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       # taz.de -- Schriftstellerin über Protest gegen die AfD: „Zeigen, was wir haben“
       
       > Am Sonntag demonstriert die AfD in Berlin. Kathrin Röggla, die
       > Vizepräsidentin der Akademie der Künste, erklärt, wie die Kulturszene
       > dagegen protestiert.
       
   IMG Bild: Weniger Musik, trotzdem bunt: Protest gegen den AfD-Bundesparteitag in Hannover, Dezember 2017
       
       taz am wochenende: Frau Röggla, Sie halten am Sonntag eine Rede auf der
       Glänzenden Demo, auf der sich die Berliner Kunst- und Theaterszene
       organisiert. Worum wird es darin gehen? 
       
       Kathrin Röggla: Wir möchten als Akademie der Künste grundsätzlich Position
       beziehen gegen die menschenverachtenden Inhalte und die hetzerische
       Rhetorik der AfD. Das sogenannte Kulturprogramm der AfD ist ein Angriff auf
       die Kunst. Wir verwahren uns gegen die identitäre Funktionalisierung von
       Kunst.
       
       Warum gerade jetzt? 
       
       Die Akademie war auch im letzten Jahr schon bei der ersten Glänzenden Demo
       gegen die Identitäre Bewegung dabei und arbeitet in Programmen auch selbst
       mit Geflüchteten. Außerdem sitzt die AfD jetzt im Bundestag. Sie ist dabei,
       den Diskurs zu verschieben, was wir als Gesellschaft verhindern müssen. Die
       Debatten im Plenum muss man sich nur mal ansehen, die heftigen Reaktionen
       der anderen Abgeordneten. Ich kann diese Emotionalität gut verstehen, aber
       sie bringt nur weitere Erregung. Die AfD inszeniert ein Spektakel der
       Sichtbarkeit. Ich bin Österreicherin, ich kenne das seit den neunziger
       Jahren.
       
       Erst Jörg Haider, dann die FPÖ in der Regierung. 
       
       Das ist ein Prozess, der seine Zeit gebraucht hat. Auch in Österreich waren
       viele Intellektuelle auf der Straße, von Doron Rabinovici über Robert
       Menasse, Marlene Streeruwitz und Elfriede Jelinek. Da hat sich eine starke
       Allianz gebildet. Auch wenn sie die FPÖ letztlich nicht verhindern konnte,
       hat sie ein anderes Bild von Österreich entworfen.
       
       Befürchten Sie, die AfD könnte ähnlich viel Macht bekommen? 
       
       Ich will die AfD nicht größer machen, als sie ist. Zudem funktioniert die
       deutsche Gesellschaft etwas anders als die österreichische. Sie ist größer,
       städtischer, es gibt stärkere Institutionen wie die Bundeszentrale für
       politische Bildung, die Medienlandschaft ist diverser. Aber der erste
       Schritt in Richtung Normalisierung ist getan.
       
       Wie hat die AfD es geschafft, den Diskurs so zu verschieben? 
       
       Zum Beispiel mit einer Mischung aus Provokation und dem permanenten
       Einstreuen sogenannter Fakten. [1][Das hat man auch bei Uwe Tellkamp
       gesehen.] Da werden Erklärungsmuster angeboten mit Zahlen, die fingiert
       sind, mit Informationen, die entkontextualisiert wurden. Anderswo wurden
       Argumente instrumentalisiert: Plötzlich ist man der beste Freund Israels
       oder auch Feminist, nur um gegen den Islam vorzugehen. Das sind rhetorische
       Operationen, die nach und nach die Grenzen verschieben.
       
       Der Aufstieg der AfD lässt sich nicht nur mit Rhetorik erklären. 
       
       Nein. Das passiert in einem Land, das von Abstiegsängsten bestimmt ist.
       Wenn Armut und soziale Ungleichheit wachsen und dann auch noch vermieden
       wird, über die soziale Frage zu sprechen, dann bietet sich Regression an.
       Es gibt viele Bereiche, die momentan angstbesetzt sind. Die AfD greift
       diese auf. Auch am Sonntag geht sie angeblich für die „Zukunft
       Deutschlands“ auf die Straße. Mit diesen Ängsten müssen wir als
       Gesellschaft einen besseren Umgang finden.
       
       Haben Sie Verständnis für die AfD-WählerInnenschaft? 
       
       Es ist kein Verständnis, sondern eine Frage nach dem Warum. Ich muss doch
       verstehen, welchen Hintergrund das alles hat. Das heißt aber nicht, dass
       ich sage: „Ihr armen Schäflein!“
       
       Die AfD hat doch gerade auf soziale Fragen nichts anzubieten. 
       
       Ihre Lösung ist die der Spaltung, Ausgrenzung und Stigmatisierung. Das ist
       die gewaltige Inszenierung eines vermeintlich geschlossenen Kollektivs.
       
