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       # taz.de -- Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin: Die Neue im Kiez
       
       > Seyran Ateş hat eine liberale Moschee gegründet – und dafür Lob, Kritik
       > und Morddrohungen erhalten. Wie hat sich die Gemeinde entwickelt?
       
   IMG Bild: Erleuchtet: Christian Hermann ist konvertiert, nachdem er in der Moschee von Seyran Ateş war
       
       Berlin taz | Wenn Menschen von ihrer religiösen Erweckung berichten, dem
       Moment, in dem sie zum Glauben fanden, tragen diese Erzählungen oft
       mystische Züge. Bei Christian Hermann klingt das so: Als er im Juli zum
       ersten Mal diese Moschee betrat, sich die Schuhe auszog, die Füße auf den
       weichen, weißen Teppich setzte, sah er eine Lichtbrechung, ganz klein,
       hervorgerufen durch einen schrägen Winkel in der Wand, genau da, wo Mekka
       ist. In dem Moment, sagt er, fühlte er sich am Ziel, zu Hause. Ihm wurde
       klar: „Ich werde Muslim.“
       
       Er hatte in den Medien von dieser Moschee erfahren, die allen offen steht,
       in der Frauen neben Männern beten und sogar predigen dürfen. Eine Moschee,
       die auch Menschen wie ihn willkommen heißt: Als Homosexueller habe er sich
       vom Islam vorher nie eingeladen gefühlt, sagt Hermann.
       
       Dann ging alles recht schnell: Im August sprach er die Schahāda, das
       Glaubensbekenntnis der Muslime. Aus Hermann, 47, gelernter
       Industriekaufmann und ehemaliger Projektmanager, ein großer, kräftiger Mann
       mit Bart und fränkisch rollendem R, der mit 19 aus der evangelischen Kirche
       ausgetreten war und seitdem „frei mit Gott“ lebte, wurde Awhan.
       
       Kurz darauf begann er, Videos zu drehen und ins Netz zu stellen, in denen
       er über sich und seine neue Religion spricht. Angst, dafür verspottet zu
       werden, habe er nicht, sagt er. Er ist sich seiner Lage bewusst: „Viele
       Muslime nehmen das Projekt eh nicht ernst.“ Für die seien sie keine
       Muslime, die Moschee sei keine Moschee. Eine Ansicht, der er natürlich
       widerspricht.
       
       Über 80 Moscheen gibt es in Berlin, sieben allein im Ortsteil Moabit. Meist
       sind es unauffällige Bauten: ehemalige Fabrikgebäude, leere Garagen,
       ehemalige Büros. Schlagzeilen machen sie nur, wenn es um Islamismus geht,
       wie bei der Al-Nur-Moschee in Neukölln, die lange als Treffpunkt radikaler
       Salafisten galt, oder der Fussilet-Moschee in Moabit, dem „Terrornest“, in
       dem auch Anis Amri verkehrte.
       
       ## Den Islam von der Politik trennen
       
       Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, in die Christian Hermann geht, machte auch
       Schlagzeilen, aber andere. Als die Anwältin Seyran Ateş, bekannt für ihr
       Engagement für Frauenrechte, mit ihrem Plan an die Öffentlichkeit trat, in
       den Räumen einer evangelischen Kirche eine liberale Moschee zu eröffnen,
       kamen Reporter aus ganz Europa, Nahost und den USA. Cem Özdemir war da,
       Renate Künast, Berlins Bürgermeister Michael Müller.
       
       Seyran Ateş fragt: Wie kann man dafür sorgen, dass der Islam nicht immer
       mit Terror in Verbindung gebracht wird? Sie will mit ihrer liberalen
       Moschee eine Antwort darauf geben. Der Islam soll reformiert, von der
       Politik getrennt werden. Suren sollen nicht umgeschrieben, wie einige
       Kritiker befürchteten, sondern der Koran in seinem historischen Kontext
       verstanden werden.
       
       Dafür tourte Ateş durch Talkshows, gab Interviews, hielt Reden. Viele
       nichtmuslimische Politiker, Journalisten und Islamwissenschaftler liebten
       sie dafür, lobten ihr Engagement. Viele Muslime hingegen kritisierten sie.
       Einige, weil ihnen Ateşs Reformanspruch zu weit ging, andere, weil sie ihre
       Art als zu provokant, ihre Kritik an den Islam-Verbänden als zu laut
       empfanden. 
       
