URI:
       # taz.de -- Aus taz FUTURZWEI: Es vibriert in Deutschland
       
       > Wenn Politik jungen Leuten die Perspektiven blockiert, dann wird es
       > gefährlich. Die Frage ist, wer diese Vibrationen zu verstärken weiß.
       
   IMG Bild: Die Generationen reden aneinander vorbei: die damalige SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks und Anti-Groko-Demonstranten von den Jusos
       
       Es liegt was in der Luft. Man weiß nur nicht, was es ist.
       
       Die Wirklichkeit hat gerade etwas Irreales, mit ihrer somnambulen Politik,
       mit Parteiführungen, die sich habituell vom ZK der SED im Endstadium nicht
       mehr unterscheiden, mit Rechten, die Geländegewinne ausgerechnet in Zeiten
       von Hochkonjunktur verzeichnen, mit Linken, die in Teilen in ihrer
       identitätspolitischen Hyperkorrektheit nur noch als stalinistisch
       bezeichnet werden können – jedenfalls dort, wo Gedichte überpinselt und
       Menschen aus Filmen geschnitten werden.
       
       Und irgendwo dazwischen findet sich die verwirrte und defensive
       Anhängerschaft der liberalen Demokratie und der offenen Gesellschaft, die
       sich gewiss weder durch einen Innenminister Seehofer noch durch die
       Neurechten noch durch die Neulinken repräsentiert sieht und auf seltsame
       Weise sprachlos geworden ist.
       
       So sehen wahrscheinlich Umbruchzeiten aus. Ohne Leitbild dümpeln die
       Bewohnerinnen und Bewohner des real existierenden Kapitalismus zwischen der
       Reklame der Digitalwirtschaft, den hypochondrischen Ängsten vor
       Globalisierung und Zuwanderung, der Dummdreistigkeit sogenannter
       Entscheidungsträger sogenannter Schlüsselindustrien sowie der dumpfen
       Befürchtung vor sich hin, dass der Westen womöglich die besten Zeiten
       hinter sich hat.
       
       ## Die Diktatur reiner Gegenwärtigkeit
       
       Keine Zukunft, nirgends? Wenn Klimapolitik vom Symbolischen ins
       Nebensächliche abgedrängt ist, Ökologie nicht mehr auf der Tagesordnung
       steht und Entwicklungspolitik wieder völlig sach- und fachfremd
       verantwortet wird, weiß eine junge Generation, dass sie unter der Diktatur
       reiner Gegenwärtigkeit aufzuwachsen hat.
       
       Es birgt, wie Norbert Elias vor langer Zeit in seinen Studien über die
       Deutschen beschrieben hat, ungeheuren gesellschaftlichen Sprengstoff, wenn
       Gesellschaften ihrer nachrückenden Generation die Perspektive blockieren,
       auch noch ein gutes, selbst gestaltetes Leben leben zu dürfen. Symptome für
       dieses Gefühl, Zukünftigkeit nicht mehr in ausreichendem Maß zu haben,
       zeigen sich etwa im Kampf der Jusos gegen die mumifizierte Führung der SPD,
       in repolitisierten Fernsehformaten wie Neo Magazin Royale oder Quer, in all
       den Blogs und Plattformen, die sich für anderes Wirtschaften, andere
       Politik, einen anderen Alltag engagieren, aber auch dort, wo das reine
       Ressentiment parteiförmig und wirkmächtig geworden ist.
       
       Das ist ja das Schlimmste: nicht, dass eine Partei wie die AfD im Bundestag
       sitzt. Sondern dass ihr mit der Politik der Angst und der Ausgrenzung ein
       Agenda-Setting gelungen ist, das in der Zuwanderungspolitik der nächsten
       Bundesregierung ihr getreues Abbild gefunden hat.
       
       Und der stärkste Beleg für diesen Erfolg ist, dass es inzwischen zum
       durchschnittlichen Überzeugungsinventar zählt, dass Merkels
       Flüchtlingspolitik ein schwerer Fehler war, dass man zu viel über das
       Klima, aber zu wenig über die Abgehängten gesprochen habe, dass „Heimat“
       und die Vermittlung damit verbundener Gefühle ein Zentralinhalt von Politik
       sei,. Und dass ein sachgerechter Umgang mit Flüchtlingen und Zuwanderern
       darin bestehe, sie in Lager in Afrika oder auf dem Grund des Mittelmeers zu
       entsorgen.
       
       Ich glaube, dass ein wesentlicher Grund für die wachsende künstliche
       Dummheit gegenüber den wirklichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
       darin besteht, dass sich niemand die Mühe gemacht hat, das zivilisatorische
       Projekt der Moderne weiterzudenken und weiterzubauen. Es ist klar, dass mit
       „zivilisatorischem Projekt“ nicht die Herstellung von materiellem Überfluss
       gemeint ist, sondern die immateriellen Güter: Freiheit, Sicherheit, Recht,
       Institutionen der Bildung, Gesundheit, Versorgung.
       
