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       # taz.de -- Debatte Vorbilder: Konfetti oder Sendepause
       
       > Gibt es überhaupt noch etwas, das über uns selbst hinausgeht? Über
       > unseren Umgang mit Vor- und Leitbildern.
       
   IMG Bild: „Welcome to hell“ hieß es zwar in Hamburg. Was aber, wenn der Himmel nicht mehr als ein elysisches Facebookfoto bereithalten soll?
       
       Hagiografien sind Lebensgeschichten von Heiligen, von Märtyrern.
       Geschichten, die aufgeschrieben wurden, um anderen ein Beispiel zu sein. Es
       ist mit ihnen ähnlich wie mit den Zehn Geboten: Sie fungieren als
       moralisches Leitbild, man kann, wenn man möchte, noch Adjektive hinzufügen,
       etwa überhoben, restriktiv, unglaubwürdig. Doch es ist abgesehen von diesen
       Adjektiven mit ihnen ohnehin vertrackter als mit den Geboten, denn sie sind
       ärgerlicherweise keine abstrakten Paragrafen oder normativen Forderungen,
       sondern Lebensgeschichten.
       
       Was auch immer an Hagiografien geschönt, hinzuerfunden, in religiös
       inspiriertem Eifer übertrieben sein mag, sie haben ein Leitbild etabliert,
       das uns keine göttlichen Handlungen vorführt, sondern Menschen und ihr
       Leben. Das ist Zumutung und Aufforderung zugleich. Konfrontiert mit so viel
       tugendhafter Überlegenheit, mögen sich manche denken: Bleibe ich doch
       lieber gleich zu Hause.
       
       Das kann man bedauern, könnte die Welt derzeit doch ein paar mehr Heilige
       ganz gut gebrauchen oder zumindest Menschen, die sich nicht nur an sich
       selbst orientieren. Viele Hamburger hätten sich vorletzte Woche allerdings
       gewünscht, dass noch ein paar Leute mehr zu Hause bleiben. Pflastersteine,
       brennende Twingos – das ist mittlerweile hinlänglich beschrieben und
       ausgedeutet worden, und jeder weiß nun, dass eine Zwille eigentlich
       Präzisionsschleuder heißt, was sie aus dem Umfeld von Bart Simpson
       geradewegs in die Liga der hochkarätigen Schusswaffen bringt, aber auch den
       biblischen Diskurs streift: David streckte Goliath bekanntlich mit einer
       Schleuder, nicht mit einer schnöden Zwille nieder.
       
       Viel Zuspruch hat die Gewalt in den vergangenen zehn Tagen nicht bekommen,
       und niemand hat bisher jemanden aus dem Schwarzen Block zum Heiligen
       erklären wollen. Zugegeben, die katholische Kirche lässt sich schon mit
       schlichten Seligsprechungen Zeit, doch die Frage ist auch weniger, ob sie
       in dreihundert Jahren eine Jeanne D’Arc unter den Rebellen erkennen wird
       (unwahrscheinlich, aber wer weiß), sondern eher: Wie erhaben, wie
       heldenhaft fühlten sich die Leute selbst?
       
       ## Scheinheilig und heilig
       
       Unabhängig von Blocks frage ich mich, wie sehr wir selbst eigentlich unsere
       eigenen Helden geworden sind. „Welcome to hell“ hieß es zwar – aber
       manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass der Himmel gar nicht so viel
       mehr als ein elysisches Facebookfoto bereithalten soll, das unglaublich
       viele Engel liken.
       
       Die Hamburger Ereignisse dienen hier nur als Beispiel. Allgemeiner gefragt:
       Wie absolut setzen wir alle uns? Gibt es überhaupt noch etwas, das über uns
       hinausgeht, das oberhalb der Proteste auf der einen Seite liegt – wie
       friedlich und kreativ diese Proteste zum Teil auch gewesen sein mögen –,
       und der illustren Spiele auf der anderen Seite, welche die Götter im Olymp,
       auch bekannt als Elbphilharmonie, aufführten?
       
