URI:
       # taz.de -- NS-Verbrechen in der Sowjetunion: Neue Ermittlungen gegen alte Nazis
       
       > Bei der Stelle zur Aufarbeitung von NS-Verbrechen laufen neue Verfahren
       > gegen KZ-Mitarbeiter. Dem Wiesenthal-Center dauern sie zu lange.
       
   IMG Bild: Massengrab ermordeter Juden in Babi Yar nach der Exhumierung durch die Rote Armee im Jahr 1944
       
       Berlin taz | Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen wird noch
       in diesem Jahr die Vorermittlungen gegen weitere mutmaßlich kriminelle
       Alt-Nazis abschließen und an die zuständigen Staatsanwaltschaften
       weiterleiten. Das sagte der Leiter der Einrichtung, Oberstaatsanwalt Jens
       Rommel der taz.
       
       Die Fälle beziehen sich nach Rommels Aussage vor allem auf Personen, die in
       Konzentrationslagern eingesetzt worden waren. Ob auch Vorermittlungen gegen
       Personal der SS-Einsatzgruppen abgeschlossen werden könne, sei dagegen noch
       unklar. Auf eine Zahl der Verfahren wollte sich Rommel nicht festlegen. Es
       werde aber angesichts des Alters der Verdächtigen von Jahr zu Jahr
       schwieriger, noch lebende mutmaßliche NS-Verbrecher zu finden.
       
       Ein veränderte Rechtssprechung erlaubt seit wenigen Jahren auch dann eine
       Anklage und Verurteilung von NS-Tätern wegen Beihilfe zum Mord, wenn diesen
       kein individueller Mord nachgewiesen werden kann. Dabei gilt allein ihre
       Anwesenheit in einem Vernichtungslager zur Verurteilung, da die Personen
       dort mit ihrer Tätigkeit die Morde begünstigt haben.
       
       Dies hat der Bundesgerichtshof bestätigt. Ob diese Rechtsprechung auch auf
       Täter aus den Reihen der Einsatzgruppen angewendet werden kann, ist
       ungeklärt, da es noch kein entsprechendes Verfahren gegeben hat.
       
       ## Acht lebende Verdächtige
       
       Die Zentrale Stelle in Ludwigsburg ermittelt derzeit gegen acht Angehörige
       der Einsatzgruppen, davon fünf von der Einsatzgruppe A und drei der
       Einsatzgruppe C. Grundlage dieser Recherchen ist eine Liste von 80
       Personen, die das Wiesenthal-Center in Jerusalem 2014 zur Verfügung
       gestellt hatte. Diese acht seien noch am Leben, sagte Rommel.
       
       Der als Nazi-Jäger geltende Efraim Zuroff vom Wiesenthal-Center hat den
       Ludwigsburgern zu schleppende Ermittlern vorgeworfen. „Wir befinden uns in
       einem Rennen gegen die Zeit, um möglichst viele Täter des Holocaust vor
       Gericht zu bringen“, sagte er. „Worauf warten sie? Darauf, dass sie
       sterben? Dass sie krank werden und nicht mehr vor Gericht gestellt werden
       können?“
       
       Rommel erklärte die lange Verfahrensdauer mit den schwierigen Ermittlungen.
       Es sei noch nicht geklärt, zu welcher Untereinheit die betroffenen Personen
       gehörten. Entsprechend könne man auch noch nicht sagen, ob und welche
       Verbrechen sie begangen hätten.
       
       ## Judenmord hinter der Front
       
       Die Einsatzgruppen waren mobile Mord-Einheiten, die vor allem in der
       Sowjetunion hinter der Front zum Judenmord eingesetzt wurden. Sie
       erschossen ab 1941 mindesten 600.000 Menschen. Den Einsatzgruppen gehörten
       vor allem SS-Männer und Polizisten an. Angehörige der Einsatzgruppe C waren
       es, die in der Schlucht von Babi Yar bei Kiew im September 1941 mehr als
       30.000 Juden erschossen.
       
       Dem ARD-Magazin „Kontraste“ war es gelungen, zwei der drei Verdächtigen
       ausfindig zu machen, die der Einsatzgruppe C angehörten. Der heute
       94-Jährige Kurt G. sagte dem Magazin, er habe hinter der Front gearbeitet
       und dort Fahrzeuge repariert. Er sei selbst überrascht gewesen, nach dem
       Krieg zu hören, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden. Herbert W. (95)
       wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.
       
       29 Sep 2017
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Klaus Hillenbrand
       
       ## TAGS
       
   DIR NS-Straftäter
   DIR NS-Verbrechen
   DIR NS-Verbrechen
   DIR Ukraine
   DIR Juden in der Ukraine
   DIR Simon-Wiesenthal-Center
   DIR Konzentrationslager
   DIR Simon-Wiesenthal-Center
   DIR Tutsi
   DIR Schwerpunkt Nationalsozialismus
   DIR Ukraine
   DIR Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums: „Top Ten“ antisemitischer Vorfälle
       
       Das Wiesenthal-Zentrum benennt die zehn weltweit schwersten antisemitischen
       Vorfälle des Jahres 2018. Auch eine deutsche Bank taucht in der Liste auf.
       
   DIR Aufruf gegen Ruandas Völkermörder: Straflosigkeit muss ein Ende haben
       
       Die anhaltende Straflosigkeit für die noch flüchtigen Täter des ruandischen
       Völkermordes vergrößert das Leid der Überlebenden. Ein Appell.
       
   DIR Kriegsopferrente für NS-Täter: Sie kassieren weiter
       
       Seit 18 Jahren ist es möglich, Nazi-Tätern die Bezüge zu entziehen. Doch
       das geschieht kaum. Seit 2008 ist kein neuer Fall hinzugekommen.
       
   DIR Tagung zu Gedenkkultur in der Ukraine: „Den anderen in uns kennenlernen“
       
       Die Tagung „Kontroverse Erinnerungen“ fand in Babi Jar statt, wo die Nazis
       Zehntausende ermordeten. Im Fokus stand das Thema Opferkonkurrenz.
       
   DIR Kommentar Gedenken in Babi Jar: Raus aus der Schlucht!
       
       Die Ukraine tut sich schwer mit dem Gedenken an den Massenmord an Juden in
       der Schlucht von Babi Jar. Das gilt auch für Präsident Poroschenko.