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       # taz.de -- Mathilde Franziska Anneke wird 200: Von einer, die aufbrach
       
       > Mathilde Franziska Anneke kämpfte gegen Sklaverei und für Frauenrechte.
       > Sie war so radikal wie Marx. Beide werden 200. Ihn kennt man, sie nicht.
       
   IMG Bild: „Als sie Geld brauchte, wurde sie Schriftstellerin, im badischen Feldzug setzte sie darauf, dass sie eine begnadete Reiterin war“
       
       Münster/Sprockhövel/Köln/Bad Dürkheim taz | Sie heißt Mathilde Franziska
       Anneke und ist verschwunden. In Münster, in der Neubrückenstraße 7, hat sie
       gelebt – vor fast 170 Jahren. Da hieß sie noch Mathilde von Tabouillot, war
       aber bereits in den aus dem preußischen Militär entlassenen Fritz Anneke
       verliebt, der den undemokratischen Monarchismus kritisierte.
       
       Auch schrieb sie keine Gebetbücher mehr, um sich und ihre Tochter über
       Wasser zu halten. Im Gegenteil: „Götter, die der Mensch in seiner Not
       erschuf“, nennt sie nun, was ihr einst Trost und einen Hungerlohn gab.
       Stattdessen schreibt sie Artikel, in denen sie Gerechtigkeit für alle
       fordert, Artikel, die kirchenkritisch sind, die die Rechte der Frauen
       anmahnen. (Oh, anmahnen? Warum im Präsens? – Weil die Abwesenheit dieser
       Mathilde bis in die Gegenwart reicht, sonst müsste man sie nicht suchen.)
       
       Die Frau, kaum 30 Jahre, über 1,80 Meter groß, taucht in Münster ein in
       Clubs, wo man Gleichheit und Freiheit fordert, das Presse- und
       Versammlungsverbot abgeschafft sehen will und eine Volksregierung
       diskutiert (gewählt von Männern, leider). „Neue Schreier“ werden die
       Regimekritiker genannt, manchmal auch „Communisten“, ein neues Wort.
       
       Es gibt ein Foto von der Neubrückenstraße, nicht ganz so alt wie die
       gesuchte Frau, aber doch so, dass der Buchhändler, der dort einen Laden –
       die Schatzinsel – hat, die Arkaden in der Bogenstraße erkennt, von der die
       Neubrückenstraße abgeht. Er geht einen Schritt auf die Straße, dreht das
       Foto so, dass er den gleichen Blick auf die Arkaden hat, „an der Ecke ist
       die 9“, sagt er, dann sei die 7 da, wo die alte Kirche steht. Es ist
       verwirrend.
       
       Am Ende meint der Buchhändler, die Häuser könnten früher so schmal gewesen
       sein, dass sieben davon hinpassten, und mit der alten Nummerierung hatte
       die Kirche dann die 8. Ob er Mathilde Franziska Anneke denn kennt? Erst
       „nein“, dann „ja“, dann: „Es gibt einen Mathilde-Anneke-Weg in Münster.“
       Und? Ihm fällt das Bild einer Reiterin ein, die an den Revolutionskämpfen
       1849 in Baden und der Pfalz teilnahm. Bauern und Freischärler gegen zehnmal
       so viele Preußen, deren Pickelhauben die Sonne reflektierten, die
       blendeten, als wären sie eine kosmische Erscheinung – und zwischendrin die
       Frau auf dem Pferd. „In 15 Jahren hat keiner nach ihr gefragt“, sagt der
       Buchhändler.
       
       Immer diese Anneke. Niemand kennt sie. Manche wollten sie nicht mal zu
       Lebzeiten kennen. Die zeitgleich in Münster lebende Schriftstellerin
       Annette von Droste-Hülshoff nennt Anneke in ihren Briefen „Frau v. T.“ –
       und meidet deren Gesellschaft, weil sie eine Geschiedene ist. Denn von
       diesem von Tabouillot – einem Weinhändler aus Mülheim – hatte sich
       Mathilde nach einem Jahr Ehe getrennt, weil er sich als gewalttätiger
       Säufer entpuppte. Frau v. T. sei sehr „genant“, schreibt Droste-Hülshoff
       und verkennt: Sie ist möglicherweise selbst die „Genante“, da sie zu einer
       Geschiedenen auf Distanz geht.
       