       Über ein halbes Jahr ist seit der Eröffnung vergangen, das mediale
       Interesse ist abgeebbt. Was ist seitdem geschehen? Wird die neue Moschee
       überhaupt besucht und wenn ja, von wem? Und wie finden die anderen
       Moschee-Gemeinden im Kiez das, was dort ausprobiert wird?
       
       Im Schatten von Seyran Ateşs Prominenz hat sich inzwischen eine Gemeinde
       gesammelt, die sich deutlich von den meisten anderen unterscheidet. Sie
       sind die Neuen im Viertel: Männer und Frauen, jung und alt, deutsche
       Konvertiten wie Christian Hermann, aber auch Araber, die schon lange in
       Deutschland leben und mit dem konservativen Islam hadern.
       
       Wer die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee regelmäßig besucht, bemerkt eine gewisse
       Unbeständigkeit. Neugierige Gesichter, die auftauchen und wieder
       verschwinden – einige nach ein paar Minuten, andere, nachdem sie mehrmals
       zu Besuch waren, sich teils sogar in der Gemeinde engagiert haben.
       
       ## Die Mitgliederzahl bleibt konstant, die Gesichter nicht
       
       Zeitweise bröckelte sogar das Gründer-Team. Einen Tag nach der Eröffnung
       verließ der Neurologe Mimoun Azizi die Moschee: Auf Facebook gerierte er
       sich als Spion, der die Bewegung nur unterwandert habe. Ateşs Projekt gehe
       eindeutig zu weit, sagte er am Telefon, der Reformanspruch sei nicht mit
       dem Islam vereinbar. Im Herbst verließ ein weiteres Gründungsmitglied, der
       Arzt Akram Nasaan, das Team, weil er fand, die Moschee sei nicht liberal
       genug. Kritik kam auch aus dem Ausland: Die türkische Religionsbehörde
       Diyanet rückte die Moschee in die Nähe der Gülen-Bewegung, um sie zu
       diskreditieren. Das ägyptische Fatwa-Amt erklärte sie für unislamisch. 
       
       Seyran Ateş wurde mit dem Tod bedroht und darf seitdem nur mit verstärktem
       Polizeischutz aus dem Haus. Währenddessen kamen neue Gemeindemitglieder,
       alte gingen. Nur die Anzahl blieb annähernd konstant, nicht die Gesichter.
       
       Die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, am 6. Oktober 2017. Es ist Freitag, vor zwei
       Tagen hat der Wirbelsturm Xavier Bäume entwurzelt und Bahnverbindungen
       gekappt. Etwa dreißig Leute sind gekommen, viele davon Journalisten. Sie
       warten auf Abdel-Hakim Ourghi, einen Mitgründer der Moschee, der hier sein
       neues Buch präsentieren will, und auf Ludovic-Mohamed Zahed, einen schwulen
       Imam aus Frankreich. Die beiden kommen nicht, sie stecken irgendwo fest –
       Xavier ist schuld.
       
       Stattdessen tritt Christian Hermann vor die Gemeinde, in den Händen ein
       Stück Papier, seine Predigt. Das Thema: die Unvorhersehbarkeit des Lebens,
       passend zum Sturm.
       
       „Wie sollen wir damit umgehen, dass wir Pläne machen, es dann aber doch
       anders kommt?“, fragt er. „Gott weiß ja längst, was geschieht. Steht das
       nicht in Konflikt zum freien Willen des Menschen?“ Hermann, weißer
       Gebetskittel, graue Mütze, liest mit ruhiger Stimme. Immer wieder schaut er
       kurz von seinen Notizen auf, blickt ins Publikum. „Man muss akzeptieren,
       dass man nicht alles erklären kann“, sagt er. „Dann hat dieser Gedanke auch
       etwas Tröstliches: Zu wissen, es gibt da eine Kraft, auf die man sich
       stützen kann.“
       
       ## Wird die Gemeinde wachsen?
       
       Etwa zwanzig Minuten dauert Hermanns Predigt, danach beginnt das
       Mittagsgebet. Erst jetzt zeigt sich, wer Besucher und wer Gemeindemitglied
       ist. Die Mitglieder versammeln sich in der Mitte des Raums, knien nieder.
       Sie sind an diesem Tag, wie so häufig, in der Unterzahl, zu zehnt.
       
       Hermann stört das nicht. 24 Ehrenamtliche würden sich derzeit in der
       Moschee engagieren, sagt er, hinzu kämen Besucher, die regelmäßig
       vorbeischauen. Er geht davon aus, die Gemeinde wird wachsen.
       