       Der Unterschied zwischen scheinheilig und heilig kann eben doch nicht
       allein so aufgeschlüsselt werden, dass man beides kommentarlos in die Tonne
       haut – das eine Bio, das andere Altpapier. Zumindest muss man sich der
       Frage stellen, wie eine Gesellschaft langfristig funktioniert, die nicht
       mehr auf eine übergeordnete moralische Ebene Bezug nehmen kann. Blendet man
       das aus, kann man zwar weiterhin den Zynismus der Elite kritisieren, läuft
       aber Gefahr, selbst in eine zynische Kritik abzugleiten.
       
       Mit hinein spielt, profaner ausgedrückt, auch unser Umgang mit Vor- und
       Leitbildern in Zeiten der Du-schaffst-es-auch-Mentalität, die in ihrer
       nervtötendsten Form durch Castingshows in unsere Herzen und unseren
       Verstand getragen wird und dort allerhand Diskonebel versprüht. Wir
       verlernen, uns zu Idealen mit Distanz und auch Demut zu verhalten, sie als
       Richtschnur zu verstehen, nicht als eine baldige Version unserer selbst.
       The winner takes it all. Konfetti inklusive. Oder Sendepause.
       
       ## Verdrehung der Deutungshoheit
       
       Und nein, früher war auch nicht alles besser. Vor zwanzig Jahren, in meiner
       Mittelstufenzeit, als es noch keine Selfies gab und es hinnehmbar war, dass
       Topmodels eine andere Himmelssphäre bewohnten als wir, wollten wir zwar
       nicht heilig sein und auch nicht aufs Cover der Cosmopolitan, aber doch
       zumindest ein bisschen Helden spielen. Als besonders schick galt, wer eine
       Nacht in Polizeigewahrsam verbracht hatte, wobei diese Mutprobe am Ende
       mehr wert zu sein schien als der Protest selbst, etwa die Blockade eines
       Castor-Transports.
       
       Dies führte zu einer seltsamen Verdrehung der Deutungshoheit: Ein
       Polizeibeamter war zwar nicht ernst zu nehmen, da ohnehin, so unsere
       fundierte spätpubertäre Einschätzung, nicht sehr beweglich im Kopf, aber en
       masse waren sie dann doch Gradmesser dafür, ob der zivile Ungehorsam Funken
       geschlagen hatte oder nicht, ob jemand von uns den Rang des Helden
       beanspruchen durfte oder eben doch nur Schmieresteher gewesen war.
       
       „Ich möchte dem Regime, das mir meine Freiheit vorenthält, sagen: Ich habe
       keine Feinde. Weder die Polizisten, die mich überwacht, gefangen genommen
       und verhört haben, noch die Staatsanwälte, die mich angeklagt, noch die
       Richter, die mich verurteilt haben, sind meine Feinde. Ich akzeptiere eure
       Überwachung, euren Arrest, eure Urteile nicht, aber ich respektiere euren
       Beruf und eure Persönlichkeiten“, so hat es der vor wenigen Tagen in Haft
       verstorbene Intellektuelle Liu Xiaboo in seiner Friedensnobelpreis-Rede
       formuliert, eine Rede, die er nicht selbst halten konnte, da er bereits
       damals im Gefängnis saß. Er kritisierte auch noch aus seiner Haft heraus
       den autokratischen chinesischen Staat, tat dies mit einer unbeugsamen
       Zuversicht und dem Glauben an einer zu Demokratie und Freiheit fähigen
       Gesellschaft. Manchem mag das Bild des leeren Stuhls bei der Zeremonie in
       Erinnerung geblieben sein.
       
       Es ist vielleicht das treffendste, ja angemessenste Bild in einer Zeit, in
       der Heiligenlegenden nicht mehr verfangen und wir uns selbst mitunter zu
       groß sehen: Eine Leerstelle, mit der wir uns nicht leichtfertig
       identifizieren können, die uns aber doch daran erinnert, dass wir auf
       moralische Vorbilder nicht verzichten können.
       
       22 Jul 2017
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Nora Bossong
       
       ## TAGS
       
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   DIR Peter Tauber
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