       ## Bei Marx sagt niemand „würde“
       
       Der Scheidungsprozess von Mathilde von Tabouillot hatte sich Jahre
       hingezogen, am Ende wurde sie schuldig geschieden, weil sie der
       gerichtlichen Aufforderung, zu ihrem Mann zurückzugehen, nicht folgte. Noch
       mal: Der Mann ist ein Säufer und Schläger. Sie verlässt ihn. Das Gericht
       fordert, dass sie zurückgehe. Sie tut es nicht. Da wird sie schuldhaft
       geschieden. „Bösliches Verlassen“, so der Terminus damals. Bei der
       Hexenverfolgung wurde mit ähnlicher Logik argumentiert – nur dass da alles
       auf das Todesurteil hinauslief. Die kleine Tochter Fanny indes blieb bei
       der Mutter – das immerhin war ungewöhnlich. („Ach“, meint später die
       Frauenbeauftragte von Sprockhövel, als sie Annekes Geburtshaus dort zeigt,
       „das lag wohl daran, dass Fanny oft krank war und Fannys Vater kein
       Interesse an ihr hatte.“)
       
       Egal was Mathilde Franziska Anneke geleistet hat, kaum jemand weiß etwas
       von ihr, auch nicht im nach ihr benannten Weg am Stadtrand von Münster.
       Hinter den Häusern ein Sickergebiet, die Weiden dort abgeholzt, „sie seien
       morsch gewesen“, sagt eine Frau, die im Garten arbeitet. Mit Anneke hat sie
       sich nicht beschäftigt, „ich wohne doch erst ein Jahr hier“. Eine andere,
       die im schwarzen Chrysler vorfährt und dann die Mülltonnen wegstellt,
       meint, sie wisse nichts. Wieder eine andere sagt, sie habe gehört, Anneke
       habe es im 16. Jahrhundert mit den Frauenrechten gehabt. – Eine Metallsäge
       zerschneidet die Ruhe. Wenn sie aufhört: Vogelgezwitscher, Rotkehlchen,
       Dompfaff, in den blätterlosen Bäumen gerade gut zu erkennen. Hummeln
       umschwärmen, was schon blüht. „Entschuldigen Sie die Störung.“ „Sie stören
       nicht.“
       
       Unter dem Straßenschild vom Mathilde-Anneke-Weg steht: 1817–1884,
       Schriftstellerin, Journalistin, Frauenrechtlerin.
       
       Einen Tag später im philosophischen Frauensalon „PhiloSofa“, er findet
       dreimal im Jahr im IG-Metall-Bildungszentrum Sprockhövel, (dieser Stadt,
       die mit Anneke zu tun hat), statt. „Die Macht des Wortes“ ist Thema des
       Abends. Dinge zu benennen, habe mit Herrschaft und Macht zu tun, sagt eine
       Vortragende, „im Anfang war das Wort“. Zwanzig Frauen, alle lange dabei,
       den Salon gibt es seit 1999, sitzen im Kreis, reden über schöne und böse
       Worte und wie eines das andere gibt: Ich heiße dich willkommen – Ich heiße
       dich, etwas zu tun. Jemanden achten – und ächten. Er verlässt sich auf sie.
       – Sie verlässt ihn. Sprache hätten die Menschen von den Göttern, sagt eine.
       
       Eine andere wechselt das Thema, sagt: „Mathilde Franziska Anneke wird am
       3. April 200 Jahre alt.“ „Nein“, korrigiert die neben ihr, „sie würde 200
       Jahre alt“. Die erste widerspricht: „Bei Marx, der nächstes Jahr 200 wird,
       wird niemand würde sagen.“ Marx ist ein gutes Stichwort, Anneke kannte ihn.
       Sie hat so radikal gedacht, geschrieben, gehandelt wie er, auch wenn sie so
       gründlich vergessen wurde, dass, was noch an sie erinnerte, lange nur
       Zerrbilder waren. „Flintenweib“ wurde sie genannt, nachdem der Aufstand in
       Baden und der Pfalz 1849, an dem sie teilnahm, gescheitert war. Eine Dritte
       sagt: „Anneke wäre 200 Jahre geworden“, das klingt grammatikalisch korrekt
       – ach, was soll’s. Der Salon bekam im Jahr 2010 den ersten Anneke-Preis
       verliehen. Nur, wer war sie?
       