       Kann die Kunst dabei helfen, diese Inszenierung zu durchschauen, muss sie
       sich einmischen? 
       
       Kunst muss erst mal gar nichts – und sie muss andererseits doch etwas, wenn
       sie nicht möchte, dass ihre eigenen Wurzeln gekappt werden. Sie ist frei –
       aber wenn sie existieren möchte, wenn sie ihren eigenen Raum behalten
       möchte, muss sie sich an dieser Stelle wehren. Wir sind uns als Akademie
       der Künste einig, dass Kunst, so wie sich die AfD das vorstellt, nicht
       funktioniert.
       
       Wie stellt sich die AfD denn Kunst vor? 
       
       Sie will deutsche Identität an erste Stelle setzen. Aber Identitätspolitik
       ist in der Kunst fehl am Platz. Kunst ist per se dialogisch, sie macht
       nicht an Landesgrenzen halt. Im sogenannten Kulturprogramm der AfD geht es
       überhaupt nicht um Kunst.
       
       Worum dann? 
       
       Um den Kanon. Aber das ist etwas äußerst Unlebendiges. Da geht es um
       Besitzstandswahrung und nicht um Erfahrung. In Bezug auf die Literatur kann
       man sagen: Wenn ich etwas lese, möchte ich etwas erleben, etwas erfahren.
       Es geht um Aushandeln, Erforschen und Dynamisieren, das ist doch die Kraft
       der Künste. Bei der AfD wird Kunst einzig als Teil des Kulturkampfs
       instrumentalisiert.
       
       Inwiefern? 
       
       Der AfD geht es um Gegnerschaft, um Polarisierung. Ihr Ansatz ist insofern
       destruktiv. Wir müssen verhindern, dass sich das durchsetzen kann. Ich
       musste schon lachen, als ich [2][Jan Böhmermanns Satire über Hass im Netz]
       gesehen habe, in der er sich über extrem rechte Trollnetzwerke lustig
       gemacht hat. Mit Humor und Satire mag der Widerstand beginnen. Ansonsten
       braucht es Aufklärung.
       
       Hat es Sie überrascht, dass sich einige SchriftstellerkollegInnen
       mindestens flüchtlingskritisch geäußert haben? 
       
       Nein. Manche Positionen sind ja nicht ganz neu.
       
       Bräuchte es dem gegenüber eine stärkere Allianz? 
       
       Das Bündnis, das sich jetzt formiert hat, ist groß – und heterogen. Es mag
       in Berlin noch relativ neu sein, dass wir als Künste so breit vereint gegen
       die AfD auf die Straße gehen. Aber der Umgang mit rechten und
       rechtspopulistischen Positionen beschäftigt ja viele schon lange, auch uns.
       
       Wofür steht Ihr Bündnis „Die Vielen“? 
       
       Wir wollen als große künstlerische Allianz für eine heterogene, offene
       Gesellschaft eintreten, wir wollen den Dialog und einen respektvollen
       Umgang miteinander.
       
       Sie werden golden glänzende Rettungsfolien dabeihaben, mit denen auch
       Geflüchtete auf Schiffen erstversorgt werden. Ist das ein Symbol für das
       Recht auf Asyl?
       
       Das schwingt natürlich mit. Aber der Akzent liegt auf dem Gold, dem Glanz.
       
       Steht Ihr Bündnis für konkrete politische Positionen? 
       
       Ich finde es politisch konkret genug, dass wir uns als Künste
       zusammenschließen und für das Viele, das Heterogene, das Miteinander
       auftreten.
       
       Wollen Sie auch Grenzen aufzeigen? 
       
       Für Kunstschaffende wie mich stellt sich das Problem, klare Grenzen zu
       ziehen, ohne selbst auf Linie sein zu müssen. Unser Geschäft ist es nicht,
       Fronten zu verhärten. Ich selbst schrecke vor dem Ausmaß an Moralisierung
       und Ideologisierung zurück, das wir derzeit erleben. Das ist kein
       alleiniges AfD-Phänomen, das macht etwa auch die CSU. Aber natürlich muss
       klar sein, dass bestimmte Dinge nicht sagbar sind. Und dass man einen
       Dialog nur mit denen führen kann, die auch einen Dialog führen wollen.
       
       Bekäme die AfD ein Podium in der Akademie der Künste? Nein. Da ist die
       Grenze klar.
       
       Was wünschen Sie sich für Sonntag? 
       
       Dass viele kommen, dass es bunt wird, dass wir Spaß miteinander haben! Ich
       wünsche mir künstlerische Aktionen, Lesungen und Performances. Wir wollen
       zeigen, was wir haben. [3][Die AfD muss, wie ich gelesen habe, ihren
       DemonstrantInnen schon Geld zahlen], damit sie kommen. Das wird nicht der
       große Auftritt, den sie sich erhofft haben.
       
       26 May 2018
       
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