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       # taz.de -- Schlafstörung durch Tracking: I can't get no sleep
       
       > Vermehrt suchen sich Menschen wegen einer neuen Schlafstörung Hilfe:
       > Orthosomnia. Kriegen kann diese aber nur, wer seinen Schlaf trackt.
       
   IMG Bild: Hat keinen Tracker und keine Schlafstörungen: der Koala
       
       Es gibt wenig, was der Mensch wirklich muss. Essen. Trinken. Schlafen. Denn
       isst, trinkt oder schläft er nicht, stirbt er. Nun könnte man meinen, dass
       der Mensch – existiert er immerhin schon mehrere Millionen Jahre – Profi
       auf diesen Gebieten ist. Stattdessen macht er sich selbst da die größten
       Probleme.
       
       [1][Eine neue Studie, die im Journal of Clinical Sleep Medicine
       veröffentlicht wurde,] zeigt eine neue Störung: Orthosomnia. Darin stecken
       zwei griechische Wörter: „ortho“, was „richtig, korrekt“ bedeutet und
       „somnia“, „Schlaf“. Interessant an dieser Schlafstörung: Es bekommen sie
       nur Personen, die einen Schlaf- oder Fitnesstracker nutzen. Diese Tracker,
       meist als Armband getragen, messen über Sensoren den Puls und die Bewegung
       und erstellen so Analysen der jeweiligen Schlafphasen.
       
       „Es gibt eine steigende Anzahl Patient*innen, die sich selbst aufgrund
       ihrer Tracking-Daten Schlafstörungen wegen unzureichender Schlafdauer oder
       wegen Perioden leichten oder ruhelosen Schlafens diagnostizieren und sich
       deswegen in Behandlung begeben“, heißt es in der Studie. Dabei beriefen sie
       sich nicht etwa auf ihr Befinden nach dem Aufstehen, sondern auf das
       Ergebnis, das die jeweilige App ausgespuckt hat.
       
       Die Studie schildert etwa den Fall eines 40-jährigen Patienten. Der suchte
       eine Behandlung, weil er schnell gereizt war, sich schlecht konzentrieren
       konnte und während des Tages müde war. Dies sei nur der Fall, wenn sein
       Tracker ihm anzeige, er habe weniger als acht Stunden geschlafen. Er
       schilderte, jeden Abend Druck zu haben, dass seine App ihm morgens auch
       anzeigt, dass er acht Stunden fest geschlafen habe.
       
       Das Ziel seiner Behandlung sollte also sein, dass er jede Nacht acht
       Stunden erholsamen Schlaf bekommt. Er beschrieb, dass er neben seinen
       40-Stunden-Job oft auch am Wochenende und am Abend an weiteren Projekten
       arbeiten würde, und zwar oft bis er ins Bett ginge. Das Handy liege neben
       ihm im Bett, weil er auch nachts noch E-Mails bekäme.
       
       ## Selbstliebe? Nö, Leistung!
       
       Die neue Schlafstörung ist eine absurde Folge zweier sich gegenseitig
       verstärkender Phänomene unserer Zeit. Das eine ist die Tatsache, dass ein
       Gros der Menschen das Gefühl für sich und den eigenen Körper verloren hat.
       Sie wissen nicht, was ihnen guttut, was ihnen schadet, ignorieren
       Warnsignale, arbeiten über ihre Ressourcen. Das andere ist der Drang, den
       Körper, der nicht so funktioniert, wie er soll (siehe Tatsache 1)
       optimieren zu wollen. Nicht etwa aus Selbstliebe oder -fürsorge, sondern
       damit er endlich die Leistung bringt, die die Menschen gerne hätten.
       
       Dafür brauchen sie – weil Körpergefühl nicht existent – Hilfe von außen,
       wie eben durch jene Tracking-Apps. Die absurde Steigerung ist nun, dass
       vermutlich eigentlich gesunde Menschen sich für krank halten, weil eine App
       ihnen entsprechende Daten ausspuckt. Oder eine Schlafstörung entwickeln vor
       lauter Stress, bloß auch perfekt und hoch effektiv zu schlafen.
       
       Orthosomnia, das Kind einer kapitalistischen Gesellschaft. Und zwar nicht
       das erste. [2][Schon 1997 prägte der amerikanische Arzt Orthorexie], eine
       Essstörung, bei der der Drang nach einer möglichst gesunden und
       hochwertigen Ernährung krankhaft wird.
       
       Dabei gibt es für beides, für Essen und Schlaf, ein perfektes Gadget.
       Eines, das einem mit kostenlosen Pushnachrichten wie Müdigkeit, Hunger,
       Übelkeit, fahler Haut, Schwäche oder Kopfschmerzen ziemlich genau sagen
       kann, was gut ist und was nicht: der Körper. Die Verbindung zu ihm mag
       nicht die beste sein. Aber mit Feintuning und dem ein oder anderen Update
       lässt sie sich wieder herstellen.
       
       2 Apr 2018
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] http://jcsm.aasm.org/viewabstract.aspx?pid=30955
   DIR [2] /!5199053
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Maike Brülls
       
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