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       # taz.de -- Ulrich Brand über 40 Jahre BUKO: „Raum für radikale Einsatzpunkte“
       
       > Die Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) organisierte einst große
       > Anti-Globalisierungs-Proteste. Nun wird sie 40 und leidet unter
       > Bedeutungsverlust.
       
   IMG Bild: Bunte Bewegung: globalisierungskritischer Protest in Frankfurt (Main), 2013
       
       taz: Herr Brand, die BUKO galt mal als Thinktank der
       globalisierungskritischen Linken. Dieses Jahr wird sie 40, ist aber nahezu
       in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Was ist passiert? 
       
       Ulrich Brand: Die Bundeskoordination Internationalismus hatte ihre große
       Zeit in der Solidaritätsbewegung der 80er Jahre. Damals hieß sie noch „der“
       BUKO, der Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen. Ein
       Höhepunkt waren die Proteste gegen IWF und Weltbank in Berlin 1988. Dann
       spielte sie eine große Rolle als Mitorganisatorin der Proteste gegen die G
       7 in München und die G 8 in Köln in den 90ern sowie in der aufkommenden
       globalisierungskritischen Bewegung. Seit einigen Jahren hat sie nicht mehr
       diese zentrale Rolle.
       
       Liegt das vor allem daran, dass immer mehr professionelle NGOs entstanden
       sind? 
       
       Natürlich sind andere Akteure, also etwa NGOs oder Netzwerke wie Attac, auf
       der Ebene der Kampagnen und Wissensproduktion stärker. Die BUKO wäre heute
       wahrscheinlich wichtiger, wenn sie sich in den Jahren nach dem Mauerfall
       wie viele andere auch NGOisiert, also professionalisiert hätte. Aber die
       Entscheidung, das nicht zu tun, halte ich bis heute für richtig.
       
       Warum? 
       
       Die BUKO ist ein Dachverband, der in seinen Hochzeiten als Knotenpunkt
       funktioniert hat, dessen Mitgliedsgruppen die eigentliche Arbeit machen und
       etwa die Pharmakampagne organisiert haben. Die BUKO schafft es auch noch in
       gewissem Maß, Diskussionen anzuregen und vor allem einen Raum zu schaffen,
       um AktivistInnen zusammenzubringen. Heute ist das etwa die Vernetzung der
       „Recht auf Stadt“-Kämpfe oder das Engagement im Rahmen der G-20-Proteste.
       Insgesamt betrachtet kommen aktuell aber eher wenige Impulse für die
       internationalistische Bewegung aus der BUKO.
       
       Wieso ist das so? 
       
       Erstens gab es immer eine dünne Personaldecke und die BUKO lebt als
       Netzwerkknoten vom Engagement der AktivistInnen. Das hat merklich
       nachgelassen. Zweitens gab es strategische Differenzen um die Kongresse,
       die die BUKO organisiert hat. Die offene Frage war und ist immer noch:
       Setzt man auf die interne Selbstverständigung einer radikalen
       internationalistischen Linken? Oder sucht man den Austausch mit anderen,
       bietet ein Forum und lädt Leute aus anderen Spektren oder auch mal Promis
       ein? Tendenziell hat sich die erste Position durchgesetzt.
       
       Ist die BUKO deshalb auch einfach zu alt geworden? 
       
       Das ist schon ein Punkt. Die Hemmschwelle, in der BUKO anzudocken, ist sehr
       hoch. Das Spektrum der BUKO ist wichtig, das sind gestandene
       InternationalistInnen im besten Sinne. Aber die Gefahr ist, dass sie sich
       selbst genügen. Wo ist das Attraktive für junge Leute?
       
       Wo könnte es sein? 
       
       Man muss sich überlegen, wie man in jüngere Spektren wirkt und attraktiv
       für sie wird, welche Angebote es für 18-, 19-Jährige geben kann. Wir haben
       lange sogenannte Crashkurse gemacht, etwa zu Antonio Gramsci oder der
       Frage, was Kapitalismus ist. Mit der Teilnahme von Jüngeren würden außerdem
       Fragen für die BUKO selbst aufgeworfen: Wo ist das Neue, wozu will man
       künftig arbeiten? Was auf den Kongressen passiert, hängt mittlerweile am
       Interesse von Einzelpersonen. Es wirkt etwas beliebig.
       
       Sind die Soligruppen und -kampagnen, in denen noch gearbeitet wird, einfach
       ein überholtes Konzept? 
       
       Eine Kaffeekampagne ist weiter wichtig, Kaffee aus Chiapas oder Nicaragua
       soll weiter verkauft werden. Aber die Kampagnen bräuchten einen anderen
       Horizont. Die Frage ist, wie Kritik formuliert wird, die mehr ist als
       internationale Solidarität. Demnächst kommen Anti-Kohle-AktivistInnen aus
       Kolumbien, das ist wichtig und das Kerngeschäft der BUKO. Aber man muss
       weiterdenken, wie das mit den hiesigen Verhältnissen verwoben werden kann.
       Ich habe auch keine fertige Antwort, aber in der BUKO fehlt das Ringen um
       die Frage, wie wirklich ein Unterschied gemacht werden kann. Allerdings
       muss ich mich auch selbst kritisieren, da ich mich vor einigen Jahren
       zurückgezogen habe.
       
       Ist die BUKO denn überhaupt noch relevant? 
       
       Jüngere – und auch Ältere – machen ja viel Neues. Nehmen sie beispielsweise
       die Interventionistische Linke, Klimacamps, neue Akteure wie das
       Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig. Aber es wäre schade, solch eine
       politisch sehr renommierte Struktur wie die BUKO aufzugeben. Die aktuelle
       Schwäche ist auch eher ein Spiegel der Schwäche des radikalen
       Internationalismus. Ich war gerade auf dem Evangelischen Kirchentag in
       Berlin. Das waren immer Spektren, in denen die BUKO Resonanzen entwickelt
       hat. Aber dieser Kirchentag war weitgehend un-internationalistisch und im
       schlimmen paternalistischen Entwicklungshilfejargon. Da spiegelt sich ein
       gesellschaftliches Bewusstsein, das es auch der BUKO schwer macht.
       
       An welche Diskurse könnte die BUKO aktuell andocken? 
       
       Die Globalisierungskritik hat sich enorm ausdifferenziert und etwa über die
       Anti-Braunkohle-Bewegung erneuert. Die BUKO hat deshalb die
       Anti-Kohle-AktivistInnen aus Kolumbien eingeladen. Dieses Jahr öffnet sich
       die BUKO außerdem insofern, als sie ihren Kongress in die Konferenz Move
       Utopia integriert, bei der es um herrschaftsfreies und wachstumskritisches
       Leben und Wirtschaften, Systemwechsel und sozial-ökologische Transformation
       gehen soll. Das ist der Versuch, einen Neustart zu wagen.
       
       Kann das klappen? 
       
       Wir sollten nicht vergessen, dass die BUKO eine Art internationalistisches
       Gedächtnis ist. Internationalismus muss sich zwar immer wieder erneuern,
       aber er hat ja auch eine spannende und kämpferische Geschichte. Außerdem
       vernetzt sie noch immer internationalistische Gruppen und bietet Raum, um
       radikale emanzipatorische Einsatzpunkte zu finden. Das ist bei so viel
       Weichspülerei und Zynismus in anderen politischen Spektren wichtiger denn
       je.
       
       21 Jun 2017
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Patricia Hecht
       
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