       Mathilde Franziska Annekes Leben ist voll. Geboren 1817 als ältestes von
       elf Kindern in eine wohlhabende Familie. Manche Kinder wurden katholisch,
       andere evangelisch getauft – das sei ungewöhnlich, schreiben die Biografen.
       Mathilde erhält wie ihre Brüder Unterricht, darf mit den Kindern von
       Bediensteten spielen, wird eine ausgezeichnete Reiterin dazu. Sie ist im
       heiratsfähigen Alter, als sich ihr Vater verspekuliert – die Familie ihren
       Lebensstandard nicht mehr halten kann. Sie verliebt sich in von Tabouillot,
       die Quellen geben das her, dass es Liebe war, heiratet ihn, er übernimmt
       die Schulden ihres Vaters. Sie bekommt ein Kind und verlässt den Mann
       wieder.
       
       ## Sie bekommt einen Sohn, lässt sich davon nicht stoppen
       
       Wer einen Bezug zu Anneke sucht, müsse sich ihr Leben anschauen, sagt Karin
       Hockamp, die Archivleiterin von Sprockhövel: Sich von einem gewalttätigen
       Mann zu trennen, sei das eine. Als Alleinerziehende aber unbedingt Geld
       verdienen zu müssen, das können Frauen nachvollziehen, die es erlebten.
       Hockamp kann es nachfühlen, sie war auch allein mit Kind. Eigentlich
       Lehrerin, aber als sie Anfang der neunziger Jahre an die Schule hätte gehen
       können, wurden Lehrer nicht gebraucht.
       
       Hockamp, auf den ersten Blick wirkt sie scheu, wartet im knallroten Mantel
       bei der Kirche von Niedersprockhövel, geht dann zum Archiv die Hauptstraße
       hoch. Was ist das überhaupt für eine Stadt, dieses Sprockhövel, dieser aus
       vielen Dörfern zusammengewürfelte Ort? Sie hätte auch lange dafür
       gebraucht, das zu verstehen, sagt sie. Historiker, wird gesagt, sollen kein
       Vaterland, keine Religion, keine Freunde haben – aber ohne Freunde könnte
       sie hier nicht leben. Anneke sei ihr übrigens in den Schoß gefallen; sie
       hat ein Buch über sie geschrieben, ein dünnes, damit viele Sprockhöveler es
       lesen.
       
       In Sprockhövel weiß man erst seit den 1980er Jahren wieder, dass diese
       bedeutende Frau im Ort gelebt hat. Eine amerikanische Wissenschaftlerin
       hatte die Stadt angeschrieben und gefragt, ob es Spuren von Anneke gibt.
       Gibt es. Das Geburtshaus an der B51, das Haus im eingemeindeten
       Blankenstein, wo sie aufwuchs. Und das gab es auch: Mit diesem Flintenweib
       wolle er nichts zu tun haben, soll der damalige Bürgermeister gesagt haben.
       Flintenweib – da war also etwas durchgesickert durch die Zeit.
       
       Zurück ins Jahr 1847: Mathilde ist verliebt in Fritz Anneke, folgt ihm nach
       Münster, heiratet, sie ziehen 1848 nach Köln, nehmen an Demonstrationen
       teil, die, beflügelt von der Revolution in Frankreich, auch in Deutschland
       das allgemeine Wahlrecht und Demokratie fordern. Sie gründen die Neue
       Kölnische Zeitung, die in einfacher Sprache geschrieben ist, weil sie sich
       an die Arbeiter wendet – Mathilde Franziska Anneke findet, dass alle
       Menschen, unabhängig von Stand und Geschlecht, Zugang zu Bildung und
       gleiche Rechte haben sollen. Da wird Fritz Anneke verhaftet und landet für
       Monate im Gefängnis – er sei Rädelsführer, das reichte, ihn einzusperren.
       Mathilde Franziska Anneke macht die Zeitung allein, schreibt hochschwanger
       einen Großteil der Artikel, bekommt einen Sohn, lässt sich davon nicht
       stoppen.
       
