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       # taz.de -- Wahlkampf in Berlin-Kreuzberg: Die drei Linken vom Kotti
       
       > Canan Bayram ist die Favoritin in Berlin-Kreuzberg. Die Grünen haben in
       > ihrer Hochburg aber mit starker Konkurrenz zu kämpfen.
       
   IMG Bild: Was Kreuzberg bewegt: bezahlbarer Wohnraum
       
       Anfang Juli, zweieinhalb Monate vor der Bundestagswahl, beginnt im
       alternativsten Wahlkreis der Republik der Wahlkampf ohne die Grünen. Wo ist
       Canan Bayram? In ein paar Minuten soll in einem backsteinroten
       Familienzentrum das Politiker-Speeddating losgehen – Wähler treffen und
       interviewen ihre Kandidaten. Die Themen: Wohnungsnot und Kinder, die sich
       kein Fahrrad leisten können. Doch um kurz nach drei ist die grüne
       Kandidatin noch nicht da.
       
       In dem Café des Familienzentrums hat sich eine Handvoll Frauen um Tische
       verteilt, die man gut abwischen kann. Fast alle haben ihre Kinder an der
       Hand. Sie wohnen im Kiez, kommen aus der Türkei, dem Libanon, engagieren
       sich als Stadtteilmütter in der benachbarten Schule. Nicht alle dürfen
       wählen. Fragen haben sie trotzdem.
       
       Ihnen gegenüber sitzt Cansel Kiziltepe, die Kandidatin der SPD. Klein und
       im roten Blazer. Sie kennt viele der Frauen persönlich. Hier ist sie nicht
       Frau Kiziltepe, sondern Cansel. Cansel aus Kreuzberg. Die benachbarte
       Schule: Dort hat sie Abitur gemacht. Die Stadtteilmütter: ein Projekt, das
       sie seit Langem begleitet.
       
       Sie schüttelt Hände, verteilt Küsschen, fragt nach der Familie. Pascal
       Meiser, Kandidat der Linken, kommt etwas später. Die Leiterin des
       Familienzentrums verhaspelt sich, als sie ihn vorstellt. Aus Meiser wird
       Meier. Aber Kiziltepe, das sitzt. Canan Bayram kommt nicht mehr.
       
       ## Das einzige Direktmandat der Grünen steht auf dem Spiel
       
       Später wird sich herausstellen: Sie saß im Innenausschuss im Berliner
       Abgeordnetenhaus zum Fall Anis Amri, dem Terroristen vom Breitscheidplatz.
       Bayram wird in den kommenden Wochen öfter Wahlkampfveranstaltungen absagen,
       weil sie Termine im Abgeordnetenhaus hat. Bayram, die pflichtbewusste
       Anwältin, steigt später in den Wahlkampf ein als ihre Kontrahenten.
       
       Als Kiziltepe längst ein Hashtag etabliert hat, [1][#Kiezregiert], ist die
       Kampagne für Bayram noch nicht richtig losgegangen. Im Juli erzählen
       Parteifreunde von den Grünen, dass ihre Kandidatin an Wahlständen im
       bürgerlichen Teil von Kreuzberg noch weitgehend unbekannt sei, und geben
       zu: In den Medien ist sie auch nicht wirklich präsent.
       
       Dabei hat Bayram viel zu verspielen. Das erste und einzige Direktmandat der
       Grünen und [2][das Erbe des bekanntesten Direktkandidaten Deutschlands,
       Hans-Christian Ströbele]. Im Dezember letzten Jahres hatte der 78-Jährige
       erklärt, nach 19 Jahren im Bundestag nicht wieder anzutreten. Viermal
       hintereinander hatte er das Mandat gewonnen.
       
       Die Fußstapfen, oder besser: die Fahrradspur, die er hinterlässt, ist tief.
       Das macht den Kampf um das Direktmandat für den Wahlkreis 83,
       Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost, in diesem trägen Wahlsommer
       zu einem der spannendsten im ganzen Land. Nirgendwo sonst kämpfen gleich
       drei linke Kandidaten mit guten Chancen um ein Mandat. Eine Prognose sieht
       die SPD im Bezirk bei etwa 20 Prozent, die Linke bei 24 und die Grünen bei
       25 Prozent.
       
