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       # taz.de -- Der israelische Architekt Zvi Hecker: Die Besonderheit eines jeden Orts
       
       > Der israelische Architekt Zvi Hecker lebt seit 1995 in Berlin. Er baut
       > für und gegen die Orte, an denen seine Gebäude stehen.
       
   IMG Bild: Polyedrische Formen sind in Zvi Heckers Architektur oft zu sehen: Synagoge der Militärakademie, Negev, 1967–1969
       
       Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dauerte es gut 45 Jahre, bis in Berlin
       eine neue jüdische Grundschule gebaut wurde. Es war zugleich die erste neue
       jüdische Schule in ganz Deutschland seit dem Holocaust. Der Entwurf, der
       den Wettbewerb gewann, hatte die Form einer Sonnenblume. Eingereicht hatte
       ihn Zvi Hecker, einer der außergewöhnlichsten Architekten Israels.
       
       Die Schule wurde 1995 fertiggestellt. Sie liegt am Rand des Grunewalds.
       Heute lernen hier 270 Schüler, die verschiedenen Religionsgemeinschaften
       angehören und aus vielen Ländern stammen. Zvi Hecker sah die Sonnenblume
       als Geschenk an die Kinder Berlins. Ihre Form schien adäquat für ein
       Schulgebäude, „weil ihre Samenkörner um die Sonne kreisen und das
       Sonnenlicht alle Schulzimmer beleuchtet“.
       
       In den Entwurf für die Schule ließ Hecker, der 1931 in Krakau geboren
       wurde, seine Erfahrungen als Kind einfließen. Seiner Familie gehörte eine
       Bäckerei in Krakau. Während der Besetzung Polens wurden die Heckers von den
       Sowjets deportiert. „Wir kamen nach Usbekistan, wo ich in die Architektur
       eingeführt wurde, indem ich die Ruinen Samarkands zeichnete. Es war eine
       schwere Zeit für die Familie. Wir überlebten, indem wir uns von
       Sonnenblumenkernen ernährten“, erinnerte er sich. Als die
       Heinz-Galinski-Schule 1995 fertiggestellt wurde, zog Hecker mit seinem Büro
       nach Berlin, wo er seither lebt und arbeitet.
       
       ## Bewegungen einfangen
       
       In der Berliner Galerie Nordenhake war im Sommer eine Installation von
       Hecker zu sehen. Mit 84 Jahren bediente sich Hecker einer Geste, die
       typisch für seine Erkundungen von Form und Raum ist, für seine
       Interventionen, die mit geringen Mitteln einen möglichst großen Effekt
       erzielen sollen.
       
       Wer die Galerie betritt, stolpert über Streifen von Kunstrasen, die entlang
       der Wände ausgelegt wurden. Diese Imitation von Gras reflektiert das Grün
       der Bäume vor den Fenstern und ist zugleich so billig wie metaphorisch. Wie
       zwei Wege, die in zwei Richtungen, aber dennoch ins Nirgendwo führen,
       definieren diese Streifen den Raum um, indem sie neue Bewegung, neues Sehen
       ermöglichen.
       
       Sieben strahlend farbige Gemälde hängen im Nebenraum. Bilder, auf Papier
       gemalt in einem festen Format und gleicher Größe, begleiten Heckers
       architektonische Arbeit schon seit Jahren. Sie sind keine Skizzen oder
       Pläne. Sie zeigen organische Raster und geometrische Gestalten in Licht,
       Bewegung und Formation. Sie erzeugen so einen spekulativen Raum, eine
       erfundene Topografie, die wiederum in seiner Architektur zu erkennen ist.
       Seine Installationen und Gemälde sind nicht als Werke oder Bilder, sondern
       als Nebenprodukt des Prozesses zu sehen, Formen zu verstehen und Bewegungen
       einzufangen. Sie bilden Sequenzen, keine Serien, die Transformationen
       zeigen.
       
       ## Zerschneiden wie einen Kuchen
       
       Die Besonderheit eines jeden Ortes diktiert, wie das, was ausgedrückt
       werden will, tatsächlich artikuliert werden kann, glaubt Hecker. In den
       Konstruktionen seiner Gebäude wiederum sind es die Strukturen, die auf
       Autonomie und ihren inneren Notwendigkeiten bestehen. Hecker lässt sie
       gewähren, was Auswirkungen auf seine Arbeit hat: „Seit vierzig Jahren baue
       ich konsequent gegen den Willen meiner Bauherren“, hat er einmal gesagt.
       Zvi Hecker ist in seiner Architektur ein Künstler, in seiner Kunst aber
       Architekt.
       
       So stülpt sich die Sonnenblumenform der jüdischen Grundschule nicht
       äußerlich über das Gebäude, das vielmehr aus fünf keilförmigen Segmenten
       besteht, die aus Beton, Metall und Holz gebaut und spiralförmig um eine
       zentrale Blende herum platziert wurden. Wege zerschneiden das Gebäude wie
       einen Kuchen, der angeschnitten wurde, so wie in Berlin Gebäude
       angeschnitten sind, um S- oder U-Bahn Platz zu machen, was Zvi Hecker
       faszinierte, als er nach Berlin kam.
       
       Wegkreuzungen, Abstufungen, Lücken und Innenhöfe schaffen in der Schule
       eine urbane Topografie, in der man ständig aufs Neue überrascht wird. Das
       ist typisch für Heckers Gebäude, die selbst Landschaften schaffen, die die
       natürliche wie urbane Umgebung komplementieren, zugleich aber mit ihr in
       Konkurrenz stehen und gegen sie rebellieren.
       
