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       # taz.de -- Massaker am Haymarket 1886: Die tragische Geburt des 1. Mai
       
       > Chicago gilt als Wiege des amerikanischen Sozialismus. Dort hatte die
       > Arbeiterbewegung viele Erfolge – und eine ihrer größten Niederlagen.
       
   IMG Bild: Chicago: im 19. Jahrhundert und auch heute eine Hochburg der US-amerikanischen Arbeiterbewegung
       
       Berlin taz | Für Linke ist Chicago keine Stadt wie jede andere. Dass die
       jährliche [1][Sozialismuskonferenz] ausgerechnet dort abgehalten wurde, hat
       auch historische Gründe. Die Metropole am Michigansee ist der Ort der
       größten Erfolge der US-amerikanischen Arbeiterbewegung – aber auch der
       Schauplatz einer ihrer größten Niederlagen – des „Haymarket Massacre“. Wer
       die sozialistische Mystik der Stadt verstehen will, muss weit zurückblicken
       – bis ins 19. Jahrhundert.
       
       In den 1880er Jahren ist Chicago die wichtigste Industriestadt der USA.
       Während die Fabrikanten hohe Gewinne erzielen, leiden die Arbeiter Not. Die
       Löhne sind niedrig, die Mieten für die heruntergekommenen Unterkünfte
       horrend. Die Arbeitstage dauern zwölf Stunden, und die Arbeitsbedingungen
       sind katastrophal. Auch deshalb entwickelt sich Chicago in der zweiten
       Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Hochburg der Gewerkschaftsbewegung.
       
       Ein weiterer Grund sind die Einwanderer. Vor allem aus Deutschland setzen
       sich zahlreiche Kommunisten und Anarchisten in die USA ab, weil sie unter
       Reichskanzler Otto von Bismarck politisch verfolgt werden. In Chicago
       erscheinen immer mehr deutschsprachige sozialistische Publikationen, wie
       die Arbeiter-Zeitung des deutschstämmigen Journalisten August Spies. Die
       Anarchistenbewegung verzeichnet Mitte der 1880er Jahre bereits mehrere
       Tausend Mitglieder. Zum ersten Mal gelingt es den Arbeitern, sich kollektiv
       zu organisieren.
       
       Die wichtigste politische Forderung ist die nach dem Achtstundentag. Acht
       Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Zeit für die Familie –
       das wollen die Arbeiter erreichen. Gegen die Forderungen der Gewerkschaften
       hetzt die Chicagoer Presse. „Handgranaten sollten unter die Unionsleute
       geworfen werden, die höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit fordern“, heißt
       es in der Lokalpresse. Eine Atmosphäre der Gewalt entsteht. Polizisten
       verprügeln 1886 fast täglich Demonstranten, die Fabrikbesitzer hetzen
       Schlägertrupps, bekannt als „Pinkertons“, auf die Arbeiter. Ständig kommt
       es zu Auseinandersetzungen – auch einige Arbeiter bewaffnen sich.
       
       Am 1. Mai 1886 findet eine der größten Massendemonstrationen statt, die
       die Stadt bisher gesehen hat. 80.000 Arbeiter ziehen durch die Straßen der
       Industriemetropole, singen die Marseillaise und die Internationale. Der 1.
       Mai wird zum ersten Tag der Arbeit der Geschichte erklärt. Doch die größte
       Niederlage der noch jungen Bewegung folgt unmittelbar.
       
       ## Todesurteil ohne Beweise
       
       Am 4. Mai explodiert während einer Arbeiterversammlung auf dem Chicagoer
       Haymarket eine Bombe, zwölf Menschen, darunter sieben Polizisten, sterben.
       Die Stadtregierung wittert ihre Chance, sich der Aufrührer zu entledigen,
       und stellt die Anführer der Anarchisten vor Gericht.
       
       Staatsanwalt Grinnel macht schnell klar, dass nicht über die Tat, sondern
       die politische Einstellung der Angeklagten verhandelt wird. „Das Gesetz
       klagt die Anarchie an! Diese Männer wurden anstelle von Tausenden vor
       Gericht gestellt, nicht etwa weil sie schuldiger sind, sondern weil sie
       deren Anführer waren. Hängt sie! Nur so retten wir unsere
       Gesellschaftsordnung!“, ruft er im Gerichtsaal.
       
       Obwohl keinem der Angeklagten eine Tatbeteiligung nachgewiesen werden kann,
       werden sieben Angeklagte zum Tode verurteilt und vier von ihnen 1887
       gehängt. Darunter der US-Amerikaner Albert Parsons und August Spies. Der
       Justizmord an den Führern der Gewerkschaft zerrüttete die Bewegung, die in
       der Folge immer weniger Arbeiter mobilisieren konnte.
       
       Erst 1938 wurde der Achtstundentag in den USA gesetzlich verankert. Das
       Andenken an die Ermordeten prägt jedoch weiter die Arbeiterbewegung in
       Chicago – bis heute. Seit 2004 existiert eine Gedenkstatue am Ort der
       Explosion. Der 1. Mai entwickelte sich auch wegen der tragischen
       Ereignisse in Chicago zum internationalen Kampftag der Arbeiterbewegung.
       
       7 Aug 2017
       
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