       ## Schimpfen auf die Mietpreisbremse
       
       Die erste Runde Speeddating beginnt, die Kandidaten verteilen sich an die
       Tische. Pascal Meiser, Pferdeschwanz und Kapuzenpullover, verteilt seine
       Broschüren. Rot. Mit der Überschrift: Bewerbung. Vier Frauen wollen von ihm
       wissen, wie die Linke zum Thema Wohnungsnot steht. Eine erzählt, dass sie
       keine Wohnung für ihre Familie findet. „Ich wohne auch in Kreuzberg, kenne
       das Problem also“, sagt Meiser und schimpft auf die Mietpreisbremse, die
       nicht funktioniert. Zustimmendes Nicken bei seinen Zuhörerinnen. Er rät:
       „Gehen Sie wählen, wenn sich was verändern soll.“
       
       Gong, die nächste Runde. Kiziltepe rückt auf Meisers Platz und sitzt nun
       vor den vier Frauen. „Mein Name ist Programm“, beginnt sie. Kiziltepe heißt
       auf Türkisch roter Berg. Sie erzählt von ihren zwei Kindern, von ihrer Zeit
       an der benachbarten Schule und dass Bildung ihre Chance zum Aufstieg war.
       „Mein Vater hat uns jeden Tag zu dieser Schule gebracht“, eine der ersten
       Ganztagsschulen in Berlin. „Das war unsere Rettung.“
       
       Kiziltepes Eltern sind Gastarbeiter der ersten Generation. Sie sei immer
       mit dem Gefühl aufgewachsen: Morgen geht es zurück in die Türkei. Ihre
       Eltern wohnen noch immer in Kreuzberg. Viele ihrer Freunde von damals haben
       das Abitur nicht geschafft, sind stecken geblieben auf dem Weg nach oben.
       Kiziltepe nicht. Das macht sie für die Frauen hier interessant. Sie ist
       Vorbild, Kiziltepe weiß das. Ihr Wahlkampf basiert auf ihrer Geschichte.
       Das Kind aus dem Kiez, das es nach ganz oben geschafft hat. Eine gute
       Geschichte.
       
       Wenn Berlin die Spielwiese für die privilegierte Jugend der Welt geworden
       ist, dann ist der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg das Miniatur-Wunderland
       der deutschen Linken. Hier leben Altlinke und Neulinke und Exlinke, Linke
       aus dem Osten und dem Westen. Es gibt türkische und kurdische Linke, genau
       so wie Grüne, Kommunisten, Antifas. SPD, Grüne und Linke bekamen 2013 hier
       über 70 Prozent der Stimmen.
       
       ## Wo Kreuzberg kein Szenebezirk, sondern noch Grenzstadt ist
       
       Auf kleinstem Raum lässt sich beobachten, wie sich die gesellschaftliche
       Linke in Deutschland verändert – und was das für die drei großen Parteien
       mit irgendwie linkem Anspruch bedeutet: Cansel Kiziltepe kämpft darum, jene
       Wähler zurückzugewinnen, die ihre Partei erst an die Grünen und dann an die
       Linken verloren hat. Wenn sie scheitert, bleibt die SPD auf ewig die
       20-Prozent-Partei. Sie sagt: „Kreuzberg soll wieder rot werden.“
       
       Pascal Meiser kämpft in dem Bezirk um die Stimmen der vielen Berliner, die
       nicht Meiser oder Meier heißen. Wenn er scheitert, bleibt seine Partei eine
       für den Osten. Er sagt: „Das Mandat wäre ein riesiger Erfolg.“ Canan Bayram
       muss beweisen, dass es auch linke Grüne noch schaffen, Wahlen zu gewinnen.
       Wenn sie scheitert, bleibt ihrer Partei nur das Modell Kretschmann. Sie
       sagt: „Klar, ich muss die retten.“
       
       Sechs Wochen nach dem Speeddating sitzt die selbsternannte Retterin der
       Grünen in einem kleinen Versammlungsraum in der Otto-Suhr-Siedlung am Rande
       Kreuzbergs und spricht über Wärmedämmung. Hier ist Kreuzberg kein
       Szenebezirk, sondern immer noch Grenzstadt. Das Viertel ist der ärmste Kiez
       der Stadt, 70 Prozent der Kinder leben von Hartz IV. Hier zeigt sich das
       drängende Thema des Wahlkampfs: die hohen Mieten. Einst gab es hier
       sozialen Wohnungsbau am Mauerstreifen, dann wurden die Wohnungen unter
       Rot-Rot privatisiert. Sie liegen im Herzen Berlins, in Laufweite zur
       Friedrichstraße. Investoren würden sagen: Toplage.
       
