URI:
       # taz.de -- Kolumne So Sach(s)en: Und hinter ihm sein altes Leben
       
       > Ein Leipziger hat sechs Richtige im Lotto, seinen Millionengewinn aber
       > noch nicht abgeholt. Hat er keine Lust mehr auf das Geld?
       
   IMG Bild: Ist es dort nicht viel schöner als in einem grauen Bürogebäude?
       
       Leipziger*innen haben kein Glück im Lotto. Der sächsischen
       Lottogesellschaft zufolge gab es 2017 keinen einzigen Großgewinner. Nun
       kann ein Leipziger aber endlich die Korken knallen lassen. Knapp 1,5
       Millionen Euro gewann er in der Samstagsziehung. Im Dezember gab er seinen
       Lottoschein ab, und das gleich für fünf Ziehungen in Folge. Die
       Lottogesellschaft vermutet, dass er danach in Urlaub gefahren sei und noch
       nichts von seinem Gewinn wisse. Hier folgt eine Interpretation des Autors:
       
       Lange würde er das nicht mehr ertragen. Beton und Lärm der Stadt trieben
       ihn immer weiter in die Ecke. Schon seit längerer Zeit plagt ihn ein
       diffuses Unwohlsein. Mechanisches Aufstehen, mit dem Bus in das
       Bürogebäude, im Dunkeln wieder nach Hause, vor die Glotze.
       
       Zum Einschlafen ist er dann zu müde. So läuft das jetzt schon seit zwei
       Jahren. Er hatte mal viel vor, mittlerweile kann er sich kaum mehr daran
       erinnern. Irgendjemand versprach ihm mal den großen Gewinn, mit dem er sich
       befreien könnte. Und so setzte er Woche für Woche seine Kreuze auf den
       Schein. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
       
       Seit der Prospekt in seinem Briefkasten lag, ist alles anders. Ein
       halbseitiges Foto eines Gebirges war darin. Violette Tupfer von Kräutern,
       Berggipfel, die aussahen, als seien sie mit Zuckerglasur übergossen worden:
       Die schroffe Schönheit der Hochplateaus überwältigte ihn. Für ein paar
       hundert Euro könnte er dort sein. Seitdem spuken die Bilder in seinem Kopf
       herum.
       
       Er brauchte nicht viel Zeit, um sein altes Leben hinter sich zu lassen.
       Seine Kontakte waren auf oberflächliche Bekanntschaften
       zusammengeschrumpft, hier würde er nichts vermissen. Hastig stopft er seine
       wenige Kleidung in den Reiserucksack, der seit Jahren verstaubt in der Ecke
       lag. Dass er ihn nochmal benutzen würde, hätte er bis vor wenigen Wochen
       nicht geglaubt. Er lässt die Tür ins Schloss fallen.
       
       Eine Sache gibt es noch zu tun. In seiner Jackentasche spielt er mit dem
       zerknitterten Schein. Wortlos gibt er ihn in der Lotterie ab und lässt sein
       altes Leben hinter sich.
       
       17 Jan 2018
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Denis Giessler
       
       ## TAGS
       
   DIR Schwerpunkt taz Leipzig
   DIR Lotto
   DIR Gewinn
   DIR Reisen
   DIR Einsamkeit
   DIR Fasching
   DIR Schwerpunkt taz Leipzig
   DIR Tanzen
   DIR Schwerpunkt taz Leipzig
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Kolumne Familie und Gedöns: Ein genderneutraler König
       
       Die Faschingszeit steht vor der Tür. Manchmal kollidieren dabei kindliche
       Verkleidungswünsche mit den Vorstellungen der Eltern.
       
   DIR Kolumne Leipziger Familie und Gedöns: Neuer Wein in alten Schläuchen
       
       Ehe für alle, alles gut? Bislang wurden 16 Paare in Leipzig vor dem Altar
       getraut. Trotzdem ist es wie die klassische Ehe ein Bund der Ungleichheit.
       
   DIR Kolumne Teilnehmende Beobachtung: Ein Schritt vor, zwei zurück
       
       Migrantisches Leben gibt es auch jenseits der Leipziger Eisenbahnstraße.
       Manchmal begegnen sich Deutsche und Ausländer auch tanzend.
       
   DIR Kolumne So Sachen: Der heimliche Geburtstag
       
       Die Leipziger Verkehrsbetriebe werden 100! Endlich wieder ein Grund zum
       Feiern! Um das Geburtstagskind ist es allerdings seltsam still.