       Karl Marx lebt zeitgleich in Köln und gibt die Neue Rheinische Zeitung
       heraus. Als diese verboten wird, fordert er seine Korrespondenten auf, ihre
       Artikel an die Neue Kölnische Zeitung von Anneke zu schicken. Aber auch
       ihre Zeitung fällt unter die Zensur. Sie nennt sie um in Frauen-Zeitung –
       hoffend, dass eine Frauenzeitung für die Obrigkeit nicht so interessant
       ist. Im ersten Leitartikel der Frauen-Zeitung fordert sie, dass die Kirche
       nicht länger die Hoheit über die Schulen haben darf. Aber bereits beim
       dritten Erscheinen wird auch die Frauen-Zeitung verboten.
       
       Schon das müsste reichen, um diese Frau bekannt zu machen. Nur, da kommt
       noch viel mehr.
       
       ## „Frauen haben Anrecht auf kulturelle Repräsentation“
       
       In Köln, unweit der Florastraße, da wo die letzte, bis 1904 von Pferden
       gezogene Straßenbahn endete und die Stadt Patina bekommen hat, das Alte
       jetzt neu und das Neue alt wirkt, wo Menschen an einem verschleierten
       Frühfrühlingstag, die Farben nicht zu grell, wartend rumstehen, in der
       Tonlage besänftigt, manche auch draußen sitzen für einen schnellen Kaffee,
       tapfer und etwas gekrümmt, um die Körperwärme zu halten (warum gaffst du
       so, fragt jemand, weil du schön bist, die Antwort), da wohnt Irene Franken.
       
       Franken, Historikerin, die in den achtziger Jahren den Kölner
       Frauengeschichtsverein gründete, sorgte dafür, dass von der Fassade des
       Kölner Ratsturms nicht nur 106 Männer herabschauen auf den Alten Markt. 18
       Frauen, die in Köln wirkten, zieren die Fassade nun ebenso: Irmgard Keun,
       Schriftstellerin. Edith Stein, Philosophin. Die Postmeisterin Katharina
       Henot, 1627 als Hexe verbrannt. Und Agrippina, „sie hat unsere Stadt“
       gegründet. („Unsere“ – das ist eine Liebeserklärung.)
       
       Auch eine Statue von Mathilde Franziska Anneke hängt am Ratsturm. „Frauen
       haben Anrecht auf kulturelle Repräsentation“, sagt Irene Franken. Nur, wie
       wird so eine vergessene Frau wie Anneke für uns wieder lebendig? „Indem man
       das sucht, was sie mit heute verbindet“, meint Franken und zählt auf: Dass
       Anneke vor 200 Jahren das Recht auf ein freies Leben einforderte. Dass sie
       sich Entwicklungen erlaubte: von der Gebetbuchschreiberin zur Freidenkerin.
       „Toll auch: Dass sie das Recht einforderte, als Frau gleich behandelt zu
       werden wie ein Mann. Davon profitieren wir bis heute.“ Dass sie ihre
       Handlungsspielräume erweiterte und das einsetzte, was sie konnte: „Als sie
       Geld brauchte, wurde sie Schriftstellerin; im badischen Feldzug wiederum
       setzte sie darauf, dass sie eine begnadete Reiterin war.“ Mathilde
       Franziska Anneke war Ordonnanzoffizierin, Berichterstatterin, brachte
       Nachrichten von hinten nach vorn an die Front.
       
       Der Blick auf historische Personen sei nie statisch, sagt Franken. Heute
       könnte auch von Interesse sein, dass Fritz Anneke im Exil in den USA nicht
       richtig Fuß fassen konnte, seine Frau sehr wohl. Eine Erfahrung, die sich
       gegenwärtig bei Migrationsbiografien von Männern und Frauen wiederholt.
       „Und“, so Irene Franken: „Anneke ist wichtig, weil sie in der Lage war,
       Frauenrechte und die Abschaffung der Sklaverei zusammenzudenken.“ (Franken
       erwähnt hier Lebensabschnitte von Anneke, die noch gar nicht erzählt sind:
       der badische Feldzug, das Exil, ihr Kampf fürs Frauenwahlrecht und gegen
       Sklaverei.)
       
