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       # taz.de -- Gescheiterte Aufklärung des VW-Skandals: Die Autokratie
       
       > Diese Woche enden die Befragungen im VW-Untersuchungsauschuss.
       > Entscheidende Fragen wurden dort erst gar nicht gestellt.
       
   IMG Bild: Was wussten die VW-Chefs in den oberen Etagen über den Abgasbetrug?
       
       Am 19. Januar um kurz nach zehn morgens ist klar: Die Revolution fällt mal
       wieder aus. In Raum 3101 des Bundestags-Bürogebäudes am Spreeufer in Berlin
       sitzt Herbert Behrens, Sozialist, Gewerkschafter und Linken-Abgeordneter,
       vor dem Klassenfeind. Vor einem Mann, der einmal Herr über 600.000
       Angestellte war, 17 Millionen Euro im Jahr verdiente und auf Wunsch Termine
       bei Ministern bekam. Martin Winterkorn hat Deutschlands größtes Unternehmen
       VW an den Rand des Abgrunds geführt. VW hat aus Profitgier Gesetze
       gebrochen, muss 20 Milliarden Euro Strafe zahlen und hat 30.000 Jobs
       gestrichen.
       
       An diesem Tag sagt Winterkorn im Untersuchungsausschuss des Bundestages zur
       Abgasaffäre aus. Herbert Behrens, der Ausschussvorsitzende, kann ihn zur
       Rede stellen. Und seine erste Frage lautet: „Hatte man sich in Ihrem
       Konzern vor Aufdeckung des Skandals eine Meinung gebildet zur Reichweite
       der EU-Verordnung 715/2017?“
       
       Eigentlich sollte es der Tag der Abrechnung sein. Behrens, helles Hemd zum
       dunklen Wollsakko, als Inquisitor. Fünf Meter vor ihm, geschützt von einem
       untadeligen Anzug und zwei Anwälten, der ehemalige Gigant des globalen
       Kapitalismus. Aber was folgt, ist keine Anklage, sondern ein ruhiges
       Expertengespräch. Winterkorn sagt: „Ich wurde nicht informiert.“ Und die
       Volksvertreter sind froh, dass er überhaupt zu ihnen spricht.
       
       Ulrich Lange, CDU-Obmann: „Wir versuchen mal, wie weit wir hier kommen mit
       der Aufklärung.“ 
       
       Winterkorn: „Aber Sie verstehen mich schon, dass mir …“ 
       
       Lange: „Ich verstehe Sie sehr wohl. Aber Sie verstehen auch unsere Rolle.“ 
       
       Winterkorn: „Natürlich, natürlich.“ 
       
       ## Enge Verflechtungen
       
       Das gegenseitige Verständnis zwischen Fragenden und Befragten in diesem
       Ausschuss ist oft groß. Seit Herbst verhören 16 Parlamentarier
       Behördenchefs, Politiker, Techniker und Angestellte aus den Ministerien.
       Sie sollen klären, was die Bundesregierung vom Abgasbetrug wusste und was
       sie dagegen tat. Aber die Gespräche und Akten zeigen etwas
       Darunterliegendes: wie eng in Deutschland Politik, Behörden und
       Autoindustrie verflochten sind.
       
       12. Sitzung, 10. November 2016. 
       
       Ausschussmitglied Christian Müller, CDU: „Das Problem ist ja: Wir müssen
       hier etwas aufklären. Wir stehen sehr im Licht der Öffentlichkeit.“
       
       Untersuchungsausschüsse sind die schärfste Waffe des Parlaments. Sie können
       Akten anfordern, interne Mails lesen, Zeugen vorladen. Sie haben allein in
       dieser Legislaturperiode ans Licht gebracht, wen der Geheimdienst BND
       bespitzelt und wie der Verfassungsschutz bei der Suche nach
       NSU-Rechtsterroristen versagt hat.
       
       Der Abgas-Ausschuss zeigt: Deutschland ist eine Autokratie.
       