       Als die Schule entstand, zeigte sich, dass eine andere Metapher Gestalt
       annahm. Sie begann wie die offenen Seiten eines Buchs auszusehen. Das
       hebräische Wort für „Schule“ ist „Beit Sefer“, „Haus des Buchs“. In jedem
       von Heckers Gebäuden ist ein symbolisches Element enthalten, das für die
       Gemeinschaft steht, die es benutzen wird, und das jedes Haus auf eine je
       eigene Weise organisiert.
       
       ## Offen für alle Bürger
       
       „Zwei Dinge sind für meine Arbeit wichtig“, sagt Hecker, „woher ich komme,
       und wo ich baue.“ Nach dem Krieg kehrte er in seine Geburtsstadt Krakau
       zurück, um am Polytechnikum zu studieren. 1950 bis 1954 setzte er seine
       Studien am Technion in Haifa fort. Er lernte bei Alfred Neumann.
       
       Zusammen mit Neumann und seinem Kommilitonen Eldar Sharon gründete er 1959
       ein Architekturbüro. Heckers Karriere begann mit dem Rathaus der neu
       gegründeten Stadt Bat Jam, das die drei von 1960 bis 1963 als fensterlose,
       auf dem Kopf stehende Pyramide in den byzantinischen Farben Blau, Rot und
       Gold bauten. Vier polyedrische Konstruktionen auf dem Dach kanalisieren
       Wind und Licht nach unten, Sonnenlicht scheint in die Haupthalle.
       
       Alte Fotos zeigen einen Monolithen, ein Raumschiff, das in den Dünen
       gelandet ist. Nicht nur das zentrale Atrium sollte allen Bürgern offen
       stehen. Auch die Büros der Beamten waren zum Atrium hin offen, Zeichen
       kommunaler Demokratie, was den Beamten aber nicht behagte. Sie mochten sich
       nicht in die Akten schauen lassen, was dazu führte, dass die Verwaltung das
       Gebäude verließ. Dennoch wurde es zu einem Meilenstein der Gestaltung
       öffentlicher Institutionen im Land: Rechteckige Kisten waren nicht mehr
       das Maß aller Dinge.
       
       ## Organische Formen
       
       Viele der folgenden Projekte Heckers in Israel, etwa ein Dorf für arabische
       Flüchtlinge bei Jerusalem, eine Club-Med-Anlage oder eine Offiziersschule
       der israelischen Armee und ihre Synagoge, basierten auf einer modularen
       Architektur, in der sich polyhedrale Einheiten wiederholen. Diese
       Architektur war Teil einer Bewegung experimenteller Architektur.
       
       Wer diese Gebäude sieht, wird unter anderem an Buckminster Fuller denken,
       der für seine Architekturen, unter anderem seine geodätischen Kuppeln,
       geometrische Grundkörper wie Tetraeder und Oktaeder nutzte, die extrem
       stabil und effizient sind.
       
       Zwei von Heckers beeindruckenden Gebäuden stehen sich in Ramat Gan
       gegenüber. An ihnen zeigt sich die Entwicklung von geometrischen Elementen
       zu organischeren Formen. Das Dubiner-Haus wurde 1964 fertiggestellt. Über
       sieben Stockwerke erstreckt sich eine Struktur aus Würfeln, die sich wie
       eine elegante Favela an den Hügel anschmiegt.
       
       Das gegenüber liegende Spiral Apartment House von 1986, in dem Hecker eine
       Weile selbst lebte, windet sich wie eine Wendeltreppe in den Himmel. Es
       sieht unfertig aus, die Außenwände sind mit Steinen und Spiegeln bedeckt,
       Sie verbergen die präzise mathematische Ordnung der Konstruktion.
       
       ## Mittelalterliche Wurzeln
       
       Inzwischen bezieht sich Hecker häufig auf seine „mittelalterlichen
       Wurzeln“. Er fusioniert Formen wie diejenige der Festung Krakaus und der
       islamischen Architektur Samarkands miteinander und lässt den regionalen
       Kontext Israels als eines Lands im Konflikt einfließen. Seine Architekturen
       dienen dem Bedürfnis nach Schutz, indem sie von Mauern und umhüllenden
       Konstruktionen umgeben sind. Er betont, sie seien organisch, frei, aber
       auch rigide.
       
       Ein Echo davon ist in Heckers Berliner Ausstellung zu spüren, die
       „Crusaders Come and Go“ betitelt ist. Er bezieht sich auf das Paradox der
       Architektur, denn Architektur ist ein Werkzeug des Eroberers, invasiv,
       okkupierend, konstruktiv und destruktiv zugleich. „Als Menschen sind wir
       unvermeidlich Eroberer“, sagt er, dazu bestimmt, irgendwann zu
       verschwinden, von einer aufsteigenden Macht ersetzt zu werden. Architektur
       liegt ein Paradox zugrunde, weil sie uns schützt, aber auch den Mächten
       dient, die uns zerstören.
       
       Hecker betont in seinen letzten Projekten die visuelle Stärke
       demokratischer Gesellschaften. Die Koningin Máximakazerne beim Flughafen
       Schiphol in Amsterdam von 2016 ist eine Polizeikaserne für 1.500 Offiziere,
       die für die Flughafensicherheit verantwortlich sind. Gerade Institutionen
       wie Armee und Polizei, die für den Fortbestand auch der Demokratie
       essenziell sind, müssen für ihn sichtbar sein, anders als in totalitären
       Staaten.
       
       Aber auch hier orientierte sich Hecker am Modell der mittelalterlichen
       Festung. Wie bei vielen seiner Gebäude ist das Zickzack ihrer „Mauer“ am
       besten von oben zu sehen – wenn man mit dem Flugzeug Schiphol verlässt.
       
       7 Jan 2018
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Tal Sterngast
       
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