       Noch ist Mathilde Franziska Anneke nämlich in Köln. Ihr Mann wird Ende 1848
       aus dem Kerker entlassen und sofort wieder aktiv in der Demokratiebewegung.
       Schon Anfang Mai 1849 verlässt er Köln indes, weil ihm erneut Verhaftung
       droht. Die in Frankfurt tagende Nationalversammlung hatte am 28. März 1849
       die Verfassung des Deutschen Reichs verabschiedet, die die Vorherrschaft
       des Adels ablösen sollte. Der preußische König und die Einzelstaaten Bayern
       und Hannover erkannten sie nicht an, es kam zu Aufständen, nur in der Pfalz
       und Baden hielt sich der Widerstand. Fritz Anneke schließt sich, als Führer
       einer Truppe, den Aufständischen in der Pfalz an. Und im Sommer 1849 stößt
       Mathilde Franziska Anneke zu ihnen, sechs Wochen zieht sie mit den
       Freischaren mit und am Ende, als die Festung Rastatt nicht mehr gegen die
       preußische Übermacht zu halten ist, flüchten sie und ihr Mann über den
       Rhein nach Frankreich. Von dort aus gehen sie, wie viele „Fortyeighter“,
       ins Exil in die USA.
       
       „Hey, da ist eine, die hat ganz viel gemacht“, sagt eine Schülerin, der
       Mathilde-Anneke-Schule in Sprockhövel. Jetzt könnte die Geschichte zu Ende
       sein – und ist es nicht.
       
       ## Sie tritt gegen die Sklaverei ein und für das Frauenwahlrecht
       
       In Bad Dürkheim lebt Diana Ecker und arbeitet als Psychotherapeutin. Die
       Pfalz, sagt sie, sei am allerschönsten in Deutschland. Wie um das zu
       bestätigen, zeigt sie vom Garten ihres Hauses am Hang über die hügelige
       Landschaft. Ecker will eigentlich nicht so viel von sich preisgeben –
       Therapeuten wollen nicht, dass Patienten sich mit ihnen beschäftigen. Jetzt
       ist sie im Zwiespalt, denn andererseits will sie, dass Anneke bekannt ist.
       Im Sommer des Jahres 2009 nämlich wanderte Ecker den Weg nach, den Mathilde
       Franziska Anneke im badisch-pfälzischen Aufstand ging. „Anneke ist mit dem
       Revolutionszug durch die Gegend geritten, die ich sehr gut kenne.“ Sie kam
       auch durch Wörth, wo Ecker geboren wurde. „Ich wollte sehen, was sie
       gesehen hat.“ So versucht Ecker dieser Anneke näherzukommen, sie zu
       verstehen, „sie war nicht nur Politikerin, sie war Mensch“.
       
       Dann erzählt Ecker, wie Anneke ihren Mann suchte in der Pfalz, ihn in
       Kaiserslautern vermutet, nur bis Frankenstein kommt, ihren Fritz nicht
       findet, mit den Freischaren weiterzieht, und er sie, da ihm kundgetan
       wurde, dass seine Frau ihn sucht, ebenfalls sucht, und sich die beiden auf
       halber Strecke zwischen Frankenstein und Neustadt finden, „oh, man merkt,
       sie haben sich geliebt. Liebe gibt Nähe“, sagt Ecker.
       
       Ein Jahr beschäftigt sich Ecker mit Anneke, in einer Zeit, in der sie sich
       fragte, wie ihr Leben weitergehen soll. „Was Anneke sich zugetraut hat, hat
       mich inspiriert, auch Neues anzufangen.“ Ecker schreibt ein Buch über diese
       Reise zu der Frau, in die Zeit. Es wird von einem Kritiker verrissen. Was
       soll das sein, diese Leutseligkeit. (Leut-Seligkeit.) „Ich wollte sie zur
       Freundin“, sagt Ecker.
       
       Je näher Ecker bei ihrer Anneke-Reise Rastatt kommt, in deren Festung die
       Revolutionäre endgültig geschlagen wurden, desto mehr spürt sie, wie groß
       Hoffnungen sein müssen, um das auf sich zu nehmen, was Mathilde Franziska
       Anneke auf sich genommen hat. „Und sie hat sich selbst in der Niederlage
       nicht aufgegeben.“
       
       In den USA gründet Anneke wieder Zeitungen, schreibt Bücher, bekommt noch
       fünf Kinder und erlebt, wie fünf ihrer sieben Kinder sterben. Sie tritt
       aktiv gegen die Sklaverei ein und für das Frauenwahlrecht und schreckt
       nicht vor dem Versuch zurück, einen Kampfgefährten der
       Anti-Sklaverei-Bewegung aus dem Gefängnis zu befreien.
       