       Zeuge nach Zeuge belegt eine Symbiose von Autobauern, Behörden und Politik.
       Die Behörden wussten sehr früh, dass die Abgaswerte der Autobauer nicht in
       Ordnung waren; sie wurden gewarnt und hatten eigene Zweifel. Aber sie
       wurden nicht selbst aktiv und wimmelten lästige Fragesteller ab. Fast alle
       Aussagen lassen sich so zusammenfassen: Alle haben vermutet, dass betrogen
       wurde. Aber keiner wollte es so genau wissen. Manchmal bis heute nicht.
       
       ## „Organisiertes Staatsversagen“
       
       Die Opposition im Ausschuss erkennt man einfach: Sie trägt keinen Schlips.
       Oliver Krischer, grüner Verkehrsexperte („Ich fahre seit Jahrzehnten VW
       Passat“) spricht von „organisiertem Staatsversagen“ und schimpft auf die
       Industrie. Herbert Behrens, ein schlaksiger Mann mit ernstem Gesicht und
       weißen Haaren, sorgt sich vor allem um die Arbeitsplätze bei VW und Co. Wo
       sonst gibt es noch so viele gut bezahlte, tariflich abgesicherte Stellen?
       Die Autobetriebe sind die Machtbasis der IG Metall. Bei VW geht ohne oder
       gegen den Betriebsrat gar nichts. Deshalb war Behrens’ Fraktion anfangs
       auch nicht begeistert. Der Ausschuss verursacht viel Arbeit und schadet
       vielleicht den Kollegen in den Betriebsräten.
       
       Die Untersuchung solle „das vorbildliche mitbestimmte Unternehmen VW“ nicht
       angreifen, versichert Behrens vor Beginn.
       
       Trotz dieser Zerrissenheit startet er mit hohen Erwartungen: „Wir wollen
       hier Beeinflussungsstrukturen offenlegen“, sagt Behrens Anfang September in
       einem kargen holzgetäfelten Besprechungszimmer des Bundestags, als die
       Arbeit losgeht. Er hat gerade die ersten paar hundert der insgesamt 2.000
       Aktenordner aus den Ministerien bekommen. Viele sind wegen angeblicher
       Betriebsgeheimnisse geschwärzt. Oft dokumentieren die Akten nur das
       gewollte Wegsehen.
       
       Aktennotiz des Umweltministeriums, 20. März 2008: 
       
       „Die moderne Fahrzeugelektronik ermöglicht es, die Fahrzeuge mit
       Einrichtungen auszustatten, die den Betrieb im NEFZ auf dem Rollenprüfstand
       (die vorgeschriebenen Abgastests in der Garage, Anmerkung der Redaktion)
       erkennen, so dass auf ein für die Abgas- und/oder Verbrauchsmessung
       optimiertes Motorkennfeld umgeschaltet wird, das vom normalen Betrieb
       abweicht (sog. cycle-beating). Die Überprüfung, ob derartige Einrichtungen
       vorhanden sind, ist bisher (…) nicht vorgesehen.“
       
       Das Umweltministerium ahnte also 2008 konkret, dass und wie der Betrug
       funktionierte. Sigmar Gabriel war damals SPD-Umweltminister.
       
       18. Sitzung, 15. Dezember 2016. 
       
       Sigmar Gabriel: „Niemand war damals in der Lage, Beweise für diesen
       Verdacht zu liefern, auch weil es die technischen Möglichkeiten nicht gab.“ 
       
       ## Nur Fragen direkt zur Sache
       
       Auf Herbert Behrens’ große Erwartungen folgt bald die Ernüchterung. Der
       Ausschuss darf nur den Zeitraum 2007 bis 2016 untersuchen, erlaubt sind
       ausschließlich Fragen direkt zur Sache. Die Arbeit muss nach einem halben
       Jahr fertig sein. Gegen die Behörden zu klagen, wenn sie Dokumente
       schwärzen, ist praktisch aussichtslos: Ein Urteil käme viel zu spät. Und:
       Die Große Koalition hält sechs von acht Sitzen im Ausschuss. Union und SPD
       sollen also gegen eigene Parteifreunde in Behörden und Ministerien
       ermitteln.
       
