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       # taz.de -- Interview mit Schriftstellerin: „Der heutige Wahnsinn wurzelt im Putsch von 1980“
       
       > Ihr Roman „Stumme Schwäne“ erschien gerade auf Deutsch. Wir sprachen mit
       > der Schriftstellerin Ece Temelkuran über Unterdrückung und Sprache.
       
       Wir trafen Ece Temelkuran in Köln, um über ihren Roman „Stumme Schwäne“ zu
       sprechen, der gerade in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die 1973 in
       İzmir geborene Anwältin, Journalistin und Schriftstellerin erzählt darin
       von der Zeit nach dem Putsch 1980 in der Türkei, aus der Sicht von zwei
       Kindern aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten.
       
       ## taz: Wie kam Ihnen die Idee, den Roman „Stumme Schwäne“ zu schreiben?
       
       Ece Temelkuran: Ich wollte erzählen, wie die Unterdrückten von gestern zu
       den Unterdrückern von heute geworden sind. Viele Machtfiguren der Gegenwart
       berufen sich auf das Opfernarrativ, zum Beispiel in der Türkei. Deshalb
       lautet der türkische Originaltitel des Buchs auch „Devir“, also „Zyklus“.
       Das ist ein verdummender, nervenaufreibender, qualvoller Teufelskreis.
       
       ## Welche der beiden Seiten nehmen Sie ein?
       
       Keine, denn als Autorin sollte man dem Unterdrücker und dem Unterdrückten
       gegenüber dieselbe Distanz einnehmen, deren Geschichten verstehen und
       erzählen können. Aber viele Menschen, die ich kenne, haben sich entweder
       politisch neben den Unterdrücker, also die Regierung gestellt, oder sie
       haben in ihrem eigenen kleinen Umfeld die Rolle des Unterdrückers selbst
       übernommen. Ich glaube daran, dass die Welt nicht nur aus diesen Extremen
       besteht, sondern ein pluralistischer Ort ist.
       
       ## Wieso spielt die Geschichte zur Zeit des Putsches im Jahr 1980?
       
       Die Erzählungen, die die Menschheitsgeschichte am meisten beeinflussen,
       sind Machtwechsel. 1980 ist eine Zeit, in der die Grausamkeit der
       Unterdrückung in Vergessenheit gedrängt wurde. So gesehen ist dieser Putsch
       wohl einer der erfolgreichsten in der Geschichte: Ein Putsch, der seine
       Existenz bald vergessen ließ. Viele Menschen haben kaum Erinnerungen an
       diese Zeit, oder tun zumindest so, als würden sie sich nicht erinnern, weil
       sie es schlicht nicht wollen. Dabei ist der Wahnsinn, der heute in der
       Türkei regiert, in eben jener Zeit verwurzelt.
       
       ## Wie kann es zur kollektiven Verdrängung überhaupt kommen?
       
       Die Geschichte der Türkei basiert auf dem Vergessen. Dieses Land ist so
       erfolgreich im Vergessen, dass wir uns an Ereignisse, die wenige Wochen
       zurückliegen, nicht mehr erinnern können, und dazu auch noch an die von der
       Regierung vorgegebene Version glauben. Wir sind empfänglich für Lügen und
       die Neuschreibung von Geschichte.
       
       ## Was meinen Sie damit konkret?
       
       Die Gründungszeit der Republik ist voller Traumata des sich auflösenden
       osmanischen Reiches. In gewisser Weise war es berechtigt, dass die
       Republikgründer mit dem Argument „das Geschehene vergessen, da ein neues
       Leben beginnt“, die Geschichte neu geschrieben haben. Sie wollten, dass das
       Leben weitergeht, aber das tut es nicht so einfach. Anatolien ist aufgrund
       seiner geografischen Lage immer schon ein Brückenort von Migration gewesen.
       Menschen sind gekommen und gegangen, daher sind wir besonders gut im
       Vergessen und Verdrängen, so wie wir es mit den Ereignissen von 1980 getan
       haben. Deshalb stehen wir heute vor einer gespaltenen Gesellschaft.
       