       Etwa 20 Bewohner der Siedlung sind in den kleinen Versammlungsraum
       gekommen. Sie treffen sich regelmäßig, seit ihr Vermieter, der
       Immobilienriese Deutsche Wohnen, Sanierungen und Mieterhöhungen angekündigt
       hat. Hier sitzt das alte, weiße Kreuzberg. Die Frauen tragen geföhnte
       Frisuren, die Männer Karohemden und Schirmmützen auf roten Köpfen. Es geht
       um Wasserschäden und Mietminderungen. Keine Revolution, aber echte Politik.
       Die Mieter reden wild durcheinander, sagen „Ach, halt die Klappe“
       zueinander. Die Protokollantin schüttelt den Kopf und resigniert.
       
       ## Stiller Wahlkampf im Stuhlkreis
       
       Bayram sitzt am Rand und hört lange still zu, bis sie angesprochen wird.
       Ihre Augen sind so wach, als gebe es nichts Schöneres, als am Montagabend
       nach einem langen Tag noch eine Mieterversammlung zu besuchen und über
       Schimmel zu reden. Bayram beantwortet Fragen zum Mietrecht, sie sagt, dass
       es wichtig sei, sich zu wehren, und bietet ihre juristische Hilfe beim
       Verfassen eines Briefs an.
       
       Die Mieter nicken. Das ist der Wahlkampf, der Bayram liegt. Eher leise als
       laut. Nicht auf dem Podium, sondern im Stuhlkreis. Konkret etwas machen,
       nicht reden. Das ist ihre Stärke, das ist auch ihr Nachteil. Denn Bayram
       nutzt die Gelegenheit nicht, um nach der Mieterversammlung noch Flyer zu
       verteilen. „Das ist nicht meine Art“, sagt sie später. Nur das grüne
       T-Shirt unter ihrem Blazer verrät, zu welcher Partei sie gehört.
       
       Seit elf Jahren sitzt sie im Abgeordnetenhaus. Bayram ist
       Friedrichshainerin, dort wird sie von Passanten auf der Straße umarmt. In
       Kreuzberg ist sie weniger bekannt. Bayram, 1966 geboren, kam mit sechs
       Jahren aus Anatolien ins Rheinland. Erst als Anwältin kam sie aus Bonn nach
       Berlin. „Trotzdem halten mich alle für eine Kreuzberger Türkin“, sagt sie.
       Im März hatten die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg sie als Kandidatin
       nominiert. [3][Die „neue Ströbelin“, schrieb die taz.]
       
       Bayram ist nicht die Erste, die als Nachfolgerin im Gespräch war. Schon vor
       vier Jahren wollte Ströbele aufhören und fragte in seiner Partei, wer sich
       vorstellen könne, ihm nachzufolgen. Doch andere Grüne schlugen das Angebot
       aus. Während für die Linke oder die SPD das Direktmandat eine Überraschung
       wäre, hat Bayram viel zu verlieren. Angst vor dem Erbe habe sie trotzdem
       nicht, sagt Bayram. „Es ist eine Ehre, nach Ströbele anzutreten.“ Wie
       Ströbele steht sie innerhalb der Partei weit links. Zu weit für einige.
       
       ## Wie geht Erfolg? Die Partei klein-, seine Person großmachen
       
       Erst distanzierte sich die Parteiführung von einem Plakat Bayrams mit dem
       alten Hausbesetzerspruch „Die Häuser denen, die drin wohnen“. Dann wurde
       öffentlich, dass Realo-Grüne in einem internen Diskussionsforum davon
       abrieten, die eigene Kandidatin zu wählen. Die Begründung: Ein Direktmandat
       für Bayram würde bei einem schlechten Zweitstimmenergebnis für die Grünen
       dafür sorgen, dass Renate Künast nicht über die Landesliste in den
       Bundestag einziehen kann.
       
