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       # taz.de -- Die Wahrheit: Vom Verlassen des eigenen Leibes
       
       > Hinter den finsteren Bildern in der Wohnung eines irren alten
       > Radiobastlers wohnen geheimnisvolle Wissenschaftler mit einzigartigen
       > Fähigkeiten.
       
       Ich musste dringend etwas mit einem irren alten Radiobastler besprechen. In
       seiner Wohnung waren etwa ein Dutzend Menschen versammelt, nur ihn selbst
       traf ich nicht an. Er sei irgendwo im hinteren Teil der Wohnung, um
       Potenziometer auszutauschen, hieß es. Einstweilen bat man mich zu Tisch.
       Ich redete pflichtschuldigst dummes Zeug.
       
       Alle Anwesenden waren mir fremd, und sie schienen noch dümmer daherzureden
       als ich. Jemand sagte immerzu „Spule“ statt „Gerät“ und gab vor zu wissen,
       wie es früher beim Rundfunk gewesen sei: „Man musste alles auf Band
       schneiden und auseinanderkleben.“
       
       Daher stand ich auf, um den hinteren Wohnungsteil zu erkunden. Die Räume
       waren dämmrig, und an den Wänden hingen große, finstere Bilder. Ich
       vermochte nicht zu erkennen, was sie darstellten, fand sie aber unheimlich
       und bedrückend. Die hingegen recht kleinen Fenster waren von auffallend
       altertümlicher Bauart. Als ich eines öffnete und den Kopf hinausstreckte,
       blickte ich mitnichten ins Freie, sondern in eine große, dunkle
       Fabrikationshalle. In der Tiefe, gut zwei Stockwerke unter meinem Standort,
       dehnte sich eine Wasserfläche aus. Die Halle war mannshoch mit trübem
       Wasser gefüllt. Das wollte ich nicht sehen.
       
       Beim Schließen des Fensters löste sich zu meinem Schreck der hölzerne Griff
       und verblieb in meiner Hand. Mein Schuldbewusstsein drängte mich, dem
       Wohnungsinhaber umgehend den Schaden zu melden. Ich hoffte, meine
       Haftpflichtversicherung würde die Reparaturkosten übernehmen. Wie von
       meiner Schuld angezogen, materialisierte sich im nächsten Moment der irre
       alte Radiobastler vor mir. Doch anstatt von der Sachbeschädigung zu
       sprechen, verlangte ich voller Ungeduld: „Bringen Sie mir eine Technik zum
       Verlassen meines Körpers bei!“ – „Nein“, erwiderte der irre alte
       Radiobastler, „es wäre besser, wenn das die Wissenschaftler täten, die in
       dem Geheimlabor hinter diesem Bild leben.“ Er klopfte an eins der großen,
       finsteren Bilder, und heraus kamen die Wissenschaftler.
       
       Sie sprachen anschaulich von Körperintegritätsidentität, Verkörperung und
       Körperbild sowie davon, dass alles nur schnöder Schwindel sei. Später
       konnte ich mich von der Richtigkeit dieser These überzeugen, zunächst aber
       erlernte ich die willentliche Blutdrucksenkung und alles, was zum Ausfahren
       aus dem eigenen Leib erforderlich ist. Es kann nicht allzu schwer gewesen
       sein, denn schon bald spürte ich, wie mein Kopf an die Zimmerdecke stieß.
       Viel schwerer jedoch war, wie ich dann feststellen musste, die Rückkehr in
       meinen mir jetzt fremd erscheinenden Körper.
       
       Tatsächlich habe ich nie zurückgefunden, und ein von dem Radiobastler
       gebauter, mir recht ähnlicher Doppelgänger musste schließlich meine Rolle
       in der Welt übernehmen. Der war dann auch so freundlich, sich diesen Text
       mittels Gedankenübertragung von mir diktieren zu lassen und für die
       Fensterreparatur aufzukommen.
       
       25 Apr 2018
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Eugen Egner
       
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