       Andere Gemeindemitglieder sehen das weniger entspannt. An einem Freitag im
       Dezember sitzt Mohamed El-Asra auf dem weißen Teppich. Er hat gerade das
       Gebet gesprochen und bleibt noch, um sich mit den anderen auszutauschen.
       
       El-Asra ist von Anfang an dabei. Ein zurückhaltender, höflicher Mann. 54
       Jahre alt, Architekt, in Ägypten geboren, seit 30 Jahren in Deutschland.
       Sein Nachname ist geändert, er möchte lieber anonym bleiben. „Ich habe mich
       in den konservativen Moscheen nie wohl gefühlt“, sagt er, zu politisch
       seien die Predigten, zu oft gegen das Leben in Deutschland gerichtet. Zwei
       Jahre sei er deshalb in keiner Moschee mehr gewesen. Dann erfuhr er von
       Seyran Ateşs Projekt. 
       
       „Wir werden nicht mehr, vor allem Junge fehlen und das beunruhigt mich“,
       sagt El-Asra. „Ich habe Angst, dass die Idee von einem deutschen Islam dann
       stirbt.“ Ein deutscher Islam, das bedeutet für ihn: den Wurzeln verbunden
       und doch der Gesellschaft zugewandt.
       
       ## Skepsis, Ablehnung, Druck
       
       Die Berichte im Fernsehen und in den Zeitungen, sie hätten der Moschee
       schon gutgetan, sagt Mohamed El-Asra und überlegt einen Moment. „Die
       meisten Muslime aber erreicht man damit nicht. Man müsste in die Moscheen
       gehen und die Leute direkt ansprechen.“ Und wohl auch für die Idee kämpfen.
       So wie Seyran Ateş es bei ihren öffentlichen Auftritten tut. Er selbst sei
       aber kein Kämpfer, sagt El-Asra.
       
       Neben ihm steht ein junger Mann und hört aufmerksam zu. Er hat schwarzes,
       krauses Haar und Bartflaum. „Einige Muslime sind einfach noch nicht so
       weit“, sagt er, „und andere – das ist die Mehrheit – haben einfach Angst.“
       Er klingt wie seine Tante, wenn er das sagt. Der junge Mann, Tugay Tunc,
       20, ist der Neffe von Seyran Ateş.
       
       Es gibt ein Video von der Moschee-Eröffnung, da umarmt er seine Tante.
       Ehemalige Mitschüler haben es auf YouTube gesehen. Einige, sagt Tunc – sein
       Name ist zu seinem Schutz auch geändert –, hätten ihn daraufhin gemieden.
       „Für die war ich ein Verräter.“ Es habe in seiner Klasse Schüler gegeben,
       Mädchen vor allem, die wären gern in die Moschee gekommen, trauten sich
       aber nicht. Die Skepsis, die Ablehnung, der Druck – sie müssen groß sein in
       der Community.
       
       Keine 800 Meter von der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee entfernt, in einem
       unscheinbaren Wohnblock in der Rathenower Straße, liegt das Haus der
       Weisheit, Darul Hikma heißt es auf Arabisch. Eine Glastür führt in einen
       schmalen Flur, von dort geht es links in einen großen Raum mit niedriger
       Decke. Durchquert man ihn, gelangt man in den nächsten Raum. Das Gebäude
       wirkt wie eine riesige Wohnung, in der man alle Türen aus den Angeln
       gehoben hat. Und in der es an diesem Freitag von Menschen wimmelt.
       
       Es ist halb eins, Zeit fürs Mittagsgebet. Männer sitzen, Schulter an
       Schulter, auf dem roten, goldverzierten Teppich. Die meisten sind über 30,
       einige tragen Mäntel, andere Sakko oder Blaumann, sie haben gerade
       Mittagspause. Lange Bärte und traditionelle Gewänder sind die Ausnahme,
       Frauen sieht man keine.
       
       ## Heikle Auseinandersetzung
       
       Das arabische Gemurmel verstummt erst, als der Imam, ein älterer Mann mit
       grauem Bart und weißer Kappe, den Raum betritt. Er geht die schmale, etwa
       anderthalb Meter hohe Kanzel hinauf, in der Hand ein paar Blätter dicht
       beschriebenen Papiers. Etwa dreißig Minuten dauert seine Predigt, er hält
       sie auf Arabisch. Der Imam legt ruhig los, wird dann schneller, lauter,
       beginnt wild zu gestikulieren. Seine Stimme bricht fast, so aufgewühlt
       wirkt er in einem Moment. Die Augen der Männer sind die ganze Zeit auf ihn
       gerichtet.
       
