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       # taz.de -- Antifeminismus und Rassismus: Ihre große Erzählung
       
       > Die AfD will in Berlin für die Sicherheit der (weißen) Frau
       > demonstrieren. Sie nutzt dabei ein eingespieltes Muster rechter Kreise.
       
   IMG Bild: Kein „emotionales Rumgehudel“ mehr: Frauen bei einer Demonstration der Identitären im Juni 2017
       
       Es ist nicht viel, was Rechtsextreme für ihre Öffentlichkeitsarbeit
       brauchen. Eigentlich nur einen gesellschaftlichen Konsens, den sie
       zuspitzen können. Und verschiedene Diskriminierungsachsen, die man
       übereinanderlegen kann. Wer möchte, ergänzt verborgene Strippenzieher,
       tauscht Begriffe, wenn das Ergebnis zu altbacken klingt, oder gibt ihm
       einen ironischen Touch. Repeat.
       
       Die vielleicht derzeit beliebteste rechte Erzählung bringt Migrations- und
       Geschlechterfragen zusammen. Sie braucht dafür nur ein quasi natürliches
       Bild von Mann und Frau mit unterschiedlichen Eigenschaften und einen lange
       eingeübten Rassismus.
       
       Die Vorlage geistert derzeit überall durch die Medien und folgt „nach Köln“
       einem eingespielten Muster: Der Sexismus der Anderen – und nur der Anderen
       – sei eine Gefahr für die eigene Kultur und weiße Frauen; die eigene
       männliche Hegemonie und deren toxischen Auswirkungen seien jedoch nicht der
       Rede wert. Das aktuellste Beispiel dafür liefern die Identitären mit ihrer
       Videokampagne gegen sexuelle Gewalt an Frauen – aber nur gegen die Gewalt,
       die nicht von Deutschen ausgeht.
       
       Mit dem gleichen Schema kann Beatrix von Storch über die „barbarischen,
       muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden“ [1][twittern] und André
       Poggenburg gleichzeitig, dass die #MeToo-Kampagne „[2][zu einer reinen
       Farce verkommen]“ sei: „Als ob es keine wirklichen Probleme gibt.“
       
       Die weibliche Bedrohung 
       
       Diese rassistische Fokussierung ist allerdings nur Einstieg. Wer ist nach
       rechtsextremer Lesart „schuld“ an der Migration? Klar, Merkel und die
       „Volksverräter“ der politischen Elite, die die Grenzen nicht dicht machen;
       die „Lügenpresse“ mit ihrem „Multi-Kulti-Brainwashing“; die Amis mit ihrer
       Globalisierung und Gleichmacherei; die „Hochfinanz“, die Juden, George
       Soros mit ihrer Schattenherrschaft.
       
       Wer sich durch YouTube-Videos, Webseiten und Bücher der Neuen Rechten und
       der amerikanischen Alt-Right sowie deren medialen Vorfeldorganisatoren
       schaut, dem wird klar, wie den zunächst als beschützenswert dargestellten
       Frauen eine Schlüsselrolle in dieser Schuldfrage zukommt. Und wie genau
       jene Eigenschaften, die Rechte „der Frau“ zuschreiben, auf diese
       zurückkommen – und Weiblichkeit an sich zu einer permanenten Bedrohung für
       das völkische Projekt machen.
       
       „Was zur Hölle läuft falsch bei euch?“, fragte der Identitäre Martin
       Sellner in einer Videoreihe zur „Identitären Frauenfrage“ im Frühjahr 2016:
       Warum wählen Frauen viel häufiger Parteien, die für die
       „Masseneinwanderung“ sind als Männer? „Das hängt mit der Natur und der
       Psychologie der Frauen zusammen“, antwortet Aline aus Dresden: „Frauen sind
       empathisch und wollen helfen und denken dann aber meistens nicht darüber
       nach, wem sie da helfen.“ Genau, sagt Sellner, von Natur aus seien sie
       deshalb leichter „emotional erpressbar“ – etwa von den Bildern einer
       angespülten Babyleiche am Strand.
       
       Auch Frauen müssten mal „auf den Tisch hauen“
       
       Eine ähnliche Video-Reihe führte Sellner noch einmal kurz vor der
       Bundestagswahl vor. Klar sollten Frauen nach wie vor wählen und
       mitbestimmen, sagt Franziska vom identitären Blog „radikal feminin“. Aber
       gerade in der Politik könne man „eben nicht nur emotionales Rumgehudel
       machen, sondern muss mal auf den Tisch hauen. Männer sind da logischer und
       direkter.“ Und Sellner ergänzt, dass Frauen eben immer mit dem Mainstream
       gehen würden. Genau diese Zuschreibungen machen sie auch zu potentiell
       Verantwortlichen für die „Masseninvasion“.
       
       Als Sellner zum Jahreswechsel in den USA war, redete er noch klarer davon,
       wie die Leute in Deutschland – angetrieben von einem „weißen Schuldkomplex“
       und der Angst, „Rassist“ genannt zu werden – ihre Kinder dem „God of
       Multiculturalism“ opfern würden – und: „so many white girls inviting theses
       beasts into their home“.
       
       Nur ein, zwei Facebook-Postings weiter landet man schon bei der Neuköllner
       AfD-Abgeordnete Franziska Lorenz-Hoffmann, die auf ihrer digitalen Pinnwand
       einige Motive aus dem Nationalsozialismus recycelte: „Deutsche Frau! Halte
       dein Blut rein“.
       