       An Bayrams Wahlkampfstand im Betonschatten des Kottbusser Tors regen sich
       die jungen Wahlkämpfer auf: „Vollkommen bescheuert“ sei der Aufruf der
       Realos. Ein gutes Ergebnis für Bayram sei auch gut für die Zweitstimmen und
       damit für Künast. Bayram tut, als würde sie der Gegenwind aus der eigenen
       Partei nicht stören. Die Mail habe sie gar nicht gelesen, sagt sie, und
       Renate Künast, „deren Mann ich sehr schätze, einer der besten
       Strafverteidiger in Berlin“, sei die Geschichte sicher genauso peinlich.
       
       Nicht nur Teile der Partei distanzieren sich von der Kandidatin. Auch die
       Kandidatin bemüht sich um Abstand zur Partei. Das Parteilogo der Grünen
       sucht man lange auf den Wahlbroschüren und Flyern, die das Team von Canan
       Bayram im Stadtteil verteilt. Statt einer Sonnenblume sieht man einen
       stachligen Igel, das Symbol der Grünen im Bezirk.
       
       Bayram betont, dass sie nicht über die Landesliste abgesichert ist. Die
       Botschaft: Wer Bayram wählt, wählt nicht die Grünen. Schon Ströbele hat so
       Wahlkampf gemacht. Vielleicht ist das die größte Nähe Bayrams zu ihrem
       inhaltlichen Gegenpol bei den Grünen, zu Winfried Kretschmann. Für seinen
       Erfolg machte auch er die Partei klein und seine Person groß.
       
       ## Die Krux mit den Privilegien
       
       Wer in diesem Wahlkampf Sonnenblumen sucht, findet sie in Kreuzberg nicht
       bei den Grünen, sondern bei der Linken. Anfang September steht Pascal
       Meiser im Abendlicht auf der Kottbusser Brücke. Den Kapuzenpullover von
       seinem Wahlplakat hat er abgelegt, er trägt ein gebügeltes weißes Hemd.
       Seine Genossen vom Arbeitskreis Rote Beete haben hinter ihm auf einen
       Grünstreifen, der vorher als Pissoir für Junkies herhalten musste,
       Sonnenblumen gepflanzt.
       
       Meiser verteilt Blumensamen an Passanten, mittelerfolgreich. Die einen
       Passanten nehmen ihre iPhone-Stöpsel nicht aus den Ohren, andere schütteln
       mit dem Kopf und sagen: „Darf nicht wählen.“ Der Ausländeranteil liegt hier
       bei über 30 Prozent, und jene Kreuzberger Türken, die einen deutschen Pass
       haben, wählen vielleicht lieber eine Bayram oder eine Kiziltepe.
       
       Selbst die CDU und die FDP haben Kandidaten mit Migrationshintergrund
       aufgestellt. Es gibt Kreuzberger, die sagen: Die Linke würde ich wählen,
       aber nicht diesen „weißen Dude“. Glaubt Meiser selbst, dass er dadurch
       einen Nachteil hat? Er zögert, dann findet er seine Antwort nicht
       zitierfähig. Verständlich: Wer will schon darüber jammern, Privilegien zu
       haben.
       
       Meiser, 1975 geboren, stammt aus dem Saarland und lebt seit Ende der 90er
       in Kreuzberg. Er machte schnell in Gewerkschaft und Partei Karriere und
       leitet heute die Kampagnenabteilung der Linken. Von den drei linken
       Kandidaten in Kreuzberg ist er der größte Wahlkampfprofi. Für die letzten
       Wochen vor der Wahl wurde er freigestellt, um sich auf das Direktmandat zu
       konzentrieren. Und trotzdem: Am Wahlkampfstand auf der Kottbusser Brücke
       fragen Leute: „Ich kenn dich nicht, warum soll ich dich wählen?“ Einer
       sagt: „Dich würde ich ja wählen, aber das mit der Stasi.“
       
       ## In ihrer Hochburg viele Anhänger verloren
       
       Für die Linke wäre der Gewinn des Direktmandats ein großer Sieg: Es wäre
       das erste in einem Bezirk, der auch im Westen liegt. Und ein Symbol dafür,
       dass die Linke den Grünen die Rolle als Partei der urbanen Mittelschicht
       abnehmen könnte. Auch wenn man dafür ein paar Sonnenblumen braucht. „Seit
       ein paar Wochen merken wir: Es könnte ja wirklich klappen“, sagt Meiser und
       verweist auf eine Prognose für den Wahlkreis, die einen Zweikampf von
       Bayram und Meiser voraussagt. Er glaubt, dass es am Ende um wenige 100
       Stimmen gehen wird.
       
