# taz.de -- Bestseller-Adaption „Schloss aus Glas“: Tagelang Margarine mit Zucker essen
> Inszenierte Hippie-Familiengeschichte: Der Film „Schloss aus Glas“
> basiert auf dem autobiografischen Bestseller von Jeannette Walls.
IMG Bild: Die Eltern (Naomie Watts, Woody Harrelson) von Jeannette Walls vagabundierten lange durch die USA
Um ihr das Schwimmen beizubringen, warf er sie ins Wasser. Als sie hilflos
strampelnd nach unten sank, holte er sie wieder hoch – und warf sie noch
einmal hinein. Und noch ein Mal – bis sie sich allein über Wasser halten
konnte. Dass sie danach stinksauer auf ihn war, sich verängstigt, gekränkt,
im Stich gelassen fühlte, konnte er nicht verstehen. Im Gegenteil: Er war
stolz auf sie! Sie habe schwimmen gelernt!
Jeannette Walls’ Memoiren über ihre Kindheit, „Schloss aus Glas“, sind
voller solcher Geschichten, die das zwiespältige Verhältnis zu ihrem Vater
Rex spiegeln. Seine Erziehungsmethoden waren, milde formuliert,
eigenwillig; er benahm sich oft rücksichtslos gegenüber seinen Kindern,
aber seine Liebe zu ihnen stand nie in Zweifel.
Ähnliches gilt für Jeannettes Mutter, die in Kauf nahm, dass ihre Kinder
hungerten, während sie sich als Künstlerin verwirklichen wollte. In
klassischem Tochterreflex schildert Jeannette im Buch das Verhalten der
Mutter als egoistisch und weltfremd, während sie für den Vater sehr viel
mehr Bereitschaft aufbringt, mögliche Ursachen für sein erratisches
Verhalten und seinen schweren Alkoholismus anzuführen.
Die Verfilmung war nur eine Frage der Zeit: Als „knallharte
Überlebensgeschichte“ machte „Schloss aus Glas“ bei seinem Erscheinen 2005
Schlagzeilen; die Erinnerungen einer Tochter aus einem nie aufgeräumten
Haus, deren Eltern durch die USA vagabundierten, einer Art hippiesken
Freiheit frönten und ihre vier Kinder in liebevoller Verwahrlosung
aufwachsen ließen, wurden zum Bestseller.
Zuerst sollte Jennifer Lawrence die Ich-Autorin spielen, als sie absagte,
wurde Brie Larson engagiert. Auch für die übrigen Familienmitglieder fand
sich eine Besetzung, die dem Etikett „261 Wochen auf der Bestseller-Liste
der New York Times“ entspricht: Naomie Watts spielt die Mutter, Woody
Harrelson den Vater. Als Regisseur verpflichtete man Newcomer Destin Daniel
Cretton, der mit seinem Sozialarbeiterdrama „Short Term 12“ 2013 einen mit
Festivalpreisen überschütteten Indie-Hit landete und dabei Brie Larson zu
ihrer ersten vielbeachteten Rolle verhalf.
## Bestens geschnürtes Paket
Packender Stoff, namhafte Besetzung, aufstrebendes Talent im Regiestuhl –
auf dem Papier klingt das nach einem bestens geschnürten Paket,
losgeschickt zum sicheren Kinoerfolg. Dem Film merkt man diesen
Paketgedanken leider in jeder Szene an.
Zunächst ist das gar nicht störend: „Schloss aus Glas“ setzt mit derselben
schockierenden Geschichte ein, mit der auch Walls’ Buch beginnt. Die
sechsjährige Jeannette setzt sich beim Würstchenkochen in Brand und landet
mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus. Dort erkundigen sich besorgte
Schwestern und Ärzte nach ihren häuslichen Umständen, während ihre wilde
Familie lautstarke Besuche abstattet.
Eines Tages veranstaltet ihr kleiner Bruder Brian Radau auf den
Krankenhausfluren, damit Vater Rex sie unbemerkt hinaustragen kann, wo mit
laufendem Motor das Familienauto wartet. Ob ihr Vater die
Krankenhausrechnung prellen wollte, ob er sich paranoid verfolgt fühlte
oder ob das Ganze nur eine Spaßinszenierung war, bleibt im Buch wie im Film
völlig offen. Die sechsjährige Jeannette konnte es nicht durchblicken, die
45-jährige Memoiren-Schreiberin enthielt sich der Spekulation, und der Film
genügt sich in der mitreißend-rebellischen Energie, die solche Szenen an
sich haben.
## Schräger Charme
Damit ist die verpasste Chance dieser Verfilmung auf den Punkt gebracht.
Wie um den schrägen Charme des thematisch ähnlichen, aber auf fiktivem
Stoff beruhenden „Captain Fantastic“ nachzuahmen, reiht „Schloss aus Glas“
die einzelnen Anekdoten über tagelanges Margarine-mit-Zucker-Essen aus
Walls’ Buch illustrierend aneinander.
In abgedroschener Weise springt er zwischen einem „Jetzt“, in dem Larson
mit tieftraurigen Augen agiert und über ihr Verhältnis zu Herkunft und
Eltern nachdenkt, und einem chronologischen „Damals“ hin und her. Der Film
wiederholt nicht nur Jeannettes ungleiche Behandlung der Eltern, ihren
kaltkritischen Blick auf ihre Mutter und den verständnisvollen auf den
Vater, er bestärkt ihn noch, indem er Harrelson viel Raum zum
ansprechend-erratischen Schauspielern einräumt, während Watts kaum Szenen
mit Handlung bekommt.
Das Buch verdankt seinen Erfolg der implizit aufgeworfenen Frage nach den
Werten einer „richtigen“ Erziehung; der Film traut sich keinen Schritt
weiter als das schlussendliche „Unser Vater war sehr originell“.
21 Sep 2017
## AUTOREN
DIR Barbara Schweizerhof
## TAGS
DIR Romanverfilmung
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