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       # taz.de -- Altersfeststellung soll die Regel werden: CDU will junge Flüchtlinge röntgen
       
       > Niedersachsens CDU-Fraktionschef Björn Thümler wittert ein
       > „Geschäftsmodell“ hinter der Einreise vermeintlich minderjähriger
       > Flüchtlinge und will ihr Alter prüfen lassen.
       
   IMG Bild: Hand eines 16- bis 19-jährigen Menschen – genauer lässt sich das auch per Röntgen nicht sagen
       
       Göttingen taz | In der Flüchtlingspolitik hat die niedersächsische CDU
       wieder ein neues Fass aufgemacht. Im Fokus stehen dieses Mal unbegleitete
       minderjährige Flüchtlinge. Ihre Altersangaben müssten von den Behörden
       strenger kontrolliert werden als bislang, fordert die Union. Die ärztliche
       Altersüberprüfung müsse bei Zweifelsfällen „nicht die Ausnahme, sondern die
       Regel“ sein, sagte CDU-Fraktionschef Björn Thümler der Neuen Osnabrücker
       Zeitung.
       
       Allein reisende minderjährige Flüchtlinge genießen in Deutschland
       besonderen Schutz. Anders als Erwachsene müssen sie zunächst nicht ins
       Asylverfahren, sondern kommen in die Obhut der Jugendhilfe. Statt in
       Massenquartieren werden sie meist in Wohngruppen oder bei Familien
       untergebracht. Und sie haben Anspruch auf Schulbildung und eine
       Krankenversicherung. Das kostet natürlich Geld. Nach Medienberichten muss
       der Staat für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling etwa 600.000
       Euro aufwenden, das wäre das Fünf- bis Sechsfache der Summe für volljährige
       Asylsuchende.
       
       ## Zweifel an der Altersangabe in jedem siebten Fall
       
       Wie das Sozialministerium in Hannover auf eine Anfrage Thümlers mitteilte,
       nahmen die niedersächsischen Jugendämter zwischen November 2015 und Mitte
       Januar 2017 insgesamt 4.927 Geflüchtete in Obhut, die nach eigenen Angaben
       minderjährig waren. Wie alt sie tatsächlich sind, steht oft nicht fest. In
       926 Fällen wurde das Alter anhand von Ausweispapieren festgestellt, in
       3.213 Fällen stützten sich die Behörden zunächst auf die Aussagen der
       Flüchtlinge.
       
       Bei 683 Personen gab es Zweifel an diesen Altersangaben, in 157 Fällen
       folgten ärztliche Untersuchungen. In 90 Fällen kam laut Ministerium heraus,
       dass die Betroffenen wohl schon volljährig waren, in drei Fällen war das
       Ergebnis nicht eindeutig. Die Zahlen sind unvollständig, weil nur 42 der 55
       angefragten Jugendämter Auskunft gaben.
       
       Aus Sicht von Thümler hat das Verschweigen des wahren Alters Methode.
       Gerade unter ausländischen jungen Männern habe sich offenbar
       herumgesprochen, dass eine Unterbringung als unbegleiteter minderjähriger
       Flüchtling angenehmer sei, als im Asylbewerberheim wohnen zu müssen. „Die
       Landesregierung darf nicht länger zusehen, wie sich ein Geschäftsmodell
       etabliert, bei dem Eltern ihre Kinder mit Schleppern nach Deutschland
       schicken, um sie hier gut versorgt zu wissen und womöglich anschließend vom
       Familiennachzug zu profitieren.“
       
       Das Sozialministerium weist Thümlers Forderung nach regelmäßigen Kontrollen
       zurück. Sie seien meistens unnötig und bedeuteten Eingriffe in die
       Selbstbestimmung oder körperliche Unversehrtheit. Ohnehin könnten nur
       Näherungswerte erhoben werden.
       
       Mediziner können das Alter durch Begutachtung der körperlichen Reife, etwa
       anhand von Zähnen, Handwurzelknochen, Händen, Schlüsselbeinen oder
       Genitalien, schätzen. Die Weisheitszähne sind in der Regel erst dann
       komplett entwickelt wenn ein Mensch volljährig ist. Dasselbe gilt für die
       Knochen der Hand – ihre sogenannten Wachstumsfugen schließen sich erst,
       wenn ein Jugendlicher etwa 18 Jahre alt ist.
       
       ## Umstrittene Methode
       
       Unter Medizinern gibt es allerdings hitzige Debatten über diese
       medizinischen Altersschätzungen. Die Fehlerquote dieser Untersuchungen sei
       viel zu groß, kritisierte kürzlich etwa der Sprecher des schwedischen
       Kinderärzteverbands, Anders Hjern – das skandinavische Land hatte im Herbst
       die gesetzliche Möglichkeit zu Kontrolluntersuchungen bei jugendlichen
       Flüchtlingen geschaffen.
       
       „Die Befürworter dieser medizinischen Methoden verschweigen gerne, dass
       sich die Wachstumszonen der Handknochen schließen, wenn ein Mensch um die
       18 Jahre ist“, sagte Hjern. „Das bedeutet, dass die Sicherheitsmarginale
       extrem klein ist und dass ein Jugendlicher ebenso noch unter 18 Jahren sein
       kann, wenn sich die Handknochen bereits vollständig ausgebildet haben.“
       Kritiker bemängeln zudem, dass bei diesen Untersuchungen Röntgenstrahlen
       eingesetzt werden, obwohl das aus medizinischer Sicht nicht notwendig sei.
       
       Das Niedersächsische Sozialministerium wies darauf hin, dass auch Gerichte
       die Zulässigkeit von Röntgenuntersuchungen unterschiedlich bewertet haben.
       Zudem verursachten sie unverhältnismäßige Kosten in den Fällen, in denen
       die Zweifel auch anderweitig ausgeräumt werden könnten.
       
       26 Mar 2017
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Reimar Paul
       
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