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       # taz.de -- Neues Buch von Michel Houellebecq: Flirt mit dem Willen
       
       > Kontemplatives Kunstverständnis: In Michel Houellebecqs Eloge auf den
       > Philosophen Arthur Schopenhauer lauscht ein Pessimist dem anderen.
       
   IMG Bild: Für ihn gilt Schopenhauers Satz: „Die eigentlich großen Geister horsten, wie die Adler, in der Höhe, allein.“ – Michel Houellebecq, Archivbild aus dem Jahr 2015
       
       Mit Schopenhauer ist das so eine Sache. In Philosophieseminaren an der Uni
       konnte man immer wieder auf Teilnehmer stoßen, kauzige, verschlossene
       Typen, die, ganz gleich, was gerade Thema war, plötzlich mit einer
       Wortmeldung um die Ecke kamen. Sinngemäß schlugen sie meistens vor, als
       Lösung für alles quasi, sich doch am besten an Schopenhauer zu halten. Um
       dann, wenn ihr Begehr auf taube Ohren stieß, zu verstummen.
       
       Anscheinend übt Schopenhauer eine nicht ganz ungefährliche Faszination
       [1][auf seine Leser aus]. Auch der französische Schriftsteller Michel
       Houellebecq bekennt sich in seinem Büchlein „In Schopenhauers Gegenwart“ zu
       Größe und Bedeutung des Philosophen. In aller Bescheidenheit reklamiert
       Houellebecq darin, dass seit 1860, dem Todesjahr Schopenhauers, auf
       intellektueller Ebene „nichts mehr passiert ist“.
       
       Houellebecq lobt an Schopenhauer etwa ein „geschlossenes philosophisches
       System“, das sich bei Thomas Mann oder Sigmund Freud nicht finde. Nun gut,
       könnte man einwenden, die Herren waren eben keine Philosophen, da sucht man
       im Zweifel vergeblich nach derlei Dingen. Und überhaupt habt sich das mit
       den Systemdenkern nach Schopenhauer in der Philosophie mehr oder minder
       erledigt. Worin das System bei Schopenhauer besteht, dass die Begriffe
       „Vorstellung“ und „Wille“ dafür zentral sind, kann man ohne Vorbereitung
       bei Houellebecq allerdings nicht recht nachvollziehen. Doch das nur am
       Rande.
       
       Houellebecq tritt insofern wirklich bescheiden auf, als er die Hälfte der
       knapp 70 Seiten Text seinem Objekt der Bewunderung im Original einräumt.
       Die Auswahl der Schopenhauer-Zitate ist mehr oder minder repräsentativ für
       dessen Denken, den Kontext muss man sich überall ein bisschen dazu denken.
       
       Es sind eher Schnappschüsse, mit denen Houellebecq aufwartet. Mit mehr oder
       minder erhellenden Einlassungen des Schriftstellers umrahmt.
       
       Toll findet er an Schopenhauer besonders, dass dieser sich als „Philosoph
       des Willens“ betätigt hat. Dass Schopenhauer damit Neuland betreten habe,
       das niemand vor ihm und auch nach ihm kaum jemand betreten habe, kann man
       allerdings nicht einfach so stehenlassen. In einem Sinn stimmt es wohl: So,
       wie Schopenhauer den Begriff „Willen“ deutet, haben das tatsächlich wenige
       sonst getan. Andererseits führt Houellebecq durchaus Spinoza an, dessen
       Begriff des Conatus, des Selbsterhaltungstriebs, vereinfacht gesprochen,
       ein direktes Vorbild für Schopenhauers Willensbegriff war. Womit
       Houellebecq sich im Grunde selbst widerspricht.
       
       ## Gar nichts tun
       
       Allemal interessant ist das kontemplative Kunstverständnis, das Houellebecq
       bei Schopenhauer entdeckt. Demnach ist ein Künstler weniger jemand, der
       Werke produziert, als jemand, der die Welt in einer bestimmten Weise
       anschaut. „Der Künstler ist immer einer, der ebenso gut gar nichts tun
       könnte,“ so Houellebecq, „der allein mit der Versenkung in die Welt und
       einer damit verbundenen vagen Träumerei zufrieden wäre“. Umgekehrt kann die
       Kunstproduktion der Kunst selbst sogar abträglich sein. Als Gedanke allemal
       reizvoll, wenn auch nicht gänzlich im Sinne des Kunstmarkts.
       
       Über ein weihevolles Lob kommt Houellebecq ansonsten kaum hinaus. In Sätzen
       wie: „Er stellte die Wahrheit systematisch über die Originalität, was für
       jemanden von seinem Niveau alles andere als einfach gewesen sein muss“,
       offenbart sich bei Houellebecq zudem ein merkwürdiges (Miss-)Verständnis
       der Philosophie als solcher. Dass hier ein erklärter Pessimist
       hingebungsvoll dem anderen lauscht, geht aber alles in allem in Ordnung.
       
       15 Oct 2017
       
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