       ## Es scheint in diesen Tagen viele Parallelen zur Zeit nach dem Putsch von
       1980 geben.
       
       Ja, das stimmt. Das sieht man allein, wenn man die Klatschblätter und
       Politnachrichten von heute und damals vergleicht. Es ist, als würden wir in
       einer Dauerschleife leben. In jeder Generation werden kluge, aufrichtige,
       kreative, gutmütige, progressive Menschen vernichtet, ins Exil getrieben,
       gefoltert, zunichte gemacht, getötet oder man lässt sie verschwinden.
       
       ## Und wer bleibt übrig?
       
       Während der diplomatischen Krise mit Europa konnten wir beobachten, dass
       eine Reihe von wahnsinnigen Menschen sich auf die Straßen begeben und
       seltsame Dinge getan haben. Es scheint sich um eine Art Massenhysterie zu
       handeln. Die Türkei scheint von außen gesehen ein Ort zu sein, an dem nur
       Verrückte leben. Die Vernünftigen, die an Recht und Ordnung glauben, gibt
       es zwar noch, aber sie schweigen. In Anbetracht des Wahnsinns, der
       Vulgarität und Banalität sind sie nur noch sprachlos. Diese Menschen sind
       das Produkt von 1980.
       
       ## Was hat der Putsch von 1980 den gesellschaftlich am nachhaltigsten
       verändert?
       
       In den 1980er Jahren wurde damit begonnen, einzelne Wörter und Begriffe zu
       verbieten. Die Sprache wurde zerstört und deshalb gibt es heute Menschen,
       die ihr Leid oder ihre Bedürfnisse nicht artikulieren können. Es wird viel
       über Mord und Folter dieser Zeit berichtet, aber kaum über die Zerstörung
       der Sprache. Vernichtet man die Sprache eines Landes, vernichtet man auch
       dessen Denkvermögen.
       
       ## Der Eingriff in die Sprache hält auch heute an.
       
       Ja, zum Beispiel durch die Osmanisierung der Sprache. Vor allem in den
       vergangenen 15 Jahren verwenden Politiker der Mehrheitsgesellschaft
       unbekannte osmanische oder arabische Vokabeln. Mit der Bezugnahme auf
       islamische Inhalte werden politische und gesellschaftliche Debatten auf
       eine Ebene übertragen, an der säkulare Menschen nicht mehr teilnehmen
       können.
       
       Der Ursprung für all dies geht auf das Jahr 1980 zurück. Daher ist es zum
       Beispiel auch interessant, dass das 1980 verbotene Wort für Widerstand
       „Direnme“ im Zuge der Gezi-Proteste im Jahr 2013 wieder verstärkt gebraucht
       wurde. Sowohl das Gute als auch das Schlechte wird weitergegeben. Wenn es
       2013 nicht zu den Gezi-Protesten gekommen wäre, hätte ich diesen Roman
       sicher nicht geschrieben.
       
       ## Was ist der Grund für die gesellschaftliche Normalisierung von Gewalt,
       die sie auch in ihrem Roman thematisieren?
       
       Die Massen mögen kein Durcheinander, sie bevorzugen die Einheitlichkeit.
       Zum Beispiel die Transfrau Bülent Ersoy, eine Figur aus dem Roman, wird
       nicht nur von der Regierung, sondern auch von der Gesellschaft gejagt und
       verfolgt. Dahinter steckt der Wunsch nach Standardisierung. In den
       1970er-Jahre wurden alle Farben und alle Menschen jeglicher Coleur
       sichtbar, dann aber kamen die 80er-Jahre und alle Farben wurden verboten,
       alles wurde grau. So wie auch schon 2013 nach Gezi die bunten Wandschriften
       mit grauer Farbe überstrichen wurden.
       
