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       # taz.de -- Kolumne Helden der Bewegung: Ein Baum, der zum Bus wird
       
       > Es ist erstaunlich, mit welcher Behäbigkeit Simon Terodde vom VfB
       > Stuttgart über den Platz tapert. Er ist eben auf die entscheidenden
       > Momente fixiert.
       
   IMG Bild: Explosion auch mit Maske: Simon Terodde
       
       Es gibt jene Spieler, die fallen im Fernsehen nicht weiter auf. Man braucht
       Großaufnahmen, um ihre Eigenheiten zu erkennen, oder man muss sie live
       gesehen haben. Das nivelliert das Fernsehen: dieses demokratische
       Körperverständnis des Fußballs, wo jede Statur potenziell Verwendung
       findet. Der Fußball kennt keine ideale Körpernorm, für fast jede Spielart
       gibt es Verwendung. Selbst ein Garrincha, der auf der einen Seite x-, auf
       der anderen Seite o-beinig geformt war, Höhenunterschied zwischen beiden
       Füßen sechs Zentimeter, den Rücken stark gekrümmt, konnte zu einem der
       besten Spieler aller Zeiten aufsteigen.
       
       Und auch wenn diese Unterschiede durch die Anforderungen der
       Professionalisierung immer stärker verwischen, sieht man eine anderen
       Sportarten abgehende Fülle an Leibern.
       
       Simon Terodde vom VfB Stuttgart zum Beispiel, Terodde ist ein Baum. Man
       ahnt es im Fernsehen, auf dem Platz aber sieht man es. Es ist erstaunlich,
       mit welcher Behäbigkeit er über den Platz tapert, mit seiner Statur, die an
       das Gesicht von US-Schauspieler Ron Perlman erinnert. Wenn man ihn auf die
       gegnerische Abwehr zulaufen sieht, mit der Dynamik eines bekifften Pandas,
       dann stellt sich auf den Rängen so etwas wie Gemütlichkeit ein. Ein Fall
       von Übertragung, denke ich, denn es macht den Eindruck, als würde Simon
       Terodde auf dem Feld ganz in sich ruhen, ganz eins sein mit sich selbst.
       
       Diese Selbstgenügsamkeit ist Folge einer Stürmerkonzeption, die ich
       parasitär nennen würde. Er lebt mehr als andere Stürmer davon, gefüttert zu
       werden. Simon Terodde braucht keine Trainer, er braucht einen Schneider,
       der ihm die Mannschaft wie einen Anzug auf den Leib näht, einen Abendfrack,
       der es ihm ermöglicht, gut auszusehen. Das hat eine gewisse Konjunktur
       aktuell, Dortmund spielt mit Aubameyang einen Fußball, der ähnlich tickt,
       aber da ahnt man, warum das eine gute Idee sein könnte. Für ihn gilt, was
       Ibrahimović einmal zum Thema Carew gesagt hat: Was die mit dem Ball können,
       kann er mit einer Orange.
       
       ## In die Situation katapultiert
       
       Warum es eine gute Idee ist, Simon Terodde trotzdem da herumspazieren und
       -flanieren zu lassen, das erschließt sich erst ganz zum Schluss, wenn er
       den Ball aufs Tor bringt: Dann, Fußballsprech, explodiert er. Einer
       gespannten Feder gleich katapultiert er sich in die Situation und verändert
       sie zu seinen Gunsten. Es wird eine Gedankenschnelle sichtbar, die darum
       überrascht, weil sie Teroddes Körper gegen jede Wahrscheinlichkeit nicht
       überfordert.
       
       Es existieren kaum Videozusammenschnitte von Terodde-Toren, man muss sich
       behelfen. Glücklicherweise gibt es einen wohldokumentierten Vorfall in der
       deutschen Geschichte, der als Platzhalter dient, weil er Terodde-Tore
       geradezu versinnbildlicht: Es ist der Eierwurf auf Helmut Kohl 1991 zu
       Halle. Kaum wurde Kohl des Eierregens gewahr, der auf ihn einprasselte,
       suchte er sich eine Lücke, um den Sicherheitsbeamten zu entwischen, und
       schritt dann behände auf sein Ziel zu, so schnell und zielgerichtet, dass
       es lange Sekunden brauchte, bis ihn seine Entourage eingeholt hatte. Da hat
       er schon einen der Demonstranten am Wickel, und keiner wusste, wie das denn
       nun passieren konnte.
       
       So sind auch Teroddes Tore. Man mag das prosaisch finden, diese Fixierung
       auf die wenigen Momente, das Pragmatische an Simon Terodde, der halt eben
       dann seine Tore macht, die man unglücklicherweise braucht für dieses
       ansonsten so sinnlos schöne Spiel. Jean Eskanzi, französischer Journalist,
       stellte angesichts der Tretereien während der WM 1934 die alte Frage nach
       Effizienz und Kunst: „Wie wollen wir Fußball spielen? Als ob wir Liebe
       machten oder als ob wir den Bus kriegen wollten?“ Das ist eine Frage, die
       bei Simon Terodde leicht zu beantworten ist: Er ist der Bus.
       
       2 Apr 2017
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Frederic Valin
       
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