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       # taz.de -- Sachbuch zu Queerness und Homophobie: Verschiedene Wege der Befreiung
       
       > Hat queerer Aktivismus dazu beigetragen, weltweit einen homophoben
       > Gegenschlag zu erleichtern? Das ergründen zwei Politologen in „Queer
       > Wars“.
       
   IMG Bild: Eine Teilnehmerin bei der ersten Gay Pride in Beersheba, Israel (Archivbild, Juni 2017)
       
       „Schöne schwule Welt“. Der Aufschrei war groß, als der Autor Werner
       Hinzpeter 1997 gegen das „Bild vom leidenden Schwulen“ zu Felde zog. Die
       „schwule Freizeitgesellschaft“, beschied der selbst schwule Publizist die
       Funktionäre des „Jammer-Schlussverkaufs“, habe längst den politischen
       Aktivismus abgelöst. „Es scheint, als würde die Zeit, in der die sexuelle
       Identität die Gesellschaft spaltet, sich als eine vorübergehende Phase
       erweisen“, fasste er sein „Plädoyer für schwulenpolitische Sesselfurzer“
       zusammen.
       
       Zwanzig Jahre später könnte Hinzpeters These kaum abwegiger erscheinen.
       Seine These, dass heute „andere Dinge wichtiger sind als schwule
       Emanzipation“, würde er wahrscheinlich nicht noch einmal wiederholen. Nicht
       nur in Hinzpeters vermeintlichem Schwulenparadies Deutschland grassiert
       längst wieder massive, keineswegs nur rhetorische Homophobie. Die Kämpfe um
       sexuelle Identität toben so erbittert wie nie – inzwischen weltweit.
       
       Bis zur „Verschwulung der Welt“, die der Schriftsteller Hubert Fichte einst
       erträumte, dürfte es also noch ein weiter Weg werden. Eine hinreißende
       LGTB-Schwalbe wie Conchita Wurst macht global gesehen eben noch keinen
       queeren Sommer. „Wir sind nicht aufzuhalten“, verkündete das Mädchen mit
       Bart nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 überwältigt.
       
       Doch noch immer sind, so zählen die australischen Wissenschaftler Dennis
       Altmann und Jonathan Symons in ihrem Buch „Queer Wars“ auf, homosexuelle
       Handlungen in 78 Ländern der Welt strafbar (Dennis Altmann/Jonathan Symons:
       „Queer Wars“. Aus dem Englischen von Hans Freundl. Mit einem Vorwort von
       Daniel Schreiber. Wagenbach, Berlin 2017, 140 S., 18 Euro). In acht Ländern
       werden sie sogar mit der Todesstrafe geahndet. Die Dunkelziffer der
       Vergewaltigungen, Überfälle und unsichtbaren Diskriminierungen im Alltag
       ist noch nicht eingerechnet.
       
       Neben Russland erinnern die beiden Politologen aus Melbourne und Sydney an
       ein extremes sexualpolitisches Rollback: In Uganda unternahm das Parlament
       2005 und 2009 gleich zwei Anläufe, Homosexualität und gleichgeschlechtliche
       Ehe qua Verfassung zu ächten. „Fortschritt ist niemals zwangsläufig“,
       resümieren sie gefasst den überall zu beobachtenden Rückfall in reaktionäre
       Zeiten.
       
       ## „Politische Homophobie“
       
       Trotzdem hat sich für Altman und Symons der Charakter dieser Kämpfe
       geändert. Ihr Buch, eine Mischung aus politischem Report und moralischer
       Streitschrift, ist schmal, hat es aber in sich. Ein Verdienst des Bandes
       besteht zunächst einmal darin, dass die Wissenschaftler gut aufzeigen, wie
       aus einem Kampf um juristisch-soziale Gleichstellung ein gefährliches
       politisches Instrument wurde.
       
       Die Forscher sprechen von einer „politischen Homophobie“. Damit meinen sie,
       dass die Unterdrückung von Homosexuellen „eine symbolische Bedeutung
       gewonnen hat, die als Ausdruck der nationalen Identität und des
       Selbstbehauptungswillens gilt“. Wie sehr sexuelle Identität zu einem
       erstrangigen Konfliktfaktor der internationalen Politik geworden ist,
       zeigte sich in dem „Kalten Krieg“ zwischen den Präsidenten Putin und Obama
       bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi.
       
       Altman und Symons konstatieren das Aufkommen einer „Konservativen
       Internationale“ von Russland über Brunei bis Indonesien und Uganda. Den
       Menschenrechten westlicher Prägung stellen diese Länder die „traditionellen
       Werte“ entgegen, deren Verteidigung Wladimir Putin 2013 in einer Rede
       beschwor.
       
