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       # taz.de -- Niederlage für Lübecker Bürgermeister: Bürgermeister abgesägt
       
       > SPD-Bürgermeister Bernd Saxe verliert einen Volksentscheid und verzichtet
       > auf eine vierte Amtszeit. Seine Chancen auf Wiederwahl wären gering
       > gewesen
       
   IMG Bild: Können erst mal bleiben: die Linden an der Untertrave am Rande der Lübecker Altstadt
       
       Hamburg taz | Vom Ende eines „Politikstils der mangelnden Dialogfähigkeit“
       spricht Michelle Akyurt, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Lübecker
       Bürgerschaft. Das Ende einer Ära ist es zudem: Bernd Saxe, seit 2000
       Bürgermeister der Hansestadt an der Trave, verzichtet auf eine erneute
       Kandidatur bei der Wahl im kommenden Jahr.
       
       Auf eine vierte Amtszeit verzichte er „aus rein privaten Gründen“, erklärte
       der 62-jährige Sozialdemokrat am Sonntagabend. Dabei gibt es auch
       mindestens zwei politische Gründe für seinen angekündigten Rücktritt: eine
       Niederlage bei einem Bürgerentscheid und eine starke Gegenkandidatin.
       
       Beim Referendum am Sonntag lehnte eine knappe Mehrheit der abstimmenden
       LübeckerInnen die Umgestaltung des Straßenzuges An der Untertrave zu einer
       Flaniermeile am Fluss ab. Grund dafür war die vorgesehene Fällung von 28
       Winterlinden am Traveufer. Die etwa 70 Jahre alten Bäume sollten zwar durch
       60 neue ersetzt werden, dennoch stoppten 50,3 Prozent der Abstimmenden das
       rund 15 Millionen Euro teure Vorhaben.
       
       Nun muss Saxe, für den die Abstimmung eine Niederlage ist, eine neues
       Gestaltungskonzept für den Straßenzug am Rande der Unesco-Welterbe-Altstadt
       erarbeiten lassen. Seine dritte Amtszeit endet erst im April 2018. Beerbt
       werden wird Saxe mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Frau: Kathrin
       Weiher soll nach mehr als 800 Jahren die erste Bürgermeisterin der einst so
       ruhmreichen Königin der Hanse werden.
       
       Die 54-jährige parteilose Schul- und Kultursenatorin der Travestadt soll
       nach drei Jahrzehnten Regierungszeit männlicher Sozialdemokraten und drei
       Amtszeiten Saxes für frischen Wind sorgen. Sie ist die gemeinsame
       Kandidatin fast aller Fraktionen in der Lübecker Bürgerschaft, die nicht
       SPD heißen: CDU, Grüne, Bürger für Lübeck (BFL), FDP und Linke unterstützen
       Weiher.
       
       Denn allzu groß ist die Unzufriedenheit der versammelten Opposition mit
       Saxe. Die Hansestadt ist mit einem Schuldenberg von rund 1,5 Milliarden
       Euro konkursreif, die Posse um den dreimal für lau an windige Investoren
       verkauften Flughafen, auf dem sich dennoch nichts bewegt, machte die Stadt
       bundesweit zum Spottobjekt (siehe Kasten). 
       
       Saxes Kritiker werfen ihm mangelnden Sparwillen und Ideenlosigkeit vor.
       „Schuldenkönig von Lübeck“ nennt ihn Marcel Niewöhner von der BfL. Er habe
       sich hinter Sachzwängen „verschanzt“, sagt Akyurt von den Grünen, die
       mehrfach mit Saxes SPD koaliert hatten: „In seiner Kommunikation war immer
       sehr viel Einbahnstraße.“
       
       Jetzt solle Weiher „das leckgeschlagene Schiff wieder flottmachen“, lautet
       die Anforderung an die Diakoniewissenschaftlerin, die bei mehreren
       Sozialverbänden als Geschäftsführerin gearbeitet hat. Weiher solle
       verkrustete Verwaltungsstrukturen erneuern und „mehr Dialog wagen“, fordern
       ihre Unterstützer von ihr. Unklar ist indes noch, ob die SPD einen neuen
       Kandidaten präsentiert.
       
       Vor zwei Jahren bereits hatte Weiher sich als Senatorin gegen den damaligen
       SPD-Fraktionschef Jan Lindenau durchgesetzt – mit 24 zu 23 Stimmen,
       unterstützt von demselben Anti-SPD-Bündnis, das sie nun zur Stadtchefin
       machen will. Der Probelauf von 2014 indes fand in der Bürgerschaft statt,
       BürgermeisterInnen aber werden direkt vom Volk gewählt.
       
       Als Kandidatin gegen Filz in der SPD-Hochburg hinterm Holstentor wird
       Weiher sich präsentieren und als überparteiliche Bürgermeisterin für alle –
       und nicht zuletzt als Frau. Denn das kann nach 228 männlichen Vorgängern
       nicht schaden.
       
       19 Dec 2016
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Sven-Michael Veit
       
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