       Es ist neben den fehlenden Frauen der wohl deutlichste Unterschied zwischen
       der Ibn-Rushd-Goethe-Gemeinde und der im Haus der Weisheit: Hier darf nicht
       jeder predigen, es gibt eine klare Hierarchie – der Imam predigt, die
       Gemeinde horcht.
       
       Für Interviews hat der Imam vom Haus der Weisheit keine Zeit, nicht an
       diesem Freitag, nicht in den drei Wochen danach. Dafür ist ein
       Gemeindemitglied zu einem Gespräch bereit: Mustafa Nasser, 68, kariertes
       Hemd, ernster Blick, höflich, aber reserviert, sitzt zwei Wochen später in
       einem Nebenraum der Moschee und lädt zu Manakish, der arabischen Pizza, und
       Ayran. Wie die meisten anderen will auch er in diesem Text nur anonym
       auftauchen – ein Zeichen dafür, wie heikel die Auseinandersetzung mit den
       verschiedenen Auslegungen des Islam oft ist.
       
       Nasser kam Anfang der Sechziger aus Ägypten nach Deutschland. Er arbeitete
       als Bauingenieur, später beim Bezirksamt, heute ist er im Ruhestand. Warum
       er gerade in diese Moschee komme? Weil sie nicht politisch sei, sagt er.
       „Hinter dieser Moschee steht kein Staat. Sie ist nicht einmal Mitglied in
       einem Verband“, sagt er. Um unabhängig zu sein, lebe die Moschee allein von
       Spenden.
       
       Das Haus der Weisheit ist eine Institution in Moabit. 1995 in einem
       Hinterhof in der Waldstraße gegründet, kamen schnell mehr Menschen, als das
       Haus fassen konnte. Freitags drängten sie sich auf der Straße, die Nachbarn
       beschwerten sich. Als die Räume in der Rathenower Straße frei wurden,
       übernahm die Gemeinde auch sie. Zwei Standorte hat sie seitdem und 400
       Mitglieder. Die meisten sind Palästinenser, geflohen vor dem Bürgerkrieg im
       Libanon; es kommen aber auch Ägypter, Jordanier, Syrer. 2015 schliefen
       viele Geflüchtete in den Räumen der Moschee.
       
       ## Eine unsichtbare Grenze
       
       Deutsche ohne Migrationshintergrund, sagt Mustafa Nasser, sehe man hier
       selten, weil die Predigten auf Arabisch seien. „In den Ferien, wenn auch
       die Kinder zum Gebet kommen, werden sie auch auf Deutsch übersetzt.“ Dann
       wird Nasser unterbrochen. Die Lautsprecher knacken kurz, dann: der Rhythmus
       von Trommeln, über den sich eine Männerstimme legt.
       
       Wie jeden Freitagabend trifft sich die Gemeinde zum Musizieren. Etwa
       zwanzig Männer sitzen vor der Kanzel im Kreis, einige auf Stühlen, andere
       auf dem Boden. Direkt neben der Kanzel: ein etwa 30-jähriger Mann mit einem
       Mikrofon, die Augen geschlossen, versunken im Gesang.
       
       Rechts gelangt man in den hinteren, versteckten Teil des Raums. Hier sitzen
       die Frauen. Zehn sind es an diesem Abend. Sie knien, das Haar verschleiert,
       auf dem Teppich. Plötzlich löst sich ein kleines Mädchen aus der Gruppe,
       vielleicht sechs Jahre alt, mit roten Locken. Es läuft in den vorderen Teil
       des Raums, legt ihrem singenden Vater freudestrahlend die Hand auf den
       Rücken. Nicht ahnend, dass es gerade eine unsichtbare Grenze überschritten
       hat.
       
       Mustafa Nasser bezeichnet seine Gemeinde als liberal. Zum Beispiel, weil
       hier musiziert wird. Für erzkonservative Muslime ist Musik haram, verboten.
       Doch es gibt einen Unterschied zwischen liberal und liberal, eine
       Trennlinie. Und die verläuft genau hier in diesem Raum. Für Nasser bedeutet
       liberal auch: an der deutschen Gesellschaft orientiert. Projekte wie die
       Moschee von Seyran Ateş findet er daher gut, er war auch selbst schon mal
       da.
       