       Angesichts der perfiden Mischung aus „moralischen Terrorismus“ und
       antikolonialistischer Rhetorik, die diese Zivilisationskritik aus
       autoritärem Munde sekundiert, muss es für LGTB-Aktivisten provozierend
       klingen, wenn die beiden Wissenschaftler für eine „gemäßigte
       Vorgehensweise“ beim globalen Kampf dagegen plädieren. Der Bewegung
       schreiben sie ins Stammbuch, dass die „Sprache des Aktivismus dazu
       beigetragen hat, einen Gegenschlag zu erleichtern“. Dieses explosive
       Kernargument ihres Buches dürfte für Wirbel in der westlichen LGTB-Szene
       sorgen. Und bei der ewigen Streitfrage aller Progressiven: „Reform oder
       Revolution?“ läuft ihr Essay auf eine Art Dritten Weg der evolutionären
       Emanzipation hinaus.
       
       ## Mehr als gleichgeschlechtliche Ehe
       
       Hinter Altmans und Symons’ Plädoyer für „vielfältige Wege zur Befreiung“
       steckt aber kein Werterelativismus oder Appeasement mit homophoben
       Diktaturen. Wenn sie dazu raten, sich auf den „Schutz vor Diskriminierung
       und Verletzung der persönlichen Unversehrtheit zu konzentrieren“, wenden
       sie sich auch nicht gegen universale Menschenrechte und internationale
       Solidarität. Sie warnen nur vor der Annahme, Modelle wie das Coming-Out
       oder das – gelegentlich ja etwas scholastisch vorgetragene – LGTB-Mantra
       als universelle Blaupausen für Emanzipation anzusehen. Global gesehen, so
       könnte man ihren Ansatz zusammenfassen, ist gay liberation mehr als die
       Durchsetzung des Rechts auf gleichgeschlechtliche Eheschließungen.
       
       Sie plädieren stattdessen dafür, die kulturellen Ungleichzeitigkeiten zu
       berücksichtigen. Nicht jede LGTB-Befreiung folge einem vorgezeichneten
       Verlauf, in dem jedes Land seinen eigenen „Stonewall-Augenblick“ erlebe.
       „Versuche zur Wiederbelebung kultureller Traditionen, in denen Transgender
       und gleichgeschlechtliche Sexualität wertgeschätzt oder akzeptiert werden,
       können durch die aufdringliche westliche Unterstützung von LGTB-Identitäten
       untergraben werden“, warnen sie mit Verweis auf entsprechende Konzepte in
       Polynesien oder Äthiopien.
       
       Es sei also durchaus vorstellbar, „dass sich in Asien ein konfuzianisches
       Modell der Toleranz entwickelt, in dem sexuelle Vielfalt und körperliche
       Selbstbestimmung geschützt werden, ohne dass Homosexualität die Grundlage
       für eine umfängliche Identität bildet“.
       
       Vor dem Hintergrund dieser anderen Traditionen von Verwandtschaft und
       Gemeinschaft erklärt sich auch eine vertrackte Dialektik: 2013 bestätigte
       Indiens Oberster Gerichtshof das noch aus Kolonialzeiten stammende Verbot
       homosexueller Handlungen, erkannte aber die Existenz eines „dritten
       Geschlechts“ an und verpflichtete den Staat zu Quotenregelungen in
       Ausbildung und Beruf. Im Hinblick auf dessen Anerkennung ist Deutschland
       mit der jüngsten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts auch bloß ein
       sexualpolitischer Nachzügler.
       
       In China ist Homosexualität seit der Kulturrevolution unterdrückt. Trotzdem
       hat sich dort mit „Tóngzhì“ eine ganz eigene Kultur jenseits der
       Homo-Hetero-Dualität entwickelt, die das Sexuelle in das Soziale
       integrieren will.
       
       Wie recht die Autoren mit ihrer Warnung an die „queere Internationale“
       haben, dass „Einmischung die Situation auch verschlimmern kann“, zeigt das
       Beispiel Uganda. Präsident Museveni unterschrieb das umstrittene
       Antihomosexuellengesetz vor allem deswegen, weil sich Barack Obama bei
       seinem Besuch dort dagegen aussprach.
       
       Insofern ist Altman und Symons Rat absolut ernst zu nehmen, bei dem Kampf
       um geschlechtliche Freiheit nicht nur „die möglichen Konsequenzen einer
       politischen Aktion abzuwägen“. Sondern ihn auch an den Bedingungen und den
       Bedürfnissen der Akteure vor Ort zu orientieren, die „das größte Risiko
       eingehen“. Und zuallererst „vorhandene progressive politische Kräfte zu
       stärken“.
       
       In Malaysia hilft es zunächst womöglich mehr, die „lokalisierte
       Ausdrucksform von Queer-Politik“, nämlich Kunstausstellungen und Filmabende
       in den Nischen Kuala Lumpurs zu unterstützen, als ihr von außen das
       überzustülpen, was Altman und Symons mit einigem Recht das
       „universalistische Narrativ der queeren Moderne“ nennen.
       
       Und wenn LGTB-Aktivisten und Hollywood-Schauspieler im Sudan für das
       Menschenrecht auf die gleichgeschlechtliche Ehe eintreten, können sie sich
       moralisch selbst bestätigen. Die schöne schwule Welt ist damit noch nicht
       geschaffen.
       
       6 Jan 2018
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ingo Arend
       
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