       „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ steht hinten auf dem Buch „Die
       Einzelfalle – Warum der Feminismus ständig die Straßenseite wechselt“ von
       Ellen Kositza, Ehefrau von Götz Kubitschek. In ihm schreibt sie, wie
       „Frauen zu Kippfiguren in puncto Einwanderung werden … Ich gestehe Frauen
       mehr Emotionalität, mehr Weichheit, ja auch größere Beeinflussbarkeit zu.
       Auch, daß sie generell ,zu den Siegern' gehen, also sich zur proklamierten
       Mehrheit schlagen. Ich halte dergleichen für natürlich, für weder
       anfechtbar noch aufrechenbar. Darum wünsche ich keiner multikulturell
       begeisterten Frau, daß sie ihre ,Lektion‘ lernen möge.“
       
       Zu viele „Jammerlappen“, zu wenig „Männlichkeit“
       
       Das Problem besteht für Kositza jedoch nicht in diesen „Lektionen“
       toxischer Männlichkeit generell, sondern in dem vermeintlichen Mangel
       einheimischer Männlichkeit: Die deutschen Männer würden sich zu sehr auf
       „Vater Staat“ verlassen, sie seien zu „Weicheiern“ und „Jammerlappen“
       geworden und hätten den öffentlichen Raum kampflos preisgegeben.
       
       Deswegen kommt auch Kositzas Buch nicht ohne den Verweis auf die
       „Männlichkeitsbibel“ im eigenen Verlag aus – Jack Donovans „Der Weg der
       Männer“ – zu dem sie einen Online-Kommentar zitiert: „Die weißen Linken
       haben ihre Männlichkeit doch als cuckolds längst outgesourced. Black Lives
       Matter, Randalierer und Schläger, arabische Clans …, durchtrainierte
       Afrikaner … Das ist doch die Männlichkeit, auf die der weiße Mann stolz
       ist.“
       
       Das war auch das Mantra von Björn Höcke, als er im November 2015 auf den
       Erfurter Marktplatz schrie: „Wir müssen unsere Männlichkeit
       wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken,
       werden wir mannhaft! Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir
       wehrhaft. Und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“
       
       Wie dieses Beschwörungen von mehr Männlichkeit auf die Weiblichkeit
       zurückschlagen, kann man auch auf den YouTube-Kanälen der amerikanischen
       „Alt-Lite“ beobachten. Das sind die massenwirksamen Vorläufer der
       „Alt-Right“, die den „weißen Nationalstaat“ und den „race war“ zwar noch
       nicht offen predigen, zu denen mit einem Zitat aus Klaus Theweleits „Das
       Lachen der Täter“ jedoch schon alles gesagt wäre: „Wer eine Stunde lang
       redet, um eigene Standpunkte zu untermauern und seine Handlungen zu
       rechtfertigen, ist strukturell ein Faschist“ – wenn ihre Monologe nicht
       Millionen Views bekämen.
       
       Immer wieder die Naturalisierung von Weiblichkeit 
       
       Da ist zum Beispiel der ehemalige Mens Rights Activist Stefan Molyneux, der
       unter dem Titel „We’re doomed!“ wieder einmal „Facts about Women and
       Politics“ abspult: Wie in der Weltgeschichte Millionen von Männern gekämpft
       und gestorben sind, wie sie den Frauen die Freiheit geschenkt hätten – nur
       damit diese im Gegenzug alles Aufgebaute wegwerfen würden, weil sie keine
       Ahnung von Politik hätten und nur emotional wählen würden – also für
       Sozialsysteme, für Migration und all diese furchtbaren Dinge. Auch wenn
       Molyneux mit einem offenen „but we can turn it around – can’t we?“ endet;
       es ist klar, wer dieses „we“ ist – und gegen wen es sich konstituieren
       sollte.
       
       Wie wichtig diese Erzählungen eines von der Weiblichkeit bedrohten
       völkischen Projekts sind, zeigt sich erst recht bei den Männern der
       Alt-Right. Wenn deren prominenter Kopf Richard Spencer bei einem Glas
       Whiskey fragt, was für die Bewegung eigentlich wichtiger sei: „the women’s
       question or the race question“. Oder wenn die Neonazi-Seite Daily Stormer
       die Zahnlosigkeit der Alt-Lite beklagt, weil sie den letzten Schritt nicht
       gehen wollten („Always Blame the Jews for Everything“). Und wenn dabei
       wieder betont wird, was den gemeinsamen Nenner mit Leuten wie Molyneux
       ausmacht: „he did bring people into the Alt-Right by addressing issues that
       we address, including engaging in a comprehensive breakdown of race
       realism, along with the nature of women“.
       
       „Die Frau“, das ist ihre gemeinsame Botschaft, wird nicht erst als
       Feministin zu einer Gefahr für die innere Ordnung der „Volksgemeinschaft“,
       nicht erst dann, wenn sie die traditionelle Rolle in der Familie verlässt,
       keine Lust auf Küche oder Kinder hat und lieber Karriere macht. Sondern
       schon vorher, durch die Zuschreibung vermeintlich natürlicher
       Eigenschaften, die sie zum Einfallstor für das Andere und zu einer
       potenziellen Bedrohung für das völkische Projekt machen. Und gegen
       Bedrohungen sollte sich ein rechter Mann wehren.
       
       16 Feb 2018
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.berliner-zeitung.de/politik/-hass-inhalte--koelner-polizei-zeigt-afd-vize-von-storch-an---twitter-account-gesperrt-29417198
   DIR [2] https://twitter.com/poggenburgandre/status/952353929538437120?lang=de
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sebastian Dörfler
       
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