       ## Geschichte studiert, aber dabei nie von Anneke gehört
       
       Von ihrem Mann entfremdet sie sich. Er gilt als rechthaberisch in allem,
       was er tut. Er geht zurück nach Europa, um über Garibaldis Kampf in Italien
       zu berichten, und später, wieder in den USA, im amerikanischen Bürgerkrieg
       auf Seiten der Nordstaaten zu kämpfen – erreicht mit seinem Starrsinn aber
       nur, dass man ihn aus der Armee ausschließt. Emotionalen Rückhalt findet
       Mathilde Franziska Anneke jetzt bei ihrer Freundin Mary Booth. Ihrem Mann
       schreibt Anneke, dass sie ihn immer unterstützt habe, dass er aber
       inzwischen ihrer „Individualität, die nun mal sehr weit sich aus dem
       gewöhnlichen Kreis herausgerungen hat“, niemals mehr Rechnung tragen könne.
       
       1860 geht auch sie noch einmal nach Europa. Ihre Gesundheit ist
       angegriffen, die Luft in den Bergen soll heilen. Fünf Jahre lebt sie in der
       Schweiz, schreibt für Zeitungen – mitunter hat sie kaum Geld. Mary Booth
       ist mitgekommen – sie nennt es Liebe, was beide verbindet: „Ich gehe nie
       ohne Maria. Wir verlassen uns keine Stunde. Sie sitzt neben mir, wenn ich
       arbeite, und wir sind glücklich, daß wir uns gefunden, um uns nie wieder
       voneinander zu trennen“, heißt es in einem Brief.
       
       Allerdings ist Mary Booth krank, 1864 geht diese zurück in die USA, sie
       will ihr Kind noch einmal sehen. Im April 1865 stirbt sie. Im gleichen Jahr
       kehrt Anneke in die USA zurück und gründet mit Cäcilie Kapp, einer neuen
       Weggefährtin, in Milwaukee, wo viele Deutsche leben, eine Mädchenschule.
       Anneke leitet sie, unterrichtet auch, der Unterricht progressiv, der
       Lehrplan fortschrittlich, Religionsstunden gibt es keine. Die Berichte über
       ihre Schule sind überschwänglich – Anneke war zu Lebzeiten Vorbild. Neben
       ihrer Arbeit setzt sie sich weiter fürs Frauenwahlrecht ein und wird fast
       bis zu ihrem Tod 1884 in Amerika eine der wichtigsten Kämpferinnen dafür –
       in den USA anerkannt und geehrt.
       
       Und in Sprockhövel, dieser Stadt im Ruhrgebiet. Da wird ihr 200. Geburtstag
       begangen. Mit Konzerten, Führungen, der Verleihung des Anneke-Preises und
       mit Schattentheater an der Anneke-Schule. (Direkt neben der Schule stehen
       die Container, in denen Flüchtlinge wohnen.)
       
       In einem dunklen Raum proben fünf Neuntklässlerinnen und ein Junge aus der
       Zehnten, die meisten mit einer Migrationsbiografie, Albanien, Italien,
       Syrien. In bewegten Scherenschnitten stellen sie Szenen nach aus Annekes
       Leben. Wie sie von ihrem Mann geschlagen wird, wie sie sich neu verliebt,
       wie sie für Freiheit kämpft, wie sie mit nichts, nicht mal einem Koffer,
       flüchtet. Die Schülerinnen sind aufgeregt, wortkarg, sie suchen gegenseitig
       ihre Nähe, eine spielt mit den Haaren der, die vor ihr sitzt. Ja, sie
       finden toll, was Anneke gemacht hat. Liebe, Gewalt, da können sie andocken.
       Die Lehrerin, die die Schattentheater-AG leitet, assistiert, als die
       Mädchen verstummen. „Gut fanden sie“, sagt sie, „dass sich Anneke auch in
       Frauen verliebt hat. Das hat sie beeindruckt.“ Und sie erzählt noch, dass
       sie Geschichte studierte, aber von Mathilde Franziska Anneke dabei nie
       erfuhr.
       
       1 Apr 2017
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Waltraud Schwab
       
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