       Die Medien, sagt er, hätten ein Riesending daraus gemacht. „Dabei ist die
       Moschee gar nicht so anders: Es gibt eine Predigt, ein Gebet, danach Zeit
       zum Reden.“ Das Einzige, was ihm zu weit geht: „Männer und Frauen dürfen
       nicht zusammen beten. Das ist gegen die Religion.“
       
       ## Die Sache mit den Frauen
       
       Egal, ob man konservative oder vermeintlich liberale Muslime fragt,
       letztlich haben die meisten von ihnen dasselbe Problem mit der neuen
       Moschee: die Sache mit den Frauen, dass sie predigen dürfen und mit den
       Männern in einer Reihe beten. Viele kritisieren auch die fehlende
       Ausbildung von Ateş. Ein Imam findet, ihrer Moschee fehle das theologische
       Fundament. Andere argumentieren weltlich: Frauen, die sich beim Gebet nach
       vorn beugen, lenken die Männer ab.
       
       In der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft hingegen hat genau dieser
       Aspekt die Moschee von Ateş so beliebt gemacht. In regelmäßigen Abständen
       kommen dort Schulklassen vorbei, Bürgerinitiativen, Mitglieder
       verschiedenster Parteien. Längst ist die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee zu einem
       Anlaufpunkt für Nichtmuslime geworden, an dem sie Fragen zur Religion
       stellen können. Sie gilt vielen als Gegenentwurf zu einem vermeintlich
       rückschrittlichen Islam.
       
       Das macht sie auch für die sogenannten Islam-Kritiker interessant. Hamed
       Abdel-Samad war hier, Henryk M. Broder. Vereinzelt gab es auch Beifall von
       der AfD.
       
       Viele Imame und Besucher traditioneller Moscheen stören sich am gewaltigen
       Medienecho. Der Islam, der in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gepredigt werde,
       ist dann häufig zu hören, sei einer, der sich den Nichtmuslimen anbiedere.
       Ein Islam, so drückt es ein Imam der Ahmadiyya-Gemeinschaft aus, der „die
       Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft erfüllt“.
       
       Ateşs Projekt wird von einigen Muslimen aber auch aus einem ganz anderen
       Grund kritisch beobachtet, nicht wegen des Revolutionären,
       Aufgeschlossenen. Sondern weil die Idee gar nicht so neu ist, wie sie
       scheint. Reformistische Moschee-Gemeinden gibt es weltweit, in den USA,
       Großbritannien, Malaysia. Und in Moabit. 
       
       ## „Die Einteilung in Gut und Böse ist zu simpel“
       
       Geht man von der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee zwei Kilometer in Richtung
       Westen, steht man vor einem Backsteinbau. Die Reformationskirche. An einem
       Sonntag Anfang Juli sitzen hier in einem Nebenraum etwa dreißig Menschen
       auf Bierbänken. Teller werden herumgereicht, es gibt Hummus, Salat,
       Baklava.
       
       Die Leute, die sich hier treffen, gehören zum Liberal-Islamischen Bund
       (LIB), einer Vereinigung von Muslimen, die sich als progressiv verstehen.
       Der Verein, 2010 von der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gegründet,
       lebt schon seit Jahren das, was Seyran Ateş postuliert: Imaminnen sprechen
       das Gebet, Frauen beten neben Männern, Homosexuelle sind willkommen.
       
       Nushin Atmaca, 33, ist die Vorsitzende des Vereins. „Die Predigten in
       traditionellen Moscheen sind mir zu realitätsfern, die Einteilung in Gut
       und Böse zu simpel. Und das Bild vom strafenden Gott ist einfach zu
       einseitig“, sagt sie, während sie durch den Raum führt. „Man kann da nicht
       wirklich diskutieren.“ Atmaca hat die Berliner Gemeinde des LIB mit
       aufgebaut. Eine eigene Moschee hat der Verein zwar nicht, die
       Reformationskirche Moabit überlässt ihnen aber seit drei Jahren den
       Nebenraum. Einmal im Monat kommen die Mitglieder hier zusammen, besprechen
       gesellschaftliche und religiöse Themen und beten.
       
       An diesem Sonntag steht noch etwas anderes auf dem Programm. Die Gruppe
       steht auf, geht hinüber in den Kirchensaal. Die anderen sind schon da: die
       Christen. Alle singen, erst christliche Lieder, auf Deutsch, dann
       muslimische, auf Arabisch.
       