       ## Den materiellen Stoffumsatz verändern
       
       Wenn wir das alles erhalten und mit Zukunft versehen wollen, dann müssen
       wir unser Naturverhältnis, also unseren materiellen Stoffumsatz verändern.
       Das allerdings wäre ein radikales Modernisierungsprojekt, die
       Wiedereinführung von Zukunft in die Politik.
       
       Die neue Bundesregierung hat einen Koalitionsvertrag ausgehandelt, der ohne
       jede Rechenschaft gegenüber den naturalen Bedingungen unserer
       wirtschaftlichen Existenz auskommt – und zwar der gegenwärtigen wie der
       künftigen. Die Zukunft von heute ist nicht mehr: weniger Ungleichheit, mehr
       Humanität, gerechtere Verteilung, ein befriedetes Naturverhältnis. Sie ist:
       eine Konsumhölle im globalen Maßstab.
       
       Die Welt soll bald überall genauso aussehen wie Oberhausen. Dass dieses
       Zukunftsbild nicht fürs 21. Jahrhundert taugt, ist klar, es wird gleichwohl
       mit aller Macht aufrechterhalten und durchgesetzt.
       
       Dass das nicht gut gehen kann, erzeugt das diffuse, aber drängende
       Grundgefühl. Das ist es, was in der Luft liegt. Je neurotischer die Politik
       an den Rezepten des 19. (SPD) und 20. Jahrhunderts (CDU) festhält, desto
       klarer wird, warum es gegenwärtig vibriert im mentalen Haushalt der
       Republik.
       
       Unklar allerdings bleibt, wer am Ende den politischen Resonanzkörper für
       diese Vibrationen bauen kann. Die Grüne im Modus ihrer ökosozialen
       Neuerfindung? Eine neue Partei? Wer also werden die 2018er gewesen sein?
       Noch ist Zeit, die Antwort auf diese Frage mit zu gestalten.
       
       2 Apr 2018
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Harald Welzer
       
       ## TAGS
       
   DIR taz FUTURZWEI
   DIR Zukunft
   DIR Generationen
   DIR Postmoderne
   DIR Lesestück Meinung und Analyse
   DIR taz FUTURZWEI
   DIR taz FUTURZWEI
   DIR Soziale Gerechtigkeit
   DIR Nuit debout
   DIR Lesestück Interview
   DIR taz FUTURZWEI
   DIR Kapitalismus
   DIR taz FUTURZWEI
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Aus taz FUTURZWEI: Lena, Paul, Larana und Benno
       
       Die Hipster, die Engagierten, die Rechtsrebellen, die Normalos:
       Annäherungen an Twentysomethings, die jetzt auch schon 30 sind.
       
   DIR Aus taz FUTURZWEI: Was der Dreijährige weiß
       
       Abstraktion kann helfen, Zusammenhänge zu begreifen. Aber sie darf nie der
       einzige Blick auf die Gesellschaft sein. Ein Plädoyer für Menschlichkeit.
       
   DIR Debatte Ungleichheit in Deutschland: Es stinkt mir, wie derzeit verteilt wird
       
       Während Reiche mit leistungslosem Einkommen protzen, strampelt sich meine
       Generation unermüdlich, aber erfolglos ab.
       
   DIR Aus taz FUTURZWEI: Wer sind die 2018er?
       
       Die 68er sind alt geworden. Was aber machen die zwischen 1990 und 2000
       Geborenen? Und: Können sie die Krise der deutschen Linken lösen?
       
   DIR Grüner zu veränderten Zielen der Partei: „Eine neue Radikalität ist nötig“
       
       Das Grundsatzprogramm der Grünen ist 16 Jahre alt – ein neues soll her.
       Bundesgeschäftsführer Michael Kellner über gezähmten Kapitalismus und
       radikale Umweltziele.
       
   DIR Aus taz FUTURZWEI: Liebe in Zeiten der Cholerik
       
       Was darf man noch, was muss man jetzt? Die #MeToo-Verunsicherung bietet die
       Chance auf einen Frau-Mann-Dialog auf Augenhöhe.
       
   DIR Aus taz FUTURZWEI: Kapitalismus selbst gemacht
       
       Wer einen anderen Kapitalismus will, muss ihn selber formen. Der nächste
       Bürger muss ein Wirtschaftsbürger sein.
       
   DIR Aus taz FUTURZWEI: Die linke Sklerose
       
       Was zum Teufel ist heute eigentlich noch „progressiv“? Die Linke jedenfalls
       nicht, findet Harald Welzer. Wir müssen wieder nach vorne denken.