       Umso verwunderlicher ist es, dass die Linke keinen bekannteren Kandidaten
       aufgestellt hat. Das Gerücht: Der Soziologe und Gentrifizierungsexperte
       Andrej Holm soll als Direktkandidat der Partei im Gespräch gewesen sein.
       Holm bestätigt das auf Nachfrage der taz. Er sei vor einem Jahr gefragt
       worden, noch bevor er Staatssekretär in Berlin wurde. Holm entschied sich
       dagegen, weil er glaubte, in der Berliner Landespolitik mehr bewegen zu
       können. Meiser sagt dennoch: „Ich habe die Unterstützung meiner gesamten
       Partei. Und das ist bei uns nicht selbstverständlich.“
       
       Begleitet man die drei Direktkandidaten durch den Wahlkampf, wird deutlich,
       dass sich die deutsche Linke verändert hat. Die Grünen haben in ihrer
       einstigen Hochburg viele Anhänger verloren. Am Stand der Grünen hört Bayram
       immer wieder: Früher standet ihr noch für etwas. Die einen kritisieren die
       Religiösität von Parteichefin Katrin Göring-Eckardt, andere die
       Wirtschaftsnähe von Cem Özdemir. Man könnte auch sagen: Die Enkel der 68er
       wählen nicht mehr die Grünen, sondern die Linke.
       
       Die war nach Zweitstimmen bereits 2013 stärkste Partei im Bezirk. Die
       Grünen verloren über sechs Prozentpunkte, Ströbele konnte sein Direktmandat
       aber halten, weil er genug Wähler anderer Parteien überzeugen konnte.
       Bayram muss das Gleiche gelingen. Hoffnung darf sich auch die SPD machen,
       sie gewann 2013 dazu und wurde hinter der Linken stärkste Kraft im Bezirk.
       
       ## Vom Kuschelkurs zum Kampfmodus
       
       Auffällig ist bei aller Konkurrenz, dass sich die drei Kandidaten
       inhaltlich nicht besonders unterscheiden. Alle drei stehen innerhalb ihrer
       Parteien links und wollen sich für bezahlbare Mieten einsetzen. Nur: Meiser
       ist mit seinen Positionen auf Parteilinie, Bayram und Kiziltepe sind eher
       Außenseiterinnen.
       
       Spricht man die drei auf Unterschiede an, gibt Kiziltepe zu, dass da mehr
       Verbindendes als Trennendes sei – und viele ihrer SPD-Genossen sie fragten,
       warum sie nicht bei der Linken sei. Das soll sich jetzt ändern. Sie sei
       bisher zu kuschelig mit ihren Konkurrenten gewesen, sagt sie. „Ich bin
       jetzt im Kampfmodus.“ Kiziltepe will sich abgrenzen. Sie will zeigen:
       Bayram und Meiser sind die Neuen, sie dagegen ist schon immer Kreuzberg.
       
       Es ist Mittwochnachmittag, noch drei Wochen bis zur Bundestagswahl, als die
       Kandidaten in einer Schulaula aufeinandertreffen. Etwa 100 Schüler schauen
       zu den Kandidaten hoch, die auf der Bühne Platz genommen haben. Viele der
       Mädchen im Publikum tragen Kopftuch, viele Jungs gehen offenbar gern ins
       Fitnessstudio.
       
       Ein einziger junger Mann mit blonden Haaren sitzt in der Aula, doch der
       entpuppt sich später als Mitarbeiter des CDU-Kandidaten, der auch auf der
       Bühne sitzt. „Tschuldigung“, flüstert ein Schüler im Publikum, „geht es
       hier um den Bürgermeister von Kreuzberg?“ Das ist, betrachtet man Ströbeles
       Außenwirkung in den letzten Jahren, nicht ganz falsch.
       
       ## Eine absolute Mehrheit ist gar nicht immer wünschenswert
       
       Nico aus der zwölften Klasse moderiert die Veranstaltung. Er ist gerade 18
       geworden, für ihn ist es die erste Bundestagswahl. Zu Beginn sollen sich
       die Kandidaten mit drei Attributen vorstellen. Meiser fängt an, er beugt
       sich zum Mikro und sagt: „Ich bin extrem ungeduldig, wohne am Kotti und bin
       Fußballer.“ Die Schüler klatschen laut. Dann ist Bayram dran, sie sagt:
       „Ich bin Mutter, Politikerin und Anwältin.“ Die Schüler klatschen höflich.
       Dann kommt Kiziltepe, sie sagt: „Ich bin Mutter, Ökonomin – und habe hier
       an der Schule mein Abitur gemacht.“ Einige Schüler jubeln.
       