       Die Berliner Gemeinde des Liberal-Islamischen Bunds ist, ähnlich wie die
       Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, überschaubar: 25 Mitglieder sind es zur Zeit.
       Warum nicht mehr Menschen kommen? Es gebe viele liberale Muslime, sagt
       Nushin Atmaca, „die leben ihren Glauben aber für sich und gehen nicht in
       die Moschee“.
       
       Das Verhältnis zwischen dem Liberal-Islamischen Bund und der
       Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ist – aller inhaltlichen Parallelen zum Trotz –
       kühl. Atmaca hält einige von Ateşs Positionen für problematisch: ihr
       Eintreten für ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen zum Beispiel oder ihre
       ständige Kritik an konservativen Muslimen. Eine progressive Auslegung des
       Islam, sagt Atmaca, müsse auch konservative Sichtweisen respektieren. 
       
       ## Menschen, die von sich aus zusammenkommen
       
       Eine Kooperation zwischen LIB und Ateşs Moschee gibt es nicht, zumindest
       nicht auf Leitungsebene. Bei den Mitgliedern sieht es schon anders aus. 
       
       Da ist zum Beispiel Regine Zabel. Graues T-Shirt, locker ums Haar
       gebundenes Tuch; sie singt an diesem Sonntag auch in der Kirche. Drei
       Monate später trifft man sie in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. „Ich fühle
       mich hier wohl“, sagt sie. Und das, obwohl auch sie manches hier für falsch
       und kontraproduktiv hält: Ateşs vehementer Kampf gegen das Kopftuch oder
       Abdel-Hakim Ourghis „Thesenanschlag“ an einer Neuköllner Moschee, mit dem
       er sein Buch „Reform des Islam: 40 Thesen“ bewerben wollte. 
       
       Regine Zabel, Mitte 40, ihr Nachname ist ein anderer, sagt, sie habe in
       traditionellen Moscheen mitunter das Gefühl, die Männer würden sie nur als
       Frau, nicht als Menschen wahrnehmen. Einmal hat sie den Islam-Unterricht
       für Frauen in einer solchen Moschee besucht. Die Frau hat dem Mann zu
       gehorchen, hieß es da. Vorgetragen von einer Frau wohlgemerkt. „Da dachte
       ich: Was soll das denn? Ich war mein Leben lang Feministin, ich habe noch
       nie einem Mann gehorcht.“
       
       Dem Liberal-Islamischen Bund bleibt Zabel treu, sie geht inzwischen aber
       auch regelmäßig in die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, vor allem freitags, zum
       Unterricht. Dort lernt sie, den Koran zu rezitieren.
       
       Wird Seyran Ateşs Projekt dem Liberal-Islamischen Bund die Aufmerksamkeit
       der Öffentlichkeit und vielleicht sogar Mitglieder streitig machen? Ateş
       sagt, es sei nicht ihr Problem, dass ihr Projekt das bekanntere sei. Die
       Vorsitzende des LIB Nushin Atmaca sagt: „Wir verschließen uns einem Dialog
       mit der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee nicht.“ Irgendwann will der LIB aber auch
       eine eigene Moschee, nicht nur einen Nebenraum. 
       
       Regine Zabel ist vor allem eines wichtig: Eine Gemeinde, die sich bewegt.
       Menschen, die von sich aus zusammenkommen.
       
       8 Jan 2018
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sascha Lübbe
       
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       der islamischen Minderheit eine Tugend
       
   DIR Streit bei Berlins Grünen: Für und gegen das Kopftuch
       
       Säkulare Grüne sind gegen eine Aufweichung des Neutralitätsgesetzes – und
       opponieren gegen ihren Justizsenator. Überparteiliche Initiative in
       Gründung.
       
   DIR Ateş und saudische Vereinsfinanzierung: Der Feind meines Feindes
       
       Seyran Ateş ist das deutsche Gesicht der Kampagne „Stop Extremism“. Jetzt
       werden Vorwürfe laut, diese sei mit saudischen Geldern finanziert worden.
       
   DIR Kopftuchverbot an Schulen: Berlin für Grundsatzentscheidung
       
       Die Schulsenatorin engagiert Seyran Ateş, um das Kopftuchverbot für
       Berliner Lehrerinnen zu retten. Die Anwältin ist unter Muslimen umstritten.