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       # taz.de -- Domscheit-Berg zu Hackerangriff: „Ein extremes Staatsversagen“
       
       > Linken-Expertin Anke Domscheit-Berg fordert einen Strategiewechsel.
       > IT-Spezialisten sollten sich um die Sicherheit kümmern, statt andere
       > auszuspionieren.
       
   IMG Bild: Auch das Bundesministerium der Verteidigung wurde von Hackern angegriffen. Ob erfolgreich, weiß man noch nicht
       
       Frau Domscheit-Berg: Haben Sie eine Erklärung warum der Bundestag erst
       jetzt informiert wurde [1][von einem Hackerangriff], der bereits im
       Dezember entdeckt wurde? 
       
       Anke Domscheit-Berg: Das ist die 1-Million-Dollar-Frage. Wir werden die
       Bundesregierung hart unter Druck setzen, damit sie uns diese beantwortet.
       Die Bundesregierung hat die Verpflichtung den Bundestag, beziehungsweise
       die zuständigen Gremien zu informieren, wenn ein Vorgang von besonderer
       Bedeutung passiert. Diese Informationspflicht wurde schlicht verletzt.
       
       Hätte es denn etwas geändert, wenn man Sie früher informiert hätte? 
       
       Es gibt die Pflicht uns zu informieren und das aus gutem Grund. Wir sind
       das Aufsichtsorgan der Bundesregierung und nachgeordneter Stellen, zum
       Beispiel das Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik oder die
       Geheimdienste. Und damit wir unserer Aufgabe nachkommen können, ist es
       schon von höchstem Interesse zu wissen, ob das BSI oder der BND in der Lage
       sind ihren Aufgaben nachzukommen oder nicht. Ich halte es für ein extremes
       Staatsversagen, wenn man jetzt herausfindet, dass irgendwelche fremden
       Kräfte ein Jahr lang im IT-Netz des Bundes unterwegs waren, ohne dass es
       jemand gemerkt hat. Da wollen wir schon wissen, an welcher Stelle wurden
       die Fehler begangen, rollen jetzt Köpfe, gab es zuwenig Ressourcen.
       
       Was glauben Sie, legt die Bundesregierung nun die Karten auf den Tisch? 
       
       Der Umstand, dass die Bundesregierung so zögerlich und intransparent
       agiert, stimmt mich nicht sehr optimistisch. Man will wohl eher nichts
       sagen, ich kann das menschlich sogar verstehen, denn es wäre zum Beispiel
       furchtbar peinlich, wenn der Angriff möglicherweise über eine
       Sicherheitslücke erfolgte, die längst bekannt war und die man nicht
       geschlossen hat.
       
       Weiß man schon Genaueres, wer die Hacker sind und welche Daten sie kennen? 
       
       Möglicherweise weiß man etwas über die Daten, die Herkunft der Hacker läßt
       sich jedoch nur sehr selten zweifelsfrei feststellen. Erst am Donnerstag
       wird sich die Bundesregierung offiziell äußern , in einer Sondersitzung des
       Parlamentarischen Kontrollgremiums und aller Voraussicht nach gibt es am
       Nachmittag eine Sondersitzung des Ausschusses Digitale Agenda (Anm. d.
       Red.: das Gespräch wurde vor den Sitzungen geführt). Die haben wir
       beantragt und möchten die Bundesregierung dort zur Rede stellen. Derzeit
       wissen wir noch nichts.
       
       Wie schätzen Sie die Lage ein – ist die Sicherheit des Landes gefährdet? 
       
       Das kann man erst sagen, wenn man mehr weiß. Was mich allerdings hochgradig
       beunruhigt ist, dass es gelungen ist, in das bis jetzt als sicher geltende
       Netz einzudringen. Man hat ja bereits zugegeben, dass das Außenministerium
       erfolgreich angegriffen wurde, das Verteidigungsministerium wurde mit
       unbekanntem Erfolg angegriffen. Am gleichen Netz hängen aber auch
       Kanzleramt, der Bundesrechnungshof, Sicherheitsbehörden und sämtliche
       andere Ministerien. Ob diese nicht doch mitbetroffen sind, wissen wir
       nicht. Informationen werden auch nach bestimmten Sicherheitsstufen im
       Netzwerk abgelegt, wir wissen noch nicht, bis zu welcher Stufe sich die
       Hacker vorgearbeitet haben.
       
       Nach dem Bundestagshack 2015 empfahl Innenminister Thomas de Maizière dem
       Bundestag, es künftig so zu machen wie die Bundesregierung. Offenbar wusste
       selbst er nicht, wie schlecht es um die Sicherheit der Netze bestellt ist? 
       
       Die „Kommission des Ältestenrates für den Einsatz neuer Informations- und
       Kommunikationstechniken und -medien“ unter Leitung von Petra Pau wurde
       damals extrem angegriffen, weil sie sich weigerte der Empfehlung
       nachzukommen. Sie wollte damals nicht an ein Netz angeschlossen sein, auf
       das auch die Geheimdienste Zugriff haben, sondern bestand auf einem
       separaten Netz. Heute zwei Jahre später weiß man, das war eine weise
       Entscheidung.
       
       Was hat man aus dem Bundestagshack gelernt? 
       
       Der Angriff damals erfolgte über veraltete Software. Heute darf keine
       veraltete Software mehr verwendet werden. Außerdem stellte man damals fest,
       dass es unüberschaubar viele Menschen mit Administratorenrechten gab und
       damit ganz viele Einfallstore. Mit einem sehr einfachen Werkzeug, das man
       sich aus dem Internet runterladen konnte, konnte man sich auch Zugang zu
       den Login-Daten von Administratoren verschaffen und damit in die
       sensibelsten Bereiche des Netzes gelangen. Die Anzahl der Admins wurde ganz
       stark runter gefahren, was auch das Risiko verringert.
       
       Was ist im aktuellen Fall zu tun? 
       
       Zunächst wollen wir aufgeklärt werden. Aber es braucht vor allem eine
       Umkehr der Strategie. Es gibt zu wenig Geld und zu wenig Menschen, die
       Ahnung haben. Wir haben im Bereich IT-Sicherheit einen Fachkräftemangel. Im
       Vergleich zur Industrie zahlen Behörden nun mal wenig und es gibt auch zu
       wenig Geld für Weiterbildung. Vor diesem Hintergrund muss man alle Kräfte
       in die Verteidigung stecken, um unsere Netze sicherer zu machen.
       Stattdessen wird ohne Rechtsgrundlage gerade auf Wunsch der Geheimdienste
       eine Behörde wie ZITIS aufgebaut, die nichts weiter tut, als
       Sicherheitslücken zu finden, um sie nicht zu schließen. Diese
       Sicherheitslücken, sei es auf Whatsapp oder MS Word, sollen genutzt werden,
       um wiederum andere, verdächtige Menschen auszuspionieren. Wenn ein Staat
       Kapazitäten bindet, um Sicherheitslücken zu finden, aber nicht zu
       schließen, dann macht er sich zum Mittäter. So hat es auch angefangen mit
       dem WannaCry Virus, der im Mai 2017 Krankenhäuser in England und
       Ministerien in Russland lahmlegte. Diese Schadsoftware nutzte eine
       Sicherheitslücke, die der NSA gebunkert hatte. Dieses Wissen wurde der NSA
       geklaut und die Sicherheitslücke von Kriminellen genutzt.
       
       1 Mar 2018
       
       ## LINKS
       
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