       Auf dem Podium zeigen die drei aussichtsreichen Kandidaten in den nächsten
       eineinhalb Stunden in kondensierter Form, was sie unterscheidet. Pascal
       Meiser will mit einfach verständlichen, linken Forderungen überzeugen.
       Canan Bayram, die Kümmererin, will den Bewohnern bei ihren Problemen im
       Alltag, mit Rassismus und der Miete helfen. Und Cansel Kiziltepe setzt auf
       ihre Biografie, die sozialdemokratische Erzählung vom Aufstieg durch
       Bildung: Ich bin eine von euch.
       
       Die Schüler fragen, was die Kandidaten tun würden, wenn ihre Partei die
       absolute Mehrheit im Parlament hätte. Meiser verspricht, Millionären ihr
       Geld wegzunehmen und keine Waffen mehr zu exportieren, und bekommt dafür
       Applaus. Kiziltepe spricht über die lokalen Initiativen im Kiez, ohne
       klarzumachen, was das mit der absoluten Mehrheit zu tun hat. Und Bayram
       erklärt den Schülern, dass eine absolute Mehrheit für eine Partei gar nicht
       wünschenswert sei. Das mag demokratietheoretisch sympathisch sein, verfängt
       aber im Publikum nicht.
       
       Bayram wird stark, als es um die doppelte Staatsbürgerschaft geht. Da
       erzählt sie, wie sie mit sechs Jahren aus Anatolien nach Deutschland kam
       und dass es zwar auf Deutsch Vaterland heiße, auf Türkisch aber anavatan,
       Mutterland: „Und warum sollte man nicht einen Vater und eine Mutter haben?“
       „Çüş“, murmeln viele Schüler anerkennend.
       
       ## Gar nicht zu wählen, ist auch eine Option
       
       Meiser spricht von den drei Kandidaten am mitreißendsten, Bayram ist
       zurückhaltend, klingt oft wie die Juristin, die sie ist. Als der
       CDU-Kandidat auf Sozialisten losgeht, die keine Ahnung von Wirtschaft
       hätten, legt Bayram ihrem Konkurrenten Meiser die Hand auf die Schulter.
       Auf die Frage, welchen der Kandidaten sie wählen würden, wenn sie nicht
       selbst zur Wahl stünden, sagt Kiziltepe, sie würde Meiser wählen. Nur
       Bayram sagt: „Man kann ja auch nicht wählen.“ Ganz so entspannt, wie sie im
       Wahlkampf rüberkommen möchte, ist sie nicht.
       
       Nach dem Ende der Podiumsdiskussion ist Kiziltepe gleich weg. Bayram gibt
       einem Lehrer Feedback zur Veranstaltung, dann wendet sie sich einem
       Parteifreund zu. Nur Meiser wird von Schülern umringt, die ihn fragen, wo
       sie denn mitmachen könnten. Nico, der Moderator, der in diesem Jahr zum
       ersten Mal wählen darf, will Meiser wählen. „Obwohl er die einzige
       Kartoffel ist.“ Dann fahren sowohl Bayram als auch Meiser mit dem Fahrrad
       davon. Ströbele würde sich freuen.
       
       19 Sep 2017
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://twitter.com/search?q=%23kiezregiert
   DIR [2] /Christian-Stroebele-zu-seinem-Abschied/!5366711
   DIR [3] /Gruene-waehlen-Stroebele-Nachfolgerin/!5388034
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Gesa Steeger
   DIR Kersten Augustin
       
       ## TAGS
       
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       Die Kreuzberger Grünen werben mit Häuserkampf – ganz zum Ärger der
       Bundesökos. Dabei sollten die über jede Chance der Profilierung froh sein.
       
   DIR Wahlkampf in Berlin: Die Flucht nach vorn
       
       Gleich drei Fachleute von Linken und Grünen für Flüchtlings- und
       Integrationspolitik wollen in den Bundestag. Zufall?