       ## In „Stumme Schwäne“ gewöhnen sich die Jugendlichen selbst an die
       schlimmsten Zustände. Wie erklären sie diese Teilnahmslosigkeit?
       
       Wegsehen ist eine sehr gängige, menschliche Reaktion. Die Deutschen haben
       das zum Beispiel während des zweiten Weltkriegs erlebt. Darauf zu hoffen,
       dass es nicht „noch schlimmer“ werden kann und wenn doch, dann zu erwarten,
       dass es jetzt aber wirklich nicht noch schlimmer werden kann… Genau das ist
       gerade die Haltung der US-Amerikaner zu Trump. Sie sagen sich: „Er wird
       schon keine Mauer zu Mexiko bauen.“ Doch was sagst du, wenn er es doch tut?
       Wenn deine einzige Antwort lautet: „das schafft er nicht“, dann hast du die
       Orientierung verloren.
       
       ## Gibt es einen bestimmten Grund, dass „Stumme Schwäne“ aus der Sicht von
       Kindern erzählt wird?
       
       Die Sicht der Kinder ist rein, sie verändert die Realität nicht aufgrund
       von Angst. Erwachsene hingegen tun genau das: Sie versuchen die Realität so
       zu formen, dass man sich trotz allem mit ihr arrangiert.
       
       ## Das Haus der Figuren Sevgi und Aydin befindet zwischen dem Internat und
       der Verwaltung, also genau zwischen links und rechts. Sie sind nicht nur
       eingeklemmt zwischen den Fronten, sondern haben auch ständig Zank
       miteinander. Kann man sagen, dass die beiden den türkischen Mittelstand
       repräsentieren?
       
       Ja, das tun sie. Aber nicht nur den Mittelstand der Türkei, sondern
       weltweit. Menschen die versuchen, sich selbst und ihre Kinder zu schützen
       und deshalb ein anderes Leben beginnen. Das ist es ja, was den Mittelstand
       ausmacht. Er wünscht sich Sicherheit, doch dieser Wunsch kann Menschen dazu
       verleiten recht unmoralische Dinge zu tun.
       
       ## Die Türkei macht gerade eine existenzielle Zeit durch und viele Menschen
       beteiligen sich nicht am politischen Widerstand, haben Angst davor, Haltung
       zu zeigen. Wie können Menschen dazu motiviert werden?
       
       Es gibt in der Türkei keinen von der Politik geschützten Raum mehr. Niemand
       kann sich und sein kleines unbedeutendes Leben davon fernhalten. Die
       Menschen sind sich dessen bewusst und planen dementsprechend entweder zu
       gehen oder zu bleiben, um zu kämpfen. Sobald etwas passiert, das den
       Mittelstand aus seiner Bequemlichkeit reist oder sein Sicherheitsgefühl
       erschüttert, wird es einen Systemwechsel geben. Die Menschen begreifen
       langsam, dass etwas getan werden muss.
       
       ## Was dürfen deutsche Leser*innen von diesem Roman erwarten?
       
       Nach der Emigration der sogenannten Gastarbeiter hat Deutschland in den
       1980er-Jahren einen Zulauf von Intellektuellen aus der Türkei erlebt. Das
       ist auch gerade wieder der Fall- Die Veränderungen in der Türkei betreffen
       auch explizit die deutsche Gesellschaft. Auch deutsche Leser*innen sind
       Adressaten dieses Romans.
       
       ## Wofür stehen die Schwäne im Roman?
       
       Für das Schöne und Zarte, für alles, was uns im Leben nützt. Der Schwan
       steht aber auch für Eigensinn, den es braucht, um das Schöne zu erschaffen
       und zu erleben. Menschen fragen mich, ob es Hoffnung gibt. Dabei ist
       Hoffnung nicht das Wichtige, denn diese kann versiegen, nicht aber der dem
       Menschen innewohnende Schöpfungsdrang und Eigensinn das Schöne zu
       erschaffen.
       
       31 Mar 2017
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sibel Schick
       
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