt]. Trotzdem ist es
       verständlich, dass gerade diese Maßnahme [3][besonders große Empörung
       hervorruft]. Der Mensch verteilt seine Empathie nie nur nach rationalen
       Gesichtspunkten, und zum Überleben auf dieser Welt gehört es auch, Leid zu
       einem gewissen Teil auszublenden. Bricht sich die Empörung dann doch einmal
       Bahn, dann ist daran nichts Falsches, im Gegenteil.
       
       Trotzdem: Wer den Zivilisationsbruch nur anderswo verortet, ist im Unrecht.
       Dafür muss man nicht einmal [4][auf die europäischen Außengrenzen
       verweisen], an denen nach wie vor um ein Vielfaches mehr Menschen sterben
       als an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Mehr als 3.000
       Mittelmeertote waren es im letzten Jahr. Und viele von denen, deren Leichen
       auf dem Grund des Meeres liegen, sind Kinder.
       
       Um zu verstehen, dass wir viel näher am Trump’schen Zivilisationsbruch
       sind, als wir glauben wollen, reicht aber auch ein Blick auf die deutsche
       Asylpolitik. Denn was ist die Grundlage der Familientrennungen in den USA?
       Bislang wurden Flüchtlinge ohne Aufenthaltserlaubnis zwar aufgehalten und
       registriert, durften jedoch für die Dauer des Asylverfahrens im Land
       bleiben. Das ist nun anders: Wer aufgegriffen wird, [5][wird inhaftiert],
       die Kinder von den Eltern getrennt.
       
       ## Der Straftatbestand der unerlaubten Einreise
       
       Nicht nur Horst Seehofer, auch Angela Merkel möchte, dass Flüchtlinge in
       Deutschland künftig vermehrt in sogenannten Ankerzentren untergebracht
       werden. Dort leben Menschen hinter Stacheldraht, bis mitten in der Nacht
       die Polizei vor der Tür steht und sie mitnimmt. Die Kinder, die dort
       kaserniert sind, dürfen nicht in normale Schulen gehen, haben keine
       Möglichkeit der Privatsphäre, medizinische und psychologische Versorgung
       ist auf ein Minimum beschränkt.
       
       Nein, das ist nicht das Gleiche, wie Kinder von den Eltern zu trennen und
       in Käfige zu sperren. Aber so furchtbar weit weg ist es auch nicht. Und
       dass Familien bei der Abschiebung auseinandergerissen werden, das gibt es
       längst auch in Deutschland.
       
       Und noch eine Parallele: An der US-mexikanischen Grenze wurden in den
       letzten Wochen immer mehr Menschen, die einen Asylantrag stellen wollten,
       einfach weggeschickt. Versuchen sie, an anderer Stelle die Grenze zu
       überqueren, droht ihnen die Festnahme. Auch in Deutschland gibt es den
       Straftatbestand der unerlaubten Einreise, und die maximale Freiheitsstrafe
       dafür ist mit einem Jahr doppelt so lang wie in den USA. Wer an der Grenze
       angibt, einen Asylantrag stellen zu wollen, darf jedoch genau zu diesem
       Zweck einreisen.
       
       Das ist der letzte Rest, der vom Asylrecht geblieben ist: Schutzsuchende,
       die es bis an die Grenze geschafft haben, dürfen zumindest einen Antrag
       stellen, der dann geprüft wird. Genau diesen Rest greift die CSU jetzt an,
       wenn sie fordert, [6][Flüchtlinge künftig pauschal an der Grenze
       abzuweisen].
       
       Auch viele Linke glauben, ausgerechnet jetzt sei die richtige Zeit, um sich
       angesichts der so korrekten wie trivialen Feststellung „Wir können doch
       nicht alle aufnehmen“ in die komplette Selbstlähmung zu grübeln. Verglichen
       mit dem Widerstand, der Trump zurzeit in den USA entgegenbläst, ist der
       Protest gegen die deutsche Asylpolitik jenseits der unmittelbar Betroffenen
       auch deswegen ein laues Lüftchen. Es ist höchste Zeit, dass sich das
       ändert. Aus der Ferne und im Nachhinein ist der Zivilisationsbruch sehr
       viel einfacher zu erkennen, als wenn man selbst mittendrin steckt.
       
       23 Jun 2018
       
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