       Raum E 700 im Berliner Paul-Löbe-Haus neben dem Reichstag. Der Ausschuss
       tagt. Die Luft ist stickig, stundenlang sitzen die Abgeordneten über ihren
       Fragen und Notizen. Manche Treffen dauern 14 Stunden, draußen gibt es
       Käsebrötchen und Kaffee, unterbrochen wird nur kurz.
       Untersuchungsausschüsse sind kein Spaß, sie kosten viel Zeit und Nerven.
       Behrens leitet den Ausschuss und muss sich gleichzeitig auch noch auf seine
       eigenen Fragen konzentrieren.
       
       Von den Wänden blicken ernst die Fotos ehemaliger Politiker aus den
       Ausschüssen für Petitionsrecht und Umweltschutz. Der Abgasskandal hat beide
       Anliegen ramponiert. Stickoxide aus Automotoren führen in Deutschland nach
       statistischen Berechnungen jedes Jahr zu 10.000 zusätzlichen Toten. Warum
       haben die Behörden nicht eingegriffen?
       
       23. Sitzung, 13. Februar 2017. 
       
       Referatsleiter A., Verkehrsministerium: „Wir kamen zu dem Ergebnis, dass
       eine konkrete Gefahr nicht besteht.“
       
       ## Kampf um die Deutungshoheit
       
       Je öfter der Ausschuss tagt, desto größer wird die Kluft zwischen
       Opposition und Koalition. Behrens und sein Kollege von den Grünen sehen
       immer mehr Belege für das Nichthandeln der Behörden. Unions-Obmann Ulrich
       Lange nennt den Ausschuss „sehr viel Aufwand mit sehr wenig Ertrag“.
       SPD-Politikerin Kirsten Lühmann weiß schon „etwa sechs Wochen nach Beginn,
       dass da nichts mehr kommt“. Alle Zeugen hätten bestätigt, dass die Behörden
       damals bei VW nichts hätten finden können und dass die
       Abschalteinrichtungen der anderen Hersteller legal seien. „In einem
       Rechtsstaat kann eine Behörde nicht einfach auf Zuruf irgendetwas machen“,
       sagt Lühmann, im Zivilberuf Polizistin. Allerdings wurden in diesem
       Rechtsstaat die Gesetze zu Umwelt- und Gesundheitsschutz jahrelang
       gebrochen. Das interessiert im Ausschuss nur am Rande.
       
       Welche Abgeordneten hier sitzen, ist kein Zufall. Viele kümmern sich in
       ihren Fraktionen um Verkehrspolitik. Und damit um die Autokonzerne in ihrer
       Heimatregion.
       
       Rechts vom Vorsitzenden sitzt die Union: Obmann Ulrich Lange kommt aus
       Nördlingen, wo Hunderte von Leuten jeden Tag nach Ingolstadt pendeln: zum
       Stammsitz von Audi, 43.000 Jobs.
       
       Neben ihm: Carsten Müller, Braunschweig, wo VW mit 6.600 Jobs der größte
       Industriebetrieb ist. Müller leitet den „Parlamentskreis Automobiles
       Kulturgut“ für Oldtimer-Fans.
       
       Neben ihm: Uwe Lagosky, Salzgitter, wo VW seine Motoren bauen lässt, 6.500
       Jobs.
       
       Neben ihm: Veronika Bellmann, Wahlkreis Mittelsachsen, wo gleich nebenan in
       Chemnitz und Zwickau 10.000 Menschen bei VW arbeiten.
       
       Links von Behrens: die SPD. Obfrau Kirsten Lühmann kommt aus Celle, 50
       Kilometer von Wolfsburg. Im VW-Land hängt jeder dritte Industriejob an VW.
       
       Die Stellvertreter: Thomas Viesehon, CDU, stammt aus Kassel, wo das
       VW-Getriebewerk 13.300 Jobs garantiert.
       
       Steffen Bilger, CDU, aus Ludwigsburg. Direkte Nachbarschaft: VW-Tochter
       Porsche, fast 10.000 Stellen.
       
       Johann Saathoff, SPD, Wahlkreis Emden. Im VW-Werk gibt es 9.500 Jobs.
       
       SPD-Umweltpolitikerin Ulli Nissen stammt aus Frankfurt. Nebenan in
       Rüsselsheim beschäftigt Opel mehr als 14.000 Menschen.
       
       ## Autokonzerne sind wichtige Parteispender
       
       Neun von zwölf Abgeordneten und Stellvertretern der Großen Koalition im
       Ausschuss kommen aus Regionen, wo die Menschen von der Autoindustrie leben.
       Die Branche gibt an, direkt und indirekt jeden siebten deutschen Job zu
       sichern. Unabhängige Studien fehlen.
       
       Die Autokonzerne sind wichtige Parteispender. Und 2017 ist ein großes
       Wahljahr. Vor der letzten Bundestagswahl 2013 flossen von den Kfz-Bauern
       und ihren Zulieferern laut Lobbycontrol 3,5 Millionen Euro an die Parteien:
       1,9 Millionen an die CDU, 870.000 an die CSU, 270.000 an die SPD und
       180.000 an die Grünen. Das waren etwa 2 Prozent aller Spenden bei der SPD,
       4 Prozent bei den Grünen, 6 Prozent bei der Union. Nur die Linke ging leer
       aus.
       
       Herbert Behrens sitzt in seinem Büro hinter dem Reichstag. Auf dem Tisch
       ein Kaffeeservice „125 Jahre Arbeiter-Samariter-Bund“, an den Wänden Karten
       vom Fernstraßennetz und Nachtzuglinien. Behrens ist Arbeiterkind aus dem
       Bremer Umland, Schriftsetzer, Sozialwissenschaftler auf dem zweiten
       Bildungsweg, Gewerkschafter. Auch bei ihm zu Hause steht ein großes
       Mercedes-Werk mit 12.000 Jobs. Im Studium hat Behrens dort in den neunziger
       Jahren zwei Jahre lang am Band gearbeitet, „Wir haben im
       drei-Schichten-Betrieb die C-Klasse gebaut, nach der Nachtschicht war dir
       alles egal.“
       
       Auf dem Flur vor seinem Büro hängt eine Comic-Grafik. Da wird „Kommunismus“
       mit vielen Pfeilen erklärt, von „klassenloser Gesellschaft“ bis
       „Machtfrage“. Behrens war bis 1989 in der DKP. Heute tut er sich schwer mit
       der Bezeichnung Kommunist. „Sozialist trifft es besser.“ In der
       marxistischen Theorie gibt es den Begriff „Stamokap“ –
       „Staatsmonopolkapitalismus“, in dem Wirtschaft und Staat verschmelzen.
       Trifft das für ihn bei der Autoindustrie in Deutschland zu? „Ja, durchaus“,
       sagt Behrens, „das muss man so sehen.“
       
       ## Es geht um den Standort
       
       In seinem Ausschuss sind scharfe Debatten nicht gefragt. Die stundenlangen
       Fragerunden schläfern Frager und Beobachter ein. Man muss nicht an die
       Stamokap-These glauben, aber der Abgas-Ausschuss zeigt: Unternehmen
       schließen mit Behörden und Politik die Reihen, wenn es um den Standort
       geht. Die Deutschland AG auf Rädern.
       
       Greenpeace hat 2016 ein „Schwarzbuch Autolobby“ veröffentlicht. Inhalt: 33
       Porträts von Politikern und Lobbyisten. „Mitunter verwischt die Grenze
       zwischen Lobbyist und Politiker“, schreibt der Umweltverband. Es sind
       bekannte Namen, die als Kanzler, Minister oder Ministerpräsident die
       Industrie fördern – aber auch frühere Abgeordnete, die noch im Staatsdienst
       von ihrem früheren Auto-Arbeitgeber ein Gehalt bezogen oder schlicht die
       Seiten wechselten.
       
       Für den VW-Ausschuss bedeutet das, dass die meisten Beamten und Politiker
       derselben Erzählung folgen, „ihr Drehbuch“, nennt Herbert Behrens es. Es
       geht so: Die Behörden hatten keinerlei Verdacht. Und haben sich nur an die
       Regeln gehalten.
       
       24. Sitzung, 16. Februar 2017. 
       
       Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU): „Ohne Erkenntnis über illegale
       Abschalteinrichtungen gibt es auch keinen Grund, sie zu suchen.“
       
       22. Sitzung, 26. Januar 2017. 
       
       Referatsleiter A., Verkehrministerium: „Es gab keinen Zweifel, es gab keine
       Hinweise auf Betrug. Als ich das von VW gehört habe, bin ich fast vom Stuhl
       gefallen.“
       
       ## Erst war es nur ein Verdacht
       
       Schon Jahre zuvor war allerdings im Verkehrs- und Umweltministerium die
       Deutsche Umwelthilfe, kurz: DUH, aufgetaucht, um vom Verdacht zu berichten,
       die Autobauer nutzten illegale Abschalteinrichtungen. Immer wieder wies der
       Geschäftsführer Jürgen Resch öffentlich auf die Messergebnisse und ihren
       Verdacht hin.
       
       Notiz Umweltministerium, 24/25. April 2012: 
       
       „Resch warf der Industrie (…) planmäßige ‚Cycle Beating‘-Maßnahmen vor. Ein
       zweiter konkreter Vorwurf war, dass die Hersteller NEFZ-Erkennungsprogramme
       (Programme, die erkennen, dass das Auto gerade getestet wird, Anmerkung der
       Redaktion) eingebaut habe, die die Motorsteuerung ändern, wenn ein NEFZ
       gefahren wird.“
       
       Was hätten die Behörden gebraucht, um selbst zu prüfen? Am besten
       rechtskräftige Beweise der Kritiker, sagen die Zeugen. Messergebnisse und
       Vermutungen haben nicht gereicht, damit das Kraftfahrtbundesamt ermittelte.
       
       18. Sitzung, 15. Dezember 2016. 
       
       Peter Altmaier, CDU, ehemaliger Umweltminister: „Es gab keinerlei rechtlich
       verwertbare Hinweise von der DUH, keinerlei konkrete Unterlagen, keinerlei
       Beweismittel von Herrn Resch.“
       
       16. Sitzung, 1. Dezember 2016. 
       
       Jürgen Resch, DUH-Geschäftsführer: „Das ist die Linie, die durchgehalten
       wird. Man sagt: Alle Hinweise, alle Abweichungen, so klar die auch illegal
       sind, blieben irrelevant, solange der Beweis nicht da ist. Wir haben an
       Deutlichkeit eigentlich nichts ausgelassen. Aber danach wollte man es
       meines Erachtens eben nicht mehr hören.“
       
       In dieser Sitzung geht CDU-Obmann Lange den Zeugen DUH-Chef Resch so
       frontal an, wie kein Behördenmitarbeiter oder Politiker im Ausschuss sonst
       angegriffen wird.
       
       Lange: „Wenn Sie vorsätzlich rechtswidriges, kriminelles Verhalten
       vorwerfen, dann müssen Sie das Ganze der Staatsanwaltschaft melden und zur
       Anzeige bringen. Bei welcher Staatsanwaltschaft haben Sie konkret welches
       Mitglied der Bundesregierung zur Anzeige gebracht?“
       
       Resch: „Bei keiner.“
       
       Lange: „Dann frage ich Sie nochmal: Halten Sie an der Aussage ‚vorsätzlich
       rechtswidriges kriminelles Verhalten‘ fest? (…)„ 
       
       Resch: „Nach meinem Rechtsverständnis ist das ein strafbares Verhalten (…).
       Ich bleibe bei meiner Aussage.“
       
       Lange: „(…) Wenn Sie solche Dinge in den Raum stellen und sie dann nicht
       zur Anzeige bringen, dann habe ich schon ein gewisses Problem mit Ihrer
       Aussage. (…) ich glaube nicht, dass (…) das der Beweisführung hier in
       diesem Untersuchungsausschuss in irgendeiner Form dienlich ist. Ich kann
       nämlich nicht erkennen, welchen Beweiswert Ihre Ausführung haben soll,
       außer einer polemischen Bewertung und dem in einem Rechtsstaat nicht
       nachvollziehbaren Hinweis auf eine, ich sage das ganz offen – unserem
       Grundgesetz widersprechende Beweislastumkehr.“
       
       Stephan Kühn (Grüne): „Das hat meines Erachtens nichts mit dem
       Untersuchungsausschuss zu tun, diese Frage.“
       
       Lange: „War ja keine Frage!“
       
       ## Der Skandal bleibt aus
       
       Für die Abgeordneten der Großen Koalition ist also bald klar: Hier gibt es
       keinen Skandal.
       
       18. Sitzung, 15. Dezember 2016. 
       
       Frage des Grünen-Abgeordneten Krischer an Bundesumweltministerin Barbara
       Hendricks, SPD: „Sie kennen doch sicher das Handbuch für Emissionsfaktoren
       aus dem Umweltbundesamt, Ihrer nachgeordneten Behörde. Da kann man
       nachlesen, (…) dass die Emissionen steigen, obwohl eigentlich die
       Grenzwerte immer niedriger sind. Stellt man sich da nicht die Frage: Da
       stimmt doch irgendwas nicht?“
       
       Hendricks: „Ehrlich gesagt, ich kenne das Handbuch nicht.“
       
       Krischer: „Ach so, Sie kennen das nicht.“
       
       Hendricks: „Nein, ich finde auch nicht, dass ich das kennen muss.“ 
       
       ## Ein Minister im Aufsichtsrat
       
       SPD und Union halten sich mit peinlichen Fragen an ihr eigenes
       Spitzenpersonal zurück. Der SPD-Politiker Stephan Weil ist
       Ministerpräsident von Niedersachsen, einem Land, das 20 Prozent der Aktien
       des Autobauers hält und das ihn in den VW-Aufsichtsrat geschickt hat. „Vom
       VW-Skandal habe ich aus der Tagesschau erfahren“, sagt er den Abgeordneten.
       Niemand fragt ihn, ob so die Aufsicht eines Aufsichtsrats aussieht.
       
       Manche Fragen bleiben nicht nur unbeantwortet, sondern vor allem
       ungestellt. So behauptet der Verkehrsexperte und frühe Warner Axel
       Friedrich, der lange am Umweltbundesamt arbeitete, er habe bei einem
       Treffen im Februar 2011 den Abteilungsleiter A. aus dem Verkehrsministerium
       auf die Indizien für die Abschalteinrichtung hingewiesen. Zehn Wochen
       später vernimmt der Ausschuss ebendiesen Beamten – und fragt ihn nicht nach
       diesem Vorwurf.
       
       Die ehemaligen Umweltminister Gabriel und Altmaier erzählen von einer
       geplanten „Feldüberwachung“, in der Autos unter realen Bedingungen getestet
       werden sollten. Dabei wäre die VW-Lüge wahrscheinlich aufgeflogen. Aber
       nichts geschah, weil die Entscheidung darüber nach Gabriels und vor
       Altmaiers Amtszeit fiel. Damals im Amt: Umweltminister Norbert Röttgen,
       CDU. Der aber steht gar nicht auf der Zeugenliste. Ebenso wenig wie Thomas
       Steg, der 2002 bis 2009 Sprecher der Bundesregierung war und jetzt
       Cheflobbyist von VW ist.
       
       ## Kommt in ein paar Jahren der nächste Skandal?
       
       18. Sitzung, 15. Dezember 2016. 
       
       Sigmar Gabriel, Wirtschaftsminister: „Besondere Beziehungen zur
       Auto-Industrie? Na klar habe ich das; deshalb bin ich Wirtschaftsminister.
       Bei mir in der Region leben die Leute davon, und es gäbe übrigens die DUH
       vermutlich nicht, wenn nicht dieses Land in der Lage wäre, ökonomisch
       solche Erfolge zu haben, um Umweltschutz finanzieren zu können.“
       
       Am Mittwoch wird Angela Merkel als letzte Zeugin vor dem Ausschuss
       sprechen. Die Abgeordneten werden versuchen herauszufinden, wann die
       Kanzlerin informiert wurde. Danach schreiben sie ihren Abschlussbericht.
       Dabei werden sie darum kämpfen, welche Deutung des Abgasskandals sich
       offiziell durchsetzt: Staatsversagen oder kriminelle Einzelfälle? Ein
       Standardwerk zur deutschen Autokratie wird der Bericht in jedem Fall.
       
       Fragt man Behrens nach einem Ausweg aus dieser Verflechtung, sagt er:
       Transparenz. Bei den Behörden, aber auch durch „öffentliches
       Mitspracherecht bei Unternehmensentscheidungen“. Soll heißen: Mehr Macht
       für Gewerkschaften. Weil die aber Teil der Autokratie sind, müssten sie
       sich ganz neu aufstellen. „Aufsichtsräte könnten viel aufmüpfiger sein.
       Sonst haben wir in ein paar Jahren den nächsten Skandal.“
       
       Potenzial dafür gibt es genug. Nach wie vor weiß niemand, wie Dieselmotoren
       jemals die Grenzwerte für Stickoxid einhalten sollen, also: ob der Diesel
       überhaupt eine Zukunft hat. Auch bei Spritverbrauch und CO2-Werten dieser
       Wagen wird viel getrickst. Die gesamte Autoindustrie steht wegen der
       Elektromobilität vor einem gigantischen Umbruch.
       
       Die Krise hat es nicht geschafft, den Konsens zwischen Politik und
       Industrie zu schwächen. Eher rücken die Bedrängten enger zusammen. Ab
       Herbst 2017, zwei Jahre nach Bekanntwerden des VW-Skandals, sollten die
       Grenzwerte für Stickoxide bei Dieselwagen eigentlich sinken. Ein Vorstoß
       der EU. Aber weil kaum ein Auto diese Grenzen einhält, reagierte die ganz
       große Koalition aus Industrie und Politik wie gewohnt. Sie verbesserte
       nicht die Motoren. Sie verwässerte das Gesetz.
       
       6 Mar 2017
       
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   DIR Bernhard Pötter
       
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   DIR Comiczeichner über Klischees: „Ich hatte echten Bammel“
       
       Der Zeichner Mikael Ross hat mit „Der Umfall“ das Dorf Neuererkerode
       porträtiert, wo Menschen mit geistiger Behinderung leben.
       
   DIR Der Staat als Anteilseigner: Staat, Markt und Macht der Konzerne
       
       Wie sinnvoll ist es eigentlich, dass der Staat an VW beteiligt ist? Die
       jüngsten Verwicklungen zwischen Politik und Industrie werfen ein paar
       Fragen auf.
       
   DIR Subventionen für E-Mobilität gestoppt: E-Autos systematisch abgewürgt
       
       Die dänische Regierung kappt die Subventionen für Elektroautos. Nun will
       niemand mehr die Fahrzeuge kaufen.
       
   DIR Betrugsverdacht bei VW-Tochter Audi: Der Trick mit dem Lenkrad
       
       Bei 24.000 Oberklasse-Autos soll der Konzern bei den Abgastests betrogen
       haben. Die Lenkwinkelerkennung hat dabei wohl geholfen.
       
   DIR Abgastest in der EU: Deutschland lässt das Stänkern nicht
       
       Brüssel zieht Konsequenzen aus dem VW-Dieselskandal, doch Berlin steht
       weiter auf der Bremse. Die letzte Entscheidung fällt im Trialog-Verfahren.
       
   DIR Verdacht auf Marktmanipulation: Neue Ermittlungen bei VW
       
       Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt einem Bericht zufolge gegen
       den Konzernchef Matthias Müller. Die Aktionäre entlasten den Vorstand
       dennoch.
       
   DIR Diesel-Skandal und Umweltverbände: VW lässt Abgas-Kritik verbieten
       
       Volkswagen erwirkt eine einstweilige Verfügung gegen die Deutsche
       Umwelthilfe. Der Verband hatte eigene Abgasmessungen durchgeführt.
       
   DIR Wir retten die Welt: Klangschale mit Beduftung
       
       Sie dachten, Autos stinken und töten? Weit gefehlt, erklärt uns Mercedes.
       Die Boliden sind gut für den Geist, sie machen gesund und schlau.
       
   DIR Verdacht auf Diesel-Betrug bei Daimler: Staatsanwaltschaft ermittelt
       
       Wegen möglicher Abgas-Manipulationen ist nun auch Daimler ins Visier der
       Ermittler geraten. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft Stuttgart.
       
   DIR Abgasausstoß bei Renault-Dieselautos: 25 Jahre lang geschummelt
       
       Der französische Autokonzern sieht sich schweren Vorwürfen einer Behörde
       ausgesetzt. Die gesamte Führung soll vom Betrug gewusst haben. Renault
       streitet das ab.
       
   DIR Gefälschte Abgaswerte bei VW-Tochter: Razzia bei Audi
       
       Auf der Jahrespressekonferenz wollte Audi-Chef Stadler einen Ausblick in
       die Zukunft geben. Doch die Justiz machte ihm einen Strich durch die
       Rechnung.
       
   DIR Zukunft von Volkswagen: Morgen grün, heute profitabel dreckig
       
       2025 will VW Öko-Vorreiter sein. Heute produziert der Konzern
       Milliardengewinne und Autos, die selbst nach Rückruf Grenzwerte knacken.
       
   DIR Kolumne Wir retten die Welt: Sterbehilfe für Milliarden
       
       Wenn Peugeot Opel übernimmt, warum werde ich dann meinen alten Zafira nicht
       los? Weil wir lieber unsere Fossilien durchfüttern.
       
   DIR Kanzlerin vorm Untersuchungsausschuss: Nichts sehen, nichts sagen
       
       Angela Merkel sieht kein Versäumnis der Behörden beim Umgang mit dem
       VW-Abgasskanal. Das sagte sie als Zeugin vor dem Untersuchungssausschuss.
       
   DIR Dieselskandal bei VW: Sie können auch anders
       
       Vorfahrt für die Autoindustrie? Nicht in Kalifornien: Die Chefin der
       US-Behörde CARB erzählte dem Bundestag, wie ihre Behörde den VW-Betrug
       aufdeckte.
       
   DIR Kalifornische Umweltbehörde: VW-Skandal wohl kein Einzelfall
       
       Die Abgas-Affäre bei Volkswagen kam in den USA ans Licht. Eine
       Chef-Aufklärerin sprach nun vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestags.
       
   DIR Verkauf des Autokonzerns Opel: Opelaner lernen Französisch
       
       Nach 88 Jahren endet der US-amerikanische Einfluss beim deutschen
       Autokonzern Opel. Was wird jetzt aus den betroffenen Mitarbeitern?
       
   DIR Kommentar Dobrindt im VW-Ausschuss: Beim Auspuff hört's auf
       
       Bringen die jüngsten Aussagen im VW-Ausschuss Neues ans Licht? Ja, sie
       zeigen das eingeschränkte Blickfeld der deutschen Verkehrspolitiker.
       
   DIR Ausschuss zum VW-Skandal: Unwissen ist Macht
       
       Verkehrsminister Dobrindt feiert vor dem Ausschuss seine Erfolge. Zur
       Aufklärung des Abgas-Skandals hat er wenig beizutragen.
       
   DIR Nach Betrug bei Abgastests: Luxemburg will durchgreifen
       
       Das Land ist bei Autoherstellern für Abgaszulassungen besonders beliebt.
       Doch nun geht der Verkehrsminister gegen Audi und VW vor.
       
   DIR Volkswagen überholt Toyota: Rekordabsatz trotz Abgas-Skandal
       
       Nun ist es offiziell: Volkswagen hat 2016 gemessen am Absatz seinen
       japanischen Erzrivalen Toyota als weltgrößten Autobauer abgelöst.
       
   DIR VW-Abgasskandal: Ermittlungen gegen Winterkorn
       
       Was wusste der frühere VW-Konzernchef Martin Winterkorn wann? Die
       Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